Die Unsympathischen
Effenberg, Cantona, Basler und sogar Kühbauer: Der Fußball hat seine Verhaltensauffälligen verloren. Im modernen Spiel ist kein Platz mehr für schwierige Charaktere, für Typen zwischen Genie und Wahnsinn. Doch braucht der Fußball diese nicht, um zu überleben? Mit Arnautovic und Balotelli auf der Suche nach einer aussterbenden Art.

Foto © APAMario Balotelli: Genie und Wahnsinn in einer Person
Als Christoph Metzelder am Samstag nach Schalkes Aufholjagd zum 2:2 in Wolfsburg vor die Kameras trat und sagte, "der Charakter des Teams stimmt jetzt", beschrieb er den modernen Fußball in wenigen Worten. Und dessen Problem. Der moderne Fußball mag schöner geworden sein. Technisch anspruchsvoller, athletisch fordernder und temporeicher. Barcelona, Arsenal und der jeweils aktuelle Arbeitgeber von Jose Mourinho definieren den erfolgreichen Fußball des 21. Jahrhunderts. Elf Spieler, die wie ein Gehirn agieren und so auch den Ausfall eines Einzelnen kompensieren. Neben dem Platz sind sie unauffällig, brav und in ihren Aussagen geschult. Es ist kaum Platz mehr da für die Baslers, Effenbergs, Gascoignes, Cantonas oder Baggios. Kein Platz mehr für die die Charaktere, die bewiesen, dass ihr Wahnsinn der gleichen Wurzel entsprang wie ihr Genie. Doch es gibt sie noch, die Typen.
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Marko Arnautovic ist so eine Ausnahme. Was sein technisches Spiel betrifft ebenso wie sein halbstarkes Auftreten. Als er seine internationale Karriere bei Twente begann, wurde er schnell mit Dauerdribblern wie Ibrahimovic verglichen. Gift für einen, der auf Schulterklopfer so hochnäsig reagiert wie Arnautovic. Als er zu Inter Mailand wechselte hatte er bereits seinen ersten Spitznamen inne: "Arrogantovic". Es ist die Verniedlichung einer Einstellung, mit der Jose Mourinho nichts anfangen konnte: "Er hat einen Kopf wie Kind", urteile dieser über den begabten Marko. Mehr als ein paar Kurzeinsätze gab es nicht für den Österreicher, der nach dem 4:4 in Belgien in einem Interview über sein Privatleben sagte: "Freundin brauch ich keine – die Frauen laufen mir eh nach". Seit Sommer spielt Arnautovic nun in Bremen und bleibt den Beweis seines fußballerischen Vermögens schuldig. Ein paar Aussagen hier, eine Trainings-Maulerei da, aber kaum Tore. Der Tagesspiegel schrieb: "Bei Arnautovic passen weder Passspiel und Abschluss, noch die Laufwege". Arnautovic vergisst bei aller Arroganz zu oft, sich diese mit Toren erkaufen zu müssen. Er gibt gerne das bockige Genie, wirkt dafür aber zu häufig wie ein verhaltensauffälliger Prolet.
Bei Inter Mailand freundete sich Arnautovic mit einem an, der ebenfalls schon in jungen Jahren einen Spitznamen bekommen hat: er heißt "Super Mario" und man könnte Bücher über die ersten paar Jahre seiner noch kurzen Profikarriere schreiben: Mario Balotelli gilt als das größte italienische Talent seit Jahren. Groß, ungestüm, trotzdem technisch perfekt und mit den körperlichen Eigenschaften eines Wandschranks spielte er sich im Sommer zu Manchester City. In Italien hatte er es stets schwer, aufgrund seiner Hautfarbe wurde er von rassistischen Tifosi aus dem Land gejagt. "The Special One", Jose Mourinho, biss sich an dem Italiener mit dem Temperament eines Wildpferdes die Zähne aus: "Er ist das größte Talent, das ich je gesehen habe – aber er lässt sich nicht erziehen".
Italien, Land des Wahnsinns
Balotelli fällt im Unterschied zu Arnautovic meist durch seine Weltklasse auf, sein Verhalten auf dem Platz ist aber immer noch das eines ungezogenen Kindes. Cristiano Ronaldo lachte er nach einer Schwalbe in der Champions League aus, er schmiss sein Inter-Trikot wütend auf den Rasen, nachdem ihn die eigenen Fans auspfiffen. Sein Wechsel nach England glich letzten Endes einer Flucht. Trotz seiner Klasse hat es sich Balotelli mit den eigenen Fans verscherzt. Seine letzten Tore für Inter bejubelte er nicht mehr, sondern deutete stets nur auf die italienische Flagge im Inter-Logo. Als wollte er sagen: "Ich bin einer von euch". Es half nichts mehr.
Abseits des Platzes füllt Balotelli die Klatschspalten, saß im Milan-Trikot beim Inter-Spiel auf der Tribüne und in England baute er nach wenigen Tagen einen Verkehrsunfall. Als die Polizei ihn fragte, warum er denn 5.000 Pfund in bar in der Hosentasche mit sich trage, lachte Balotelli: "Weil ich reich bin".
