Das System führt nicht zum Titel
Die Niederlande galten vor der EM als einer der Top-Favoriten auf den Titel. Doch das sture Festhalten am starren System und die mangelnde Harmonie innerhalb des Teams zerstörten früh die Erfolgaussichten der aktuellen "Elftal"-Generation. Ein Abgesang von Stefan Tauscher.

Foto © APATrauriger Anti-Held: Arjen Robben
"Ich habe vielleicht nicht die besten Spieler Österreichs nominiert, sondern mich bemüht, die Richtigen auszuwählen. Und das müssen nicht immer die Besten sein", meinte einst, kurz vor der Europameisterschaft im eigenen Land, Teamchef Josef Hickersberger – und begründete so den Verzicht auf Marc Janko und Stefan Maierhofer und die Einberufung von Roland Linz und Roman Kienast. Damit erntete der "Färöer-Pepi" so manches Stirnrunzeln unter den gefühlten acht Millionen Teamchefs der Alpenrepublik. Die Niederlande sind doppelt so groß wie Österreich, folglich bevölkern auch 17 Millionen Möchtegern-"Bondscoaches" das Land der Windmühlen und Tulpen.
Streit zwischen beiden Topstürmern
Als amtierender Vizeweltmeister war die "Elftal" ins Turnier in Polen und der Ukraine gestartet, bei der es in der "Todesgruppe" B nach der peinlichen Niederlage gegen Dänemark ausgerechnet gegen den Erzrivalen Deutschland ging. "Wir müssen gewinnen. Bei dieser EM hat diese einzigartige Generation ihre letzte Chance, einen Titel zu holen. Das muss uns gegen die Deutschen klar sein", gab der raubeinige Kapitän Mark van Bommel die Devise aus. Doch mit dem sturen Festhalten am starren System (4-2-3-1) und den damit aufgeworfenen Diskussionen um den "richtigen" Mittelstürmer hatten sich die hochgelobten Oranje-Stars schon vor der Partie selbst aus dem Spiel um den Titel genommen.
"Van Marwijk hat nach Namen aufgestellt und dann für die Spieler Positionen gesucht", monierte ausgerechnet dessen Vorgänger als Teamchef, Marco van Basten, schon nach der 1:2-Testspielniederlage gegen Bulgarien. Defensiv-Verfechter Huub Stevens, derzeit Trainer des Revierklubs Schalke 04, forderte wie viele andere ein Sturm-Duo: "Ich habe immer gesagt, ich würde mit Van Persie und Huntelaar zentral in der Spitze spielen. Du hast den englischen und den deutschen Torschützenkönig. Das hätte man nutzen müssen."
Doch das Experiment, mit beiden Topstürmern in der Startaufstellung zu starten, scheiterte grandios, weshalb Bert van Marwijk wieder auf den Arsenal-Kapitän Robin van Persie setzte, der in der Premier League 30 Treffer erzielt hatte – und damit einen mehr als Klaas-Jan Huntelaar für Schalke in der deutschen Bundesliga. Huntelaar hatte es in der EM-Qualifikation auf zehn Tore in zwölf Spielen gebracht, folglich war und ist der lauthals verkündete Ärger des Goalgetters über seine Reservistenrolle zwar menschlich verständlich, aber für den Erfolg des Teams höchst abträglich.
Bei einer Umfrage des Online-Portals "Voetbalprimeur.nl" vor der EM hatten sich von fast 10.000 Anhängern 71,3 Prozent für einen Stammplatz des Bundesliga-Torschützenkönigs ausgesprochen. Für seinen Rivalen Robin van Persie stimmten lediglich 28,7 Prozent. Das sorgt für Anspannung: Am Montag weigerten sich beide, an den traditionellen Tischgesprächen mit den heimischen Medienvertretern teilzunehmen, weil sie keine Lust hatten, die Dauerdiskussion über die Besetzung der Offensive zu kommentieren. Doch die Frage des "richtigen" Teamstürmers ist nicht die einzige orange Baustelle: Die meisten Stars der niederländischen Offensive – van Persie, Huntelaar, Arjen Robben, Wesley Sneijder, Dirk Kuyt, van der Vaart – sind eher durch wechselseitige Animositäten denn Sympathien miteinander verbunden. Wenn jedoch das Ego über dem gemeinsamen Traum steht, hätte auch ein Mediator Schwierigkeiten.
Statische "Doppel-Sechs", hölzerne Defensive
Zu diesen psychologischen Aspekten gesellen sich die derzeitige Unform mancher Akteure und hausgemachte taktische Fehler: Robben hat traumatische Erlebnisse am Elferpunkt zu verarbeiten, Sneijder und van der Vaart absolvierten bei ihren Vereinen Inter und Tottenham eine mäßig begeisternde Saison, der auf links aufgebotene Ibrahim Afellay verbuchte 2011/12 wegen eines Kreuzbandrisses bei Barcelona gerade mal 128 Spielminuten. Dazu kommt eine äußerst statische "Doppel-Sechs": Mark van Bommels Leaderqualitäten sind unbestritten, für die feine Klinge ist der Schwiegersohn von Bondscoach Bert van Marwijk jedoch nicht berühmt. Das gilt auch für seinen Kompagnon de Jong, dessen brutaler Kung-Fu-Tritt gegen Spaniens Xabi Alonso im WM-Finale 2010 noch allen Fußballfans in unangenehmer Erinnerung ist.
Die Probleme setzen sich in der Defensive fort: Maarten Stekelenburg ist definitiv kein zweiter Edwin van der Saar, die beiden etatmäßigen Verteidiger John Heitinga und Joris Mathijsen haben den Zenit ihrer Karriere schon hinter sich – und auch sie trennen Welten von den einstigen Abwehrgrößen Ronald Koeman oder Frank de Boer. Eine schwache und hölzerne Defensive, eine zerstrittene und teils in Unform spielende Offensive, ein verzweifelt die richtige Aufstellung suchender, von den heimischen Medien stark kritisierter Cheftrainer – fertig ist die Melange, die auch dieser großen "Elftal"-Generation den ganz großen Wurf kostet. Van Marwijk hat für diese EM eher die besten Kicker seines Landes einberufen, denn die richtigen.
Features
Foto








Deutschland
Portugal
Dänemark
Niederlande






