2017 wieder mehr als 10.000 zivile Opfer in Afghanistan

Im Krieg gegen die radikalislamischen Taliban und die Terrormiliz Islamischer Staat sind in Afghanistan das vierte Jahr in Folge mehr als 10.000 Zivilisten getötet oder verletzt worden. Zwar sank die Gesamtzahl der Opfer im Jahr 2017 im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent, jene der Opfer von Selbstmord- und anderen Anschlägen stieg dagegen um 17 Prozent.

© APA (AFP/Symbolbild)
 

3.438 Zivilisten wurden im Vorjahr getötet und 7.015 verletzt, wie aus einem am Donnerstag veröffentlichten UNO-Jahresbericht hervorgeht. Demnach sind diese Opferzahlen vor allem deshalb zurückgegangen, weil die afghanische Armee besser auf Zivilisten Rücksicht nehme und nicht mehr willkürlich schwer steuerbare Geschoße in dicht besiedelte Gebiete feuere. Es habe aber mit 295 Toten und 336 Verletzten sieben Prozent mehr Opfer von Luftangriffen der Regierungstruppen und ihrer US-Verbündeten gegeben.

"Dass wir 2017 weniger zivile Opfer gesehen haben, liegt auch einfach daran, dass die Taliban ihre Herrschaft über bestimmte Gebiete konsolidiert haben. Wo sie Gegenden voll kontrollieren, gibt es eben keine Kämpfe mehr", sagte ein UNO-Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte.

In dem 75 Seiten langen Bericht heißt es weiter, dass es unter den Opfern weiterhin viele Frauen und Kinder gebe. Mehr als 4.400 seien 2017 getötet oder verletzt worden. Damit machten Frauen und Kinder 42 Prozent aller zivilen Opfer aus.

Den Taliban lastet die UNO dabei 42 Prozent aller Opfer an, dem IS zehn Prozent, 16 Prozent den afghanischen Sicherheitskräften und zwei Prozent dem internationalen Militär im Land. Der Rest sei nicht unmittelbar zuzuordnen gewesen, berichtet die UNO - die allerdings vermutet, dass die tatsächlichen Opferzahlen weitaus höher sein dürften. Die Menschenrechtsabteilung der UNO in Afghanistan benötigt für jedes offiziell registrierte Opfer drei unabhängige Quellen. Diese sind aber in den zunehmend umkämpften Provinzen mit immer weniger UNO-Beobachtern im Feld kaum noch zu bekommen.

Außerdem wachsen die Regionen unter Taliban-Kontrolle - und damit auch die blinden Flecken der Beobachter. Das US-Militär sagt, dass die Taliban mittlerweile rund 13 Prozent des Landes "kontrollieren oder beeinflussen". Andere Quellen gehen von weit höhere Zahlen aus.

Die Hauptstadt Kabul bleibt weiter im Brennpunkt. Aus dem Bericht geht hervor, dass die Taliban und der IS mit Selbstmordattentaten und anderen Angriffen 2017 in Kabul knapp 500 Zivilisten getötet und mehr als 1.200 verletzt haben. Damit verzeichnete die Hauptstadt etwa jedes sechste zivile Opfer (16 Prozent).

Für 2018 wird nicht erwartet, dass die Opferzahlen weiter zurückgehen. "Mit Trumps neuer Afghanistanstrategie, mehr Soldaten im Land, viel mehr Luftangriffen und scharfer Rhetorik gegen die Taliban sehen wir gerade eine Eskalierung, keine Beruhigung der Lage", sagt ein westlicher Diplomat in Kabul, der sich seit Jahren mit den Konflikten in Afghanistan beschäftigt. Beide Seiten, die Taliban wie auch als auch die USA, setzten nun auf nachgerade "theatralische Gewalt".

"Die USA fliegen für Luftangriffe mit den B-52 die größten Bomber, die sie haben, und die Taliban füllen Ambulanzen mit Sprengstoff", sagte der Experte. "Wenn sich das fortsetzt, sehen wir 2018 neue Rekorde von Zivilopfern."

Die ersten Anzeichen dafür sind schon sichtbar: Im Jänner hatten Taliban und IS allein in Kabul vier Anschläge mit rund 150 Toten verübt - unter anderem ein Selbstmordanschlag mit einem als Ambulanz getarnten Wagen in der Stadtmitte und eine 17 Stunden lange Schießerei in einem großen Hotel.

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