Italien ist einer der letzten Orte, wo sich diese Typen in der Gegenwart noch durchsetzen können: Gattuso, Totti, Tommasi - die Liste lässt sich fortführen. Das Spiel im Land des viermaligen Weltmeisters ist im Vergleich veraltet, doch die Tifosi lieben ihre verrückten Genies. Antonio Cassano, gerade bei Sampdoria Genua vor die Tür gesetzt, weil er den Vereinspräsidenten beschimpfte, ist ein Paradebeispiel. Als Marcelo Lippi bei der WM in Südafrika wegen seinem auffälligen Verhalten zu Hause ließ, quittierte Cassano: "Ich wollte im Sommer sowieso heiraten". Er tat es und behauptet bis heute, kein Spiel der Squadra gesehen zu haben. Heute ist Lippi Vergangenheit, sein Nachfolger Cesare Prandelli setzt wieder auf die Unbequemen, ohne die in Italien offenbar nichts geht. Jene Kerle, die das italienische Spiel seit jeher unberechenbar machen. Teilweise hässlich und faul, teilweise genial und schnell. Balotelli und Cassano gelten bei ihm als Kern der neuen Mannschaft, die in Klagenfurt zum Test gegen Rumänien aufläuft.
Was bleibt Österreich?
In Deutschland und Österreich sucht man vergebens nach den großen Charakteren. Jenen, die Spiele alleine entscheiden und danach im Interview anecken. Die goldene Generation der Typen sitzt heute auf der Bank oder in TV-Studios. Oliver Kahn beim ZDF, Didi Kühbauer bei der Admira, Peter Pacult bei Rapid. Statt Mario Basler, Lothar Matthäus und Stefan Effenberg sind nun Thomas Müller und Mesut Özil die "Weltmeister der Herzen". Die mag man eben. Wenn sie verlieren, hat das Team verloren, wenn sie gewinnen sagen sie: "Es ist nicht wichtig, wer die Tore schießt. Ich spiele im Dienste der Mannschaft". Teamgeist wird großgeschrieben, doch braucht es nicht auch eine Portion Selbstvertrauen, um zur Legende zu werden? Schließlich war es Pele, der stets von sich selbst behauptete, der Beste zu sein. Dasselbe tat auch Maradona. Oder Mourinho. Und Balotelli. Wen hat Österreich noch? Paul Scharner und György Garics, die aus dem Team flogen, weil sie sich nicht unterordneten? Den arroganten Marko aus Bremen?
Mario Basler sieht diese Entwicklung kritisch: "Es gibt kaum Typen, die anecken, die ihre Meinung gerade aus sagen". Er ahnt Schlimmes: "Wenn alle so angepasst sind, wird das alles irgendwann langweilig". Gemeint ist nicht mal das Spiel selbst, dann da sieht Basler die heutigen Kicker auf höherem Niveau. Es geht um das Umfeld des Sports: Auftreten, Gruppendynamik, Interviews und Rhetorik. Es ist nichts mehr los, abseits des Platzes. Spätestens mit Jürgen Klinsmann hielt auch in Deutschland, dem Land der großen Typen, die fußballerische Gleichschaltung Einzug.
Der Fußball hat sich weiterentwickelt, angepasst an die Zeit der Globalisierung. Vereine, die bereit sind, Transfersummen in absurden Höhen zu bezahlen, fordern von ihren Spielern ein höchstes Maß an Professionalität. Heute noch Spanien, morgen England – man muss überall spielen können, jedes System in jeder Mannschaft. Schließlich geht es immer um den Gewinn, sportlich und finanziell. Geschichten, wie sie Paul Breitner in seiner Autobiographie zahlreich erzählt, sind heute nicht mehr denkbar. Völlig betrunken von zwei Tagen des wilden Feierns soll die ganze Mannschaft des FC Bayern einmal in Istanbul aufgelaufen sein. Unter den Wilden stach nur Beckenbauer heraus, der "gegen so eine Gurkentruppe trotzdem nicht verlieren wollte". Bayern lag 0:3 hinten und spielte noch Unentschieden. Schöner mag er geworden sein, der Fußball. Aber er macht manchmal nicht mehr so viel Spaß. Oder wie sagte Paul Breitner in den Siebzigern nach einem hohen Sieg der Bayern im ewigen Prestige-Duell gegen Mönchengladbach: "Egal, was der Trainer jetzt sagt: Die Mannschaft hat in der Kabine etwas beschlossen: Wir gehen heute alle noch richtig einen saufen!"
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Mario Balotelli
Mario Balotelli spaltet Italien wie kein anderer Profi. Für die einen ist er "Super Mario", für die anderen ein Hass-Magnet – auch wegen seines Charakters. Balotelli scheut auf und abseits des Platzes keine Auseinandersetzung. "Ich bin zu impulsiv", sagt er über sich selbst.
Der 21-Jährige ist in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen: Balotelli wurde als Mario Barwuah in Palermo geboren und von seinen ghanaischen Eltern weggegeben. Groß wurde er bei der Pflegefamilie Balotelli in Brescia. Im Dezember 2007 debütierte er als 17-Jähriger in der Serie A, er ist Stammspieler in der U-21-Nationalelf und trotz Konkurrenten wie Diego Milito und Samuel Eto'o auch bei Inter. Mittlerweile spielt er bei Manchester City und eine Stütze im Nationalteam.
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Arnautovic: Arrogant - aber warum?Foto © GEPA





















