Tieftauchen: 305 Meter in nur einem Atemzug
Der Wiener Extremsportler Herbert Nitsch peilt einen neuen Weltrekord im Tieftauchen ohne Hilfsmittel an. Viele zweifeln aber daran, ob er das überhaupt überleben kann.

Foto © APA
Unter dem Wasser, in Dutzenden Metern Tiefe, herrscht das Nichts. Dunkelheit und Stille. "Es ist das faszinierende Gefühl der Schwerelosigkeit. Keine Sauerstoffflasche am Rücken, keinen Regler im Mund. Der Geist verlässt den Körper und gleichsam beginnt die Reise in sich selbst." So beschreibt Dieter Baumann, einer der erfahrendsten Apnoe-Taucher Österreichs, die Minuten, wenn er nur mit angehaltenem Atem, ohne technische Hilfsmittel, in eine Welt untertaucht, die so fern dem ruhelosen Treiben liegt, das über dem Wasserspiegel herrscht.
No Limit. Die Anhängerschaft dieser Sportart wächst seit Jahren unaufhörlich. Doch während es den Hobbysportlern vor allem um das Lebensgefühl des Apnoe-Tauchens geht, duelliert sich weltweit ein kleiner Kreis von gut zehn Athleten um Weiten- und Tiefenrekorde. An der Spitze steht der Wiener Herbert Nitsch, der aktuell die beiden wichtigsten Rekorde der Szene hält: 214 Meter ließ sich der 37-Jährige Mitte Juni in der "No Limit"-Disziplin (siehe Kasten) vor der griechischen Insel Spetses in die Tiefe ziehen. Damit überbot er den von ihm gehaltenen Weltrekord um weitere 31 Meter. Mit 111 Metern markierte Nitsch zudem den Bestwert im Tieftauchen mit konstantem Gewicht und Flossen, der Königsdisziplin der Apnoe-Taucher.
305 Meter. Galten diese Werte noch vor wenigen Jahren als illusorisch, strebt Nitsch nun eine Weite an, die viele zweifeln lässt, ob er dieses Vorhaben überhaupt überleben kann. Bis auf 305 Meter will der Extremsportler seine Marke im "No Limit" nach oben treiben.
Tod für Untrainierten. Für Nitsch dürfen aber längst keine normalen Maßstäbe mehr angesetzt werden: In Ruhe schafft er es, den Atem neun Minuten und vier Sekunden anzuhalten. Seinen Weltrekord über 214 Meter stellte er unter höchster Belastung in 4,26 atemlosen Minuten auf. In dieser Tiefe schrumpft die Lunge auf die Größe einer Zwetschke. Anstrengungen, die der Athlet nur mit langjährigem Training kompensieren kann. Die Lunge und das Zwergfell werden dabei dehnbar gemacht. Für einen Untrainierten bedeutet diese Tiefe den Tod.
Das "No Limit"-Tauchen hängt im Gegensatz zu anderen Tauch-Disziplinen vor allem von der Technik ab: Eine um die 60 Kilogramm schwere Schlittenkonstruktion zieht den Sportler in die Tiefe. Beim Weltrekord von Nitsch betrug die Durchschnittsgeschwindigkeit nach unten vier Meter pro Sekunde, also etwas mehr als 14 Stundenkilometer. Am Tiefpunkt angelangt, bringt eine mechanische Vorrichtung den Athleten wieder an die Oberfläche. In der Entwicklung dieser Schlitten liegt auch die Zukunft und die Hoffnung Nitschs, den Rekord tatsächlich auf mehr als 300 Meter zu schrauben.
Herzstillstand. Trotzdem bleibt es ein gefährlicher Vorgang, der immer wieder seine Opfer fordert. Am 11. April dieses Jahres verstarb der Franzose Loic Leferme bei einem Tauchgang an der Cote d'Azur. Der damals 36-jährige Sportler, der "No Limit"-Weltrekorde zwischen 2001 und 2005 gehalten hatte, erlitt einen Herzstillstand. "Die Verletzungsgefahr beim Freitauchen ist gering", erklärt Baumann. "Problematisch wird es, wenn es in die Tiefen geht. Wird der Athlet bewusstlos, kann das tödlich enden."
Allerdings haben sich die Sicherheitsmaßnahmen seit dem Tod des Franzosen noch einmal verstärkt, wie Nitsch im Interview mit der Kleinen Zeitung betont.
Weltmeister-Titel. 18 Weltrekorde stellte der Berufspilot im Laufe seiner Karriere auf. Was noch fehlt, ist ein Weltmeistertitel. Den peilt Nitsch Ende Oktober dieses Jahres in der Disziplin mit konstantem Gewicht bei der WM in Ägypten an. Selbst sein größter derzeitiger Konkurrent, der Tscheche Martin Stepanek, dürfte dieses Vorhaben kaum behindern. "Ich kann mir den Titel wahrscheinlich sogar dann holen, wenn ich unter meinen eigenen Weltrekord von 111 Metern bleibe", glaubt Nitsch.
Olympisch? Das ist die Kehrseite. Seit der Wiener das Apnoe-Tauchen weltweit dermaßen dominiert, schrumpft der Kreis der Spitzenathleten. Noch ist keiner in Sicht, der Nitsch herausfordern könnte. Und das obwohl diese Sportart mittlerweile in 50 Ländern wettkampfmäßig betrieben wird. Die Bestrebungen der Dachorganisation "Aida" gehen dahin, das Apnoe-Tauchen olympisch zu machen - ausgenommen der umstrittenen "No Limit"-Disziplin. Bis dahin bleibt Nitsch wohl Alleinunterhalter. Sein größter Gegner ist ohnehin das Wasser.
Features
Apnoe-Tauchen
Apnoe-Tauchen ist Tauchen mit eigener Atemluft. Der Taucher atmet vor dem Abtauchen ein und benutzt nur diesen Luftvorrat. Den Zeitraum zwischen Einatmen und Ausatmen bezeichnet man als Apnoe.
Im Wettkampf unterscheidet man zwischen Pool- (also Strecken-) und Tieftauchdisziplinen, je nach Bewerb mit oder ohne Flossen bzw. mit Gewicht, das der Sportler beim Auftauchen mitnehmen muss oder unten lässt.
















-Anzeigen
