Der Löwen lange Liste des Leids
Heute wartet ein Prestige-Duell auf Fußballfans. Erzrivalen Frankreich & England treffen in Donezk aufeinander. Rollen sind diesmal klar verteilt: England ist krasser Außenseiter. Bestandsaufnahme von Matthias Reif.

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So haben sich die England-Fans das nicht vorgestellt. Dabei hatte alles so gut begonnen. Mit Fabio Capello bekamen die verwöhnten englischen Fußball-Stars 2007 endlich einen Trainer, der überflüssige Privilegien abschaffte. Geliebte Rückennummern wurden den Positionen entsprechend neu verteilt, Frauen waren während der Teamcamps tabu, das lockere "Du" wurde am Platz wieder zum professionellen "Sie". Und Capellos strenges Regiment schien zu greifen. Der Italiener ließ die üblich gewordenen Mätzchen und Eskapaden in den Hintergrund treten und entfachte wieder Hunger bei den Löwen. Einen Hunger, der bei der EM 2012 endlich gestillt werden sollte, nachdem bei der WM 2010 im Achtelfinale gegen Deutschland Schluss war.
Nach einer souveränen EM-Qualifikation – England blieb ungeschlagen – war der Traum vom Titel wieder omnipräsent und auch legitim. Doch das Unheil nahm schon im letzten Quali-Spiel gegen Montenegro seinen Lauf, als sich Wayne Rooney die unnötigste Rote Karte seiner Karriere einhandelte. Deshalb darf der United-Stürmer nun zwei Drittel der EM-Gruppenphase auf der Tribüne verbringen.
"Along came Terry"
Als Capello Anfang Feber sein Amt als englischer Teamchef zurücklegte, begann rechtzeitig zur EM-Vorbereitung der Abstieg der bis dahin ambitionierten Briten. Weil Kapitän John Terry Anton Ferdinand, den Bruder von United-Legende Rio, rassistisch beschimpfen musste (es gilt die Unschuldsvermutung), zog der Verband Konsequenzen und enthob den Chelsea-Verteidiger seines Amtes. Capello war damit nicht einverstanden, weil Terry noch nicht verurteilt war. Der Italiener fühlte sich übergangen und nahm den Hut. Sein Nachfolger Roy Hodgson wurde viel zu spät engagiert und ist nicht sonderlich beliebt. Er musste sich seit seinem Amtsantritt viel gefallen lassen. Die Yellow-Press bezeichete ihn als faulen Kompromiss, als zweite Wahl, als "Ja-Sager im Blazer". Der Wunschkandidat der Öffentlichkeit, Harry Redknapp, blieb lieber bei seinen Hotspurs. Und er wird wissen, warum. Die "Three Lions" haben bei der EM nur die Außenseiterrolle inne.
Rassismus & Pessimismus
Der Spielerstamm der Engländer ist hoffnungslos veraltet. Scott Parker, Steven Gerrard, Ashley Cole oder John Terry haben die 30er-Marke überschritten, einige weitere feiern den runden Geburtstag in Kürze. So gesehen müssen die England-Fans geradezu dankbar für das sagenhafte Verletzungspech der Nationalmannschaft sein. Goalie John Ruddy, Gareth Barry, Gary Cahill, Chris Smalling, Darren Bent, Jack Wilshere und Frank Lampard sind rekonvaleszent. Rio Ferdinand wurde trotz der löchrigen Verteidigung nicht berücksichtigt, da man eine Konfrontation mit Terry befürchtet. Dafür bekommen ein paar neue Gesichter eine Chance, wie das Liverpool-Trio Andy Caroll, Jordan Henderson und Martin Kelly. Auch Arsenals 18-jähriges Supertalent Alex Oxlade-Chamberlain weckt vage Hoffnungen. Eine der wenigen guten Nachrichten aus dem englischen Lager: mit Meister-Goalie Joe Hart dürfte sich das eklatante Torhüterproblem auf der Insel vorerst erledigt haben.
Krasser Außenseiter
Am Montag geht es gegen den Erzrivalen Frankreich, der im Gegensatz zu den Briten mit breiter Brust in das Turnier startet. Die WM-Schmach ist vergessen, Franck Ribery ist begnadigt. Samir Nasri und Karim Benzema wurden diesmal einberufen und die "Bleus" haben seit 21 Spielen nicht verloren. Teamchef Laurent Blanc hat seine Hausaufgaben gemacht und die Franzosen zum Geheimfavoriten gemacht. Zudem haben die Blauen die letzten fünf Begegnungen mit England nicht verloren.
Die Erwartungen in England sind also ob der Summe der Katastrophenmeldungen äußerst gering. Aber vielleicht können die "Three Lions" gerade das zu ihrem Vorteil nutzen. Vielleicht schweißen die widrigen Umstände das Team zusammen. Vielleicht übertreffen die jungen Lückenfüller alle Erwartungen. Vielleicht wartet aber auch die nächste Pleite auf die Löwen. Nur diesmal bitte ohne Wembley-Tor.







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