Cordoba oder das Gemeinsame
Warum Deutsche und Österreicher einander und sich selbst nur auf dem Fußballplatz wirklich finden können - Betrachtungen eines Berliners.

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Besucht ein Deutscher in Berlin die Lesung eines österreichischen Schriftstellers, um einen leibhaftigen Österreicher zu sehen, wird er nur Deutsche treffen, die die Suche nach einem leibhaftigen Österreicher in die Lesung eines österreichischen Schriftstellers verschlagen hat. Es ist unmöglich, in Berlin einen Österreicher zu treffen, obwohl alle Österreicher angeblich fortwährend beteuern, demnächst in Berlin zu sein, um auf Lesungen eines österreichischen Schriftstellers nach leibhaftigen Deutschen Ausschau zu halten, die nach einem leibhaftigen Österreicher Ausschau halten.
Original gesucht. Fährt der Deutsche nach Wien, um wenigstens dort auf einen Österreicher zu stoßen, wird er ausschließlich Deutsche finden, die in der Hofburg, im Burgtheater oder in der Staatsoper sitzen mit einem Schild in den Händen: "Original Österreicher gesucht!!!", obwohl jedes Kind weiß, dass sich seit Jahrhunderten kein Österreicher in die Hofburg, ins Burgtheater oder in die Staatsoper verirrt hat.
Umgekehrt wird von Österreichern berichtet, die, vom Wunsch nach Kontakt mit einem authentischen Deutschen getrieben, in Berlin bis in die Neue Nationalgalerie, in die Staatsoper und ins Berliner Ensemble vorgedrungen sein sollen, obwohl der Deutsche diese Orte traditionell kompromisslos meidet.
Kulturnation. Fragt man den Österreicher in Berlin, warum er den Deutschen gerade an jenen Kulturstätten zu begegnen erwartet, die er selbst in seiner Heimat so beständig flieht, wird er beleidigt auf die ewige Selbstbezichtigung der Deutschen verweisen, Angehörige einer so genannten Kulturnation zu sein, umgekehrt der Deutsche über die Österreicher auf die Frage, warum er sie ausgerechnet im Burgtheater vermute.
So war es, und es war so lange Zeit, aber das ist vorbei. Die Sehnsucht der Deutschen nach den Österreichern und das schmerzliche Verlangen der Österreicher nach den Deutschen blieb unerfüllt und musste es bleiben, so lange der eine von dem anderen glaubte, er sei nicht nur ein anderer, sondern der ganz Andere - der Angehörige einer Kulturnation.





