Deutschland: Ein Schritt zurück in Richtung Titel
Das deutsche Nationalteam schlägt Portugal - und weiß selbst nicht genau wieso. Fußball-Rationalisten freuen sich umso mehr: Denn Deutschland feiert rechtzeitig zum EM-Start sein Comeback. Ein Kommentar von Thomas Huber.

Foto © Graphic NewsMesut Özil & Co. gewannen, ohne zu glänzen
Sie können es doch noch, die Deutschen. Schlecht spielen, am Ende aber doch siegen. So wie es eben auch Mario Gomez meistens macht: Schlecht spielen, aber trotzdem kurz vor seiner Auswechslung treffen. Deutschland 1. Portugal 0. Dennoch ist Fußball-Deutschland enttäuscht. "So wird's nichts mit dem EM-Titel!", sind sich Fans und Experten a la Netzer schon kurz nach Schlusspfiff einig. Genau jene Fußball-Rationalisten, die sich noch vor ein paar Jahren über den "Deutschland-Dusel" und den Nimbus der erfolgreichen Turniermannschaft gefreut haben.
Seit der Heim-WM 2006 hat die deutsche Nationalelf international fleißig Sympathiewerte gesammelt. Pass für Pass. Tor für Tor. Junge Spieler, schnelles Kombinationsspiel, schöne Treffer – das reißt mit, das kommt an. Sogar beim meist belächelten kleinen Bruder: Österreich, den "Ösis", den "Schluchtenscheißern". Spätestens seit der WM 2010 scheint es auch in der Alpenrepublik nicht mehr verpönt zu sein, Özil- oder Müller-Trikots zu tragen. Ob Sieg oder Niederlage, Häme und Neid wichen Respekt und Anerkennung – so der Eindruck. Und nun? Macht Deutschlands Nationalteam sein "Schön spielen und trotzdem erfolgreich sein"-Image bei dieser EM gar wieder zunichte? Ein Rückfall in alte, unsympathische Zeiten?
Doppeltes Selbstvertrauen
Gegen Portugal – und auch schon in den Testspielen vor der EM – waren Deutschlands Kicker von begeisterndem Tempo-Fußball so weit weg wie Andi Ogris von einem Traineramt beim FC Barcelona. Gewonnen haben sie trotzdem. Die direkten Konkurrenten aus den Niederlanden dafür nicht. Das gibt doppeltes Selbstvertrauen. Selbstvertrauen, das zum Beispiel ein vom verlorenen "Finale dahoam" noch immer traumatisierter Bastian Schweinsteiger nur allzu gut brauchen kann. Genauso wie die Ruhe, die nun in Löws Team einkehren wird.
Dass Deutschland wieder Deutschland sein kann, macht das Team von Jogi Löw bei dieser EM noch gefährlicher. Auch die Ästhetik wird ihr Comeback feiern. Und dann wird es wieder heißen: Sie können es doch noch, die Deutschen.
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