Fehlende Disziplin, deswegen gibt's keine Goalie-Entscheidung
Bei Österreichs Kickern ist vor dem Euro-Start der Schlendrian eingerissen. Daraufhin hat der Teamchef auch gleich die Goalie-Entscheidung vertagt.

Foto © GEPAJosef Hickersberger will die Aufstellung nicht vor dem Match gegen Kroatien bekannt geben
Es ist auch ein Kampf gegen die Zeit. Nämlich gegen jene Spanne vor dem ersten Spiel, die zu lange zu werden droht. Josef Hickersberger sorgt für Überraschungen und muss jetzt auf mehreren Ebenen kämpfen. Denn der Teamchef trifft merkwürdige, für viele nicht nachvollziehbare Entscheidungen. So hat er die für gestern angekündigte Klärung der Frage, wer bei der Heim-Europameisterschaft das österreichische Gehäuse bewachen soll, ganz einfach vertagt.
Die Begründung: Es sei zu Disziplinlosigkeiten in der Mannschaft gekommen, genauer: "Unpünklichkeiten." Er wolle nicht, dass solche Kleinigkeiten zur Gewohnheit werden. "Das darf nicht einreißen. Wehret den Anfängen". Namen wurden nicht genannt, und es gebe auch keine für solche Vorkommnisse zuständigen "typischen" Kicker.
Special
Die Billard-Partie. Was haben sich die Spieler zuschulden kommen lassen? Konkret, so ist gestern nach der live übertragenen Pressekonferenz durchgesickert, verpassten einige Spieler den Beginn einer internen Besprechung, weil sie im Eifer des Gefechts einer Billard-Partie die Zeit übersahen. Oder die Abfahrt zum Training nur knapp nicht verpasst wurde. Hickersberger erwähnte auch, dass Teammitglieder zuletzt im Training bisweilen nachlässiger gewirkt hätten. Damit hätten sich auch, so der Teamchef weiter, die Prioritäten verschoben: "Ich bin nicht der Sklave meiner eigenen Fristen."
Reaktionen
Sturm im Wasserglas.
Öffentliche Beschwerden über Unpünktlichkeit, Disziplinlosigkeit und eine falsche Trainingseinstellung, wie es Josef Hickersberger getan hat, beurteilte der Sportpsychologe Norbert Paulus vom Berufsverband Österreichischer PsychologInnen mit "unlogisch". Er könne sich nicht vorstellen, dass dies "einer Mannschaft gut tut".
Günther Amesberger, Mentaltrainer der Nationalmannschaft, möchte die Disziplinlosigkeiten ganz und gar nicht überbewerten: "Das ist eine Vorspannung auf etwas Großes - in diesem Fall auf die Europameisterschaft. Wenn der Stress steigt, neigt man dazu Probleme nach Außen zu tragen. Das soll nicht passieren. Wir müssen nun den Focus wieder richtig einstellen und haben dies in einer Besprechung auch schon getan." Zurück zum Kern der Sache, muss die Botschaft lauten. Solche ein mentales Zwischentief in so einer langen Vorbereitungphase ist ein Klassiker und sei "völlig normal". Also ein Sturm im wasserglas? "Ja, so könnte man die ganze Situation bennen", sagt Amesberger.
Besetzung.
Die Torhüter werden am Samstagabend von Hickersberger über die Besetzung in Kenntnis gesetzt, die Öffentlichkeit soll erst am Sonntag erfahren, ob Jürgen Macho oder Alexander Manninger auserkoren wird, gegen Kroatien im Tor zu stehen. Weil das eine, nämlich die Torhüterdiskussion, mit dem anderen, den Verfehlungen der Spieler, nichts zu tun hat, kann es sich nur um eine Finte des Teamchefs handeln. Auf die Frage, ob er sich möglicherweise in der "Einser"-Frage doch selbst noch nicht festgelegt habe, versuchte er mit einem kleinen Scherzchen zu kontern. "Vielleicht weiß ich es doch selbst noch nicht, vielleicht muss ich mich selbst analysieren."
Schläue oder Dummheit.
Das Faktum, dass er mit seiner Verzögerungstaktik unter allen Teamchefs dieser Euro allein dasteht, entlockt ihm auch nur ein müdes Lächeln. Versucht Hickersberger schlauer zu sein als alle Kollegen? "Das hängt nur mit der Klasse der beiden Torhüter zusammen, und nicht mit meiner Schläue oder Dummheit", so der Teamchef. Möglicherweise hat er sich auch von Tormanntrainer Klaus Lindenberger noch einmal beeinflussen lassen.





