Szenen eines Irrtums
Wir sind stärker! Dachten die Nachbarn von Gisela Hopfmüller. Und luden die in Friaul lebende Journalistin zum Public Viewing auf die Piazza von Prepotto ein. Stärker waren im EM-Finale dann die Spanier.

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Wir sind stärker! Marco schreibt uns eine Mail und strotzt für das abendliche EM-Finale vor Zuversicht. Kommt zu uns nach Prepotto, ich reserviere für Franz einen Platz in der Bar vor dem Fernseher. Für mich auch, lautet die elektronische Bitte der zugehörigen Ehefrau. In seiner Antwortmail beliebt Marco zu scherzen: In Italien, ... nein in Friaul, ... nein in Prepotto, nein bei uns bleiben die Frauen zusammen und plaudern. Und die Männer schauen die Partie an & trinken ein Bier. Und wenn alles gut gegangen ist, dann trinken sie noch ein Bier! Dann kommt doch lieber zu uns zum Fernsehen, da dürfen auch die Frauen zuschauen, schicken wir prompt retour. "Comunque vedremo", meint Marco. Na dann, schauen wir mal! Wenn Ihr gegen 19 Uhr kommt, essen wir eine Kleinigkeit und dann geht?s los mit dem Match! Wir sind stärker!
Um 20 Uhr ist die Bar in dem kleinen Ort Prepotto in den friulanischen Hügeln schon gut gefüllt. Heraußen hat Wirt Maurizio für diesen Abend des für alle sicher scheinenden Triumphes einen zweiten Fernseher installiert, und auch vor diesem herrscht bereits fröhliches Treiben. Fast alle Sitze sind schon besetzt, auch von zahlreichen Frauen. Adriana, die Apothekerin des Ortes, hat zuvor mit ihrem Mann noch in Marcos Trattoria gegessen und nimmt nun ebenfalls vor dem Bildschirm Platz, so wie etwa andere 50 Tifosi aller Altersstufen. "Komm Gisela", meint Marco, und deutet auf die drei freien Sessel, die der Wirt für uns reserviert hat. Was trinken wir, will er von Franz wissen? Una birra! Na klar, und nach dem Sieg der Azzurri dann noch eines. Dass Schwärme winziger Fliegen von den Gästen Besitz ergreifen, stört niemanden. Forza, Azzurri! Anpfiff. Aaahhhhh! Ein Aufschrei! Balotelli, der Superstürmer, hat zum ersten Mal auf das spanische Tor geschossen. Der Ball geht knapp am Tor vorbei. "Balotelli, Balotelli, mach es wie gegen die Deutschen", tönt es laut über den kleinen Platz – in Erinnerung an dessen beide Tore gegen die "Merkel-Squadra". Just in diesem Moment erscheinen vier neue Gäste vor der Bar, deutsche Touristen, die in einem nahen Agriturismo wohnen. Sie bestellen sich Pizza und Bier und sind zur Integration in die Gruppe der Tifosi wild entschlossen. Ouhh! Dieser Aufschrei markiert Entsetzen: Die Spanier haben das erste Tor geschossen. Das italienische Fernsehen zeigt kurz Premierminister Monti auf der Ehrentribüne des Stadions. Seine Miene ist noch bedrückter als sonst. C?è Monti in tribuna, da ist Monti auf der Tribüne, das bringt kein Glück, befürchtet einer an der Theke lehnend. Oh dio! Das 2:0! Kurz ist es ganz still in und vor der Bar. Ein österreichisches Ehepaar kommt vorbei, sie haben drüben in Marcos Trattoria gegessen. 2:0! "Scheisse", sagt er. "Secondo tempo... 3:2 per Italia", versucht seine Frau die Runde zu ermutigen. Freundliches Nicken, die Blicke auf die Fernsehbilder wie festgenagelt. Gefahr... diesmal vor dem spanischen Tor! Ma dai! Derlei Anfeuerung hilft leider nicht. Die abendliche Luft wird jetzt kühler, die Gemüter erregter. Wir müssen die Kraft des Semifinales entwickeln, tönt der TV-Reporter. Fuori gioco, abseits, zeigt ein Schiedrichterassistent an. Empörung in und vor der Bar von Prepotto! Drei Spanier kreisen Balotelli ein. Gelächter. Drei brauchen sie, um ihn zu stoppen, vergisst einer kurz den unerfreulichen Spielstand. Ein Foul an einem Italiener. "Rigore! Elfmeter!", verlangen die Zuschauer vergeblich. Was für ein Fest war die Partie Italien gegen Deutschland, und jetzt das. Von derlei Enttäuschung sind in der Pause die Gespräche bestimmt. Ma bravi ragazzi, aber trotzdem tüchtige Burschen, motiviert sich einer der Unzufriedenen selbst für die zweite Hälfte.
