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Zuletzt aktualisiert: 27.05.2012 um 05:15 UhrKommentare

Sturm, GAK und der weiße Fleck

Die Geschichte von Sturm und GAK zur Zeit des Nationalsozialismus ist weitgehend unerforscht. Bis jetzt. Zwei Grazer Wissenschaftler haben damit begonnen, die steirische Fußball-Vergangenheit aufzurollen. Von Thomas Huber.

Jeder Spieler, der unter Waffen stand, musste den Reichsadler am Trikot tragen – wie "Pepi" Meszaros, Publikumsliebling bei Sturm Graz (links im Bild)

Foto © Archiv GSC/Franz JanachJeder Spieler, der unter Waffen stand, musste den Reichsadler am Trikot tragen – wie "Pepi" Meszaros, Publikumsliebling bei Sturm Graz (links im Bild)

Der eine wurde 1902, der andere 1909 gegründet: GAK und Sturm Graz, zwei steirische Traditionsvereine mit langer Geschichte – eine Geschichte, die von Siegen und Niederlagen geprägt ist. Auf dem und abseits des Rasens. Ob schwarze oder rote Vereinschronik, das wohl dunkelste Kapitel der Geschichte bleibt oft ein weißer Fleck: die Zeit des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Harald Knoll und Walter Iber vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz wollen Licht ins Dunkel der steirischen Fußball-Vergangenheit bringen.

Steirischer Fußball im Fokus

Nicht nur Grazer Fußball-Klubs wie Sturm, GAK oder GSC, sondern auch andere steirische Klubs wie Kapfenberg oder Leoben sind Teil der Untersuchungen von Harald Knoll und Walter Iber.

"Deutsche Vereine sind bei der Aufarbeitung ihrer Geschichte schon sehr weit, in Österreich ist Rapid Vorreiter. Graz war 'Stadt der Volkserhebung' und häufiges Angriffsziel im Bombenkrieg. Da gehört auch etwas getan", dachten sich Iber und Knoll. Opfer, Täter oder Mitläufer? Der Rolle der Klubs, Funktionäre und Spieler unter der Herrschaft Adolf Hitlers näher zu kommen, das haben sich die beiden Wissenschaftler zum Ziel gesetzt – kein einfaches Unterfangen. "In den Vereinschroniken wurde die NS-Zeit bisher eher oberflächlich aufgearbeitet – und immer durch die Vereinsbrille", so die Experten, die sich in den vergangenen Monaten bereits durch unzählige Zeitungs- und Bücherberge gekämpft haben und eng mit dem steirischen Fußball-Verband kooperieren. Erste Erkenntnisse hat das Duo bereits gewonnen. Präsentiert werden diese am 5. Juni bei einem Symposium an der Grazer Karl-Franzens-Uni (siehe Infobox rechts).

Kampf ums Überleben

Nach dem "Anschluss" Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 konnte sich auch der steirische Fußball dem politischen Umfeld nicht entziehen. Die Sportplätze wurden zur Propaganda-Bühne, mit Hitlergruß und Hakenkreuzfahnen. Jeder Spieler, der unter Waffen stand, trug den Reichsadler auf der Brust. "Die Nationalsozialisten haben den Fußball zur Systemstabilisierung genutzt und versucht, die Provinz aufzuwerten", betont Iber.

Auch Nicht-Wiener-Klubs durften deshalb erstmals um den Titel in der neugeschaffenen Gau- bzw. Bereichsliga kämpfen – mit Hürden. Kicker von GAK und Sturm wurden während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen, der Spielbetrieb war kaum aufrecht zu erhalten. "Sturm hat damals alleine in einem Jahr rund 55 Kaderspieler 'verbraucht'. Der GAK war in der Kriegszeit sportlich eher Mittelmaß und deshalb nicht so stark betroffen", erklärt Iber den Absturz der Grazer Vereine, die verschiedenste "Überlebensstrategien" entwickeln mussten. Aus den Sturm-Junioren wurde etwa die "HJ (Anm. Hitler-Jugend) Sturm". Trotz Verbots des Verbandes in Wien wurden Kriegsspielgemeinschaften – inoffizielle "Kriegs-Ehen" – gebildet. Und in der Wetzelsdorfer SS-Kaserne stationierte Soldaten wurden als Spieler rekrutiert.

