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Vienna gegen Horn abgebrochen "Sich selbst nicht zu wichtig nehmen" Voriger Artikel Aktuelle Artikel: Sport Nächster Artikel Vienna gegen Horn abgebrochen "Sich selbst nicht zu wichtig nehmen"
Zuletzt aktualisiert: 13.11.2010 um 18:59 UhrKommentare

Wenn es läuft, dann läufts

Franzobel

Foto © Sabine HoffmannFranzobel

Ich bin immer schon gerne gelaufen, nein, nicht besonders schnell, aber dafür umso länger. Natürlich tut man sich mit diesen Entfernungen nichts Gutes, das Gewicht schmilzt weg wie ein Stück Butter in der heißen Pfanne, die Gelenke schleifen sich ab, aber ich kann nicht anders, muss mich einfach freilaufen, da kannst du wieder klar denken und bekommst, wenn alles richtig läuft, ein Glücksgefühl, das wie eine Befreiung ist. In New York aber, das sag ich dir, in New York ist es gegen mich gelaufen, hat sich was verzwickt, rannte mir schon am Abend so ein Glucksen und Rumoren durch den Bauch, dass ich mir gedacht habe, da musst du aufpassen, auf was das noch hinausläuft. Natürlich hätte ich es mir denken können, hätte ich absagen und nach Hause fahren müssen, aber ich habe mir gesagt, da musst du durch, du willst doch endlich einmal einen Marathon unter sechs Stunden laufen, und das Klima hier ist optimal, also beiß die Zähne zusammen.

Wir rennen also los, ich lange in Kontakt mit der Führungsgruppe. Ich bin dem späteren Sieger fast auf die Fersen getreten, so gut war ich unterwegs, da hat mich der Äthiopier Dessalegn Birru gerempelt, zum Glück ist der nur so eine halbe Portion, aber das war nicht das Schlimmste, sondern dass das Rumoren im Bauch immer lauter und lauter geworden ist. Ich bin mir vorgekommen wie ein Zinshaus mit Wasserrohrbruch. Mir ist also nichts übrig geblieben, als mich ins Gebüsch zu schlagen. Alle paar Kilometer hat sich diese Abfolge aus Bauchflattern, Weiterrennen und Dünnpfiff nun wiederholt. Mein Allerwertester hat gebrannt, gesungen habe ich: "I fell into a burning ring of fire. And it burns, burns, burns . . ."

Im Pulk war ein Hobbyläufer namens Sanchez oder so, einer von den verschüttgegangenen Chile-Kumpels, den habe ich von Santiago oder Buenos Aires gekannt. Achtmal habe ich ihn überholt. Jedes Mal hat er mich gefragt: "Wo kommst du schon wieder her? Haben wir uns heute nicht schon mal gesehen?" Der hat geglaubt, er träumt. Auf der Hudsonbrücke ist mir dann richtig schlecht geworden. Ich bin also stehen geblieben, halte mich an der Brüstung an, da kommt einer an und schreit: "Nicht springen! Tun Sie es nicht! Tun Sie es nicht!" Der hat geglaubt, ich will mich umbringen, reißt mich zurück, ich immer noch geschäftig. Der hat vielleicht geflucht.

Franzobel, 1967 in Vöcklabruck geboren, ist Schriftsteller und Sport-Fan.


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