Der Titel geht nach . . .
Für Spanien wäre es der dritte große Titel in Folge, Italien hat vor 42 Jahren seinen letzten EM-Titel geholt.

Foto © APAMario Balotelli im Duell mit Sergio Ramos
. . . Spanien
Die Mannschaft des Welt- und Europameisters spielt nicht nur Tiki-Taka, sondern hat ein umfassendes Angebot für den Titel.
Es gibt mehr als nur einen guten Grund, Spanien im Endspiel dieser Europameisterschaft den Vortritt zu lassen. Der eine gute Grund ist das Kombinationsspektakel, das "Tiki-Taka", dessen den Gegner abstoßende Wirkung jedoch im Verlauf dieses Turniers durchaus ein wenig nachgelassen hat.
Aber die Mannschaft von Vicente del Bosque verfügt über noch zahlreiche andere einen Champion prägende Merkmale, aus denen ein Titel herauszuformen ist. Da wäre zum Beispiel die Defensive, die sich seit der EM 2008 in K.o-Matches als grundsätzlich undurchlässig erwiesen und keinen Gegentreffer zugelassen hat. Dies beginnt beim noch immer überragenden Torhüter Iker Casillas und setzt sich bei den ebenso technisch versierten wie kompromisslosen Abwehrspielern fort. Dass der unverwüstliche Carles Puyol verletzungsbedingt nicht mitspielen kann, ist bisher nicht aufgefallen. Auch das Fehlen des Torjägers David Villa wurde immerhin so stark kompensiert, dass zum dritten Mal der Finaleinzug gelungen ist.
Teamgeist
Spanien besteht natürlich keineswegs nur aus den reifen Ballkünstlern Xavi und Iniesta, die sich dem Team übrigens auch völlig unterordnen können. Letzteres ist eine der auffälligsten Eigenschaften der spielenden Mitglieder, denen auch nicht anzumerken ist, wenn sie nicht zur Stammklientel des Trainers Vicente del Bosque gehören. Ein Cesc Fabregas wird praktisch in jedem Match entweder ein- oder ausgewechselt und sorgt trotzdem, wie im Elferschießen im Halbfinale gegen Portugal, für entscheidende glücksbringende Momente. Mangelnde Motivation oder Frust wird, anders als bei den häufig zerstrittenen Niederländern oder Franzosen, nicht sicht- oder spürbar.
Und Spanien verfügt über Reserven, der personellen wie der spielerischen Art. Nie hatte der Zuseher während der am Sonntag zu Ende gehenden Euro das Gefühl, dass die Mannschaft des Welt- und Europameisters jemals die volle Kapazität ausgeschöpft hätte. Erst in der Verlängerung gegen die Portugiesen waren die überschüssigen Energien deutlicher erkennbar.
Bleibt der psychologische Faktor, die vermeintliche Unüberwindbarkeit. Wer soll diese Spanier schlagen?
. . . Italien
Vieles spricht am Sonntag für Außenseiter Italien. Vom neuen Spiel und dem altbekannten "Jetzt erst recht"-Gefühl der "Squadra Azzurra".
Vom Staub zu den Sternen in einem Monat - so schnell geht das im italienischen Fußball.
Vor der Europameisterschaft nur durch Wett- und Manipulationsskandale in den Schlagzeilen, sportlich nicht viel mehr als ein ambitionierter Außenseiter. Und in wenigen Stunden könnten die Italiener den EM-Pokal in die Höhe stemmen. Vier Gründe sprechen für einen Sieg unserer Nachbarn.
Da ist zuallererst Andrea Pirlo. Der Routinier spielt in der Form seines Lebens. Im Herbst seiner Karriere blüht Pirlo noch einmal richtig auf. Er liest das Spiel wie kein Zweiter bei diesem Turnier, spielt 40-Meter-Pässe genau auf die Füße seiner Stürmer und ist auch selbst bei Freistößen gefährlich. Nicht zu vergessen seine Abgebrühtheit, wenn es eng wird. Siehe Schupferl im Elferschießen gegen England bei 1:2-Rückstand.
Zu Pirlo kommen "Wahnsinnsknabe" Mario Balotelli und Wadlbeißer Daniele de Rossi. War Balotelli gegen England noch der Vernebler vom Dienst, so hat er gegen Deutschland zweimal getroffen. Jetzt ist er richtig "heiß" und wenn er sich mental im Griff hat, kann er das Spiel mit einem Geniestreich entscheiden. De Rossi ist einer der zweikampfstärksten Spieler.
Offensiv, kreativ
Überhaupt spielt Italien unter Cesare Prandelli wieder offensiven Fußball. Kreativität statt starres taktisches Konzept hat bei den "Azzurri" Einzug gehalten. Daneben haben sie aber auch ihre "Kerntugend", das Verteidigen, nicht verlernt.
Italiens Spiel ist auch variabler als das spanische. Einmal lässt Prandelli ein 4-4-2-System spielen, ein anderes Mal schickt er nur eine Dreierabwehr aufs Feld. Wie beim 1:1 im Gruppenspiel gegen Spanien, in dem Italien über weite Strecken die bessere Mannschaft war.
Der vierte und letzte Grund ist die mentale Verfassung, die auf Top-Niveau oft den Ausschlag gibt. Als Außenseiter gestartet, erwartet niemand den Turniersieg. Das Selbstvertrauen erreicht nach dem Sieg gegen Top-Favorit Deutschland neue Höhen. Dazu kommen - wie schon im Weltmeisterjahr 2006 - die erwähnten Wett- und Manipulations-Probleme im eigenen Land. Die Jetzt-erst-recht-Haltung der Italiener ist spürbar. Ein Blick in die Augen der Spieler beim Abspielen der Hymnen genügt.




















