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Zuletzt aktualisiert: 29.04.2012 um 17:22 UhrKommentare

Auf der neuen Landkarte fehlt Kanada

Das Mutterland des Eishockeys in der Krise. Kein einziges kanadisches Team steht im NHL-Play-off. Dafür mehr Stars bei der WM.

Foto © GEPA

Am Ende ruhten die Hoffnungen einer ganzen Nation ausgerechnet auf zwei Tschechen. Es war im Madison Square Garden kurz vor dem Ende des Play-off-Spiels zwischen den New York Rangers und den Ottawa Senators. Es waren nur noch Minuten zu spielen. Filip Kuba und Milan Michalek wuchteten den Puck mit aller Gewalt in Richtung Goalie. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch für die Cracks der Senators war an diesem Abend einfach kein Durchkommen. Dann war alles vorbei. Für Ottawa. Für ganz Kanada.

Die 1:2-Niederlage der Ottawa Senators im alles entscheidenden siebten Spiel der Play-off-Auftaktrunde letzte Woche war für das Mutterland des Eishockeys mehr als nur ein verlorenes Spiel. Zum ersten Mal seit 16 Jahren ist jetzt kein Team aus Kanada mehr im Viertelfinale um den Stanley Cup vertreten - dem begehrtesten Vereinstitel der Welt. Was für eine Schmach!

Die Hockeykommentatoren in Kanada jedenfalls überschlagen sich mit Hohn und Spott. Nur noch peinlich seien die Auftritte der meisten kanadischen NHL-Klubs in dieser Saison gewesen, wetterte die Globe and Mail aus Toronto. "Einst waren wir hochklassig, jetzt sind wir nur noch zweitklassig", stellte die Winnipeg Free Press resigniert fest.

Neben Ottawa hatten es nur noch die Vancouver Canucks, der Vize-Meister der letzten Saison, überhaupt in die Play-offs geschafft. Sie unterlagen in der ersten Runde sang- und klanglos dem schwächer eingeschätzten Team aus Los Angeles. Die Montréal Canadiens, mit 24 Stanley-Cup-Siegen immerhin das erfolgreichste und populärste NHL-Team aller Zeiten, landete in der regulären Saison gar auf dem letzten Tabellenplatz. Die Toronto Maple Leafes enttäuschten nicht minder und lagen nur zwei Plätze besser.

Auch der kanadische Superstar Sidney Crosby, der das Team Canada beim Olympiafinale in Vancouver 2010 noch zur Goldmedaille geschossen hatte, kann die Saison abhaken. Wegen einer Gehirnerschütterung verbrachte er mehr Zeit in der Reha als auf dem Eis. Sein Team aus Pittsburgh scheiterten ebenfalls in der ersten Runde. Frustriert hat Crosby nun seine Teilnahme an der am Freitag beginnenden Eishockey-WM abgesagt.

"Wir brauchen wieder mehr Stabilität und Kontinuität", forderte Geoff Molson, der Präsident der Montréal Canadiens. Tatsächlich geht es bei den sieben kanadischen NHL-Teams seit einigen Jahren drunter und drüber. Während etwa die Cup-Favoriten aus Washington in den letzten fünfzehn Jahren mit einem Vereinspräsidenten auskamen, verschlissen die Canadiens und die Canucks je vier, die Leafs und die Senators je fünf. Bei den Trainern sieht es nicht viel besser aus.

Wenig Siegeswillen

Seit 19 Jahren müssen die Kanadier mittlerweile auf den Gewinn des Stanley Cup warten. Der kanadische Teenie-Star Justin Bieber war noch nicht einmal geboren, als die Canadiens den Cup 1993 als letztes kanadisches Team nach Hause brachten. Bis dahin hatten die Kanadier im Schnitt zwei von drei NHL-Finals für sich entschieden. Doch was einst die Regel war, ist längst zur großen Ausnahme geworden.

Auch in diesem Jahr wird nun wieder ein Team aus den USA den Stanley Cup holen. Viele kanadische Fans beklagen besonders den mangelnden Siegeswillen ihrer Teams. Ein Fan der Senators brachte es auf den Punkt: "Wir Kanadier wollen Eishockey spielen. Die Amerikaner wollen gewinnen." Ein kleiner Trost aber bleibt: Zum WM-Auftakt am Freitag gegen die Slowakei stehen dem kanadischen Nationalteam jetzt mehr NHL-Cracks aus zur Verfügung, als ursprünglich gedacht. Wenigstens was.

JÖRG MICHEL, CALGARY

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