Zumindest Nummer zwei"
Schaut nicht gut aus, leidet der Österreicher mit den Italienern. Der nächste Angriff aufs italienische Tor. "Non vi preoccupate! Macht Euch keine Sorgen", schreit einer im Vertrauen auf die Fähigkeiten des Torhüters Buffon. Jetzt schießt Pirlo einen Pass zu Di Natale. Marco ist begeistert: Di Natale hat für seinen Klub Udinese in den letzten drei Jahren 65 Tore geschossen, jetzt wird es ernst für die Spanier. Aber Pirlos Pass für Di Natale geht ein bisschen zu weit, der spanische Tormann greift sich den Ball und schon rollt der Gegenangriff der Spanier. Oh no! 74.Minute. Marco bestellt eine Runde Bier, es wird angestoßen auf ein 2:2! Die Hoffnung lebt. Die italienische Nummer 6 bringt die spanische Nummer 15 zu Fall, ganz nahe am Strafraum. Heiterkeit. "Wir hatten zu wenig Zeit zur Erholung", tönt der RAI-Reporter und meint damit offenbar, dass die italienische Squadra Ermüdungserscheinungen zeigt. Was Folgen hat. 3:0 für Spanien. Ein schriller Schrei. Stai zito, ruft einer, sei ruhig. Che sfiga, ruft ein anderer, was für ein Pech! Bravi ragazzi, versucht ein dritter wie in der ersten Hälfte Trost zu spenden. Marco tut das differenzierter: Aber wir sind jedenfalls die Nummer zwei in Europa! Und: wir haben die Merkel-Truppe geschlagen! Im TV ein Zwischenschnitt auf das Gesicht des Stürmerstars Balotelli. Es ist inzwischen wie versteinert. Non è possibile! Es ist wie ein kollektives Aufheulen, als das 4:0 fällt. Jetzt breitet sich Zynismus aus. Na, das war klar, das das auch noch kommt. Super, die Spanier. Die ersten Zuschauer verlassen die Bar. Es wird immer ruhiger. Das tut mir wirklich leid für die Italiener, meint einer der deutschen Gäste, findet damit aber keine Beachtung. "1, 2, 3... finita", ruft der RAI-Reporter. Das Licht in der Bar geht wieder an. Marco hat nur noch die Kraft seinen schlechten Scherz vom Vormittag fortzusetzen: Deshalb sollen Frauen nicht zuschauen, das bringt kein Glück! Am Nebentisch ist rasch noch ein anderer Grund für die Niederlage gefunden: Deutschland hat verloren wegen der Merkel, Italien wegen Monti! Die Fernsehübertragung ist – aus spanischer Sicht – am Höhepunkt. Die Spanier halten strahlend den Pokal in die Kameras. 8 Kilo schwer, Gold, vermeldet der Reporter. Die Kameras sind unbarmherzig: Pirlo weint. Buffon weint. Balotelli weint. Und ein paar Tränen fließen auch auf der kleinen Piazza von Prepotto in den friulanischen Hügeln.