Wie das NS-Regime Einfluss nahm

Einfluss nahm das Regime auch auf die Führungsebene der Grazer Klubs. Die "Vereinsführer" waren alle der NSDAP zuzuordnen, in den Vorständen wurden regimenahe Personen platziert. Die jahrelange Konstante bei den Klubs bildeten die Sportwarte. "Vor und nach dem Anschluss", betont Knoll, "ein Indiz dafür, dass sie nicht belastet waren. Für sie zählte eben nur der Fußball."

Offene Fragen

Mit Themen wie "Werdegänge und Schicksale einzelner Spieler" oder "Funktionärs-Netzwerke" wollen sich die Forscher noch genauer auseinandersetzen.

Wie für viele. In Zeiten der Judenverfolgung, Massentötung und Bombenangriffe war der Fußball eine willkommene Rückzugsmöglichkeit von dem Regime. "Der Fußball ist unpolitischer als man glaubt", sagt Iber. Von den Grazer Klubs sei der GAK der politischere Verein gewesen. "Rund um den Athletik Klub, der sich mit all seinen Sektionen immer als bürgerlicher Verein gesehen hat, gibt es mehr Mythen als um Sturm. Zum Beispiel, dass der GAK ein antisemitischer Verein war", erklärt Knoll. Den GAK unreflektiert als NS-nahen Verein darzustellen, sei laut Experten aber nicht zulässig: "Es gibt Tendenzen, die man in der Forschung genauer differenzieren muss." Ein Indiz sei zum Beispiel der "Arierparagraph", wonach kein Jude Vereinsmitglied werden durfte. Dieser war in den Statuten des GAK bis nach dem Zweiten Weltkrieg verankert, bei Sturm nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr.

Unterstützung durch Sturm und GAK

Fakten wie diese seien Grund dafür, warum Vereine oft passiv agieren, wenn es um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte geht. "Die Klubs haben Befürchtungen, was die NS-Zeit betrifft", bestätigen Iber und Knoll. "Ich wüsste nicht, welche Ängste man haben könnte", entgegnet GAK-Präsident Benedikt Bittmann, dessen Klub gerne bei dem Projekt mitarbeitet: "Es ist ein Teil unserer Vereinsgeschichte. So wie es war, so war es. Aus der Geschichte kann man nur lernen."

Auch auf die Unterstützung des SK Sturm kann das Historiker-Team bauen: "Für Sturm Graz ist es eine Gelegenheit zu zeigen, welch offener Verein der Klub immer war und ist", begrüßt Sturm-Präsident Christian Jauk die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema. Eine Auseinandersetzung, die laut Iber und Knoll "erst am Anfang" steht.


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Foto © Thomas Huber

Bild vergrößernHarald Knoll und Walter Iber erforschen die NS-Geschichte der steirischen FußballklubsFoto © Thomas Huber

Fußball-Symposium

Am 5. Juni findet an der Grazer Karl-Franzens-Uni ab 8:30 Uhr ein Symposium unter dem Titel "Fußball, Macht und Diktatur - Streiflichter auf den Stand der historischen Forschung" statt – organisiert von Walter Iber und Johannes Gießauf.
Aufgearbeitet wird das Thema von international anerkannten Experten wie z .B. dem deutschen Fußballhistoriker Markwart Herzog.

Unter anderem wird es auch einen Runden Tisch zum Thema "Tradition und Zukunft des österreichischen Fußballs" u.a. mit Sturm-Präsident Christian Jauk. Das Detailprogramm können Sie downloaden - siehe unten.

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Foto © Privatbesitz Günter Fiedler

Bild vergrößern"GAK im Kriege": Die GAK-Elf 1941Foto © Privatbesitz Günter Fiedler

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Foto © Privatbesitz Hans Schabus

Bild vergrößern1941: Die Sturm-Elf für das Spiel gegen NürnbergFoto © Privatbesitz Hans Schabus

Aufruf

Haben Sie Informationen, Dokumente und/oder Fotos zum Thema "Steirischer Fußball während der NS-Zeit", wenden Sie sich bitte an das:

Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgen-Forschung in Graz
bik-graz@bik.ac.at
Tel. 0316/822500

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Foto © Thomas Huber

Bild vergrößernIn Vereinschroniken wird die NS-Zeit gerne stiefmütterlich behandelt Foto © Thomas Huber

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