"Österreich-Dorf" für die irakische Ninive-Ebene

Ein "Österreich-Dorf" soll im Nordirak entstehen, um die Rückkehr vertriebener Christen zu erleichtern. Das zerstörte christliche Dorf Baqofa in der Ninive-Ebene rund 25 Kilometer nördlich von Mosul soll mit Hilfe kirchlicher NGOs aus Österreich wieder aufgebaut werden.

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Unter dem Motto "Aktion Heimkehr" teilen sich diese die Aufgaben der Wasser- und Stromversorgung, der Renovierung der Häuser und der örtlichen Kirche.

"Wir dürfen die Christen im Irak nicht im Stich lassen", appellierte der Linzer Bischof Manfred Scheuer bei einer Pressekonferenz am Montag in Wien an die Öffentlichkeit. Christian Solidarity International (CSI) nimmt sich der Wasserversorgung an, die Initiative Christlicher Orient (ICO) wird sich um die Elektrizität kümmern, Kirche in Not (KiN) legt den Schwerpunkt auf die Renovierung der Häuser. Die AG Katholischer Verbände (AKV) wirkt an allen Vorhaben mit. Die Patronanz über die "Aktion Heimkehr" hat die Kardinal-König-Stiftung, die auch für die Renovierung der Kirche Sorge trägt.

Die Infrastruktur wurde von den radikalen Islamisten des IS, die 2014 das Gebiet im Nordirak eroberten und bis Ende 2016 - Befreiung durch kurdische Peshmerga und die irakische Armee - besetzt hielten, völlig zerstört. Die Häuser wurden geplündert, demoliert, brannten teilweise aus. Die bereits zurückgekehrten Familien hätten nicht genug zu essen und benötigen Nahrungsmittelhilfe, schilderten Vertreter der Hilfsorganisationen. Im Ort herrsche auch großer Wassermangel. Das Wasser werde mit Tankwägen gebracht, sei oft verschmutzt. Pumpen seien defekt, neue Brunnen müssen gegraben werden.

In Baqofa lebten vor der Vertreibung durch den IS knapp 100 christliche Familien. Bisher sind laut den NGOs rund 30 Familien zurückgekehrt. Die Verantwortlichen rechnen damit, dass weitere Familien zurückkehren. Mittelfristig wird mit der Rückkehr der Hälfte der einstigen Bevölkerung gerechnet. Eine im März durchgeführte Umfrage des "Ninive Reconstruction Committee" NRC ergab, dass mittlerweile rund 40 Prozent der geflüchteten christlichen Familien wieder in ihre Dörfer zurückkehren möchten. Im Dezember 2016 waren es nicht einmal 4 Prozent. Die meisten leben in Flüchtlingslagern rund um Erbil und andere nordirakische Städte.

Im März war von den drei christlichen Hauptkirchen der Region (syrisch-orthodox, syrisch-katholisch und die chaldäisch-katholisch) sowie "Kirche in Not" und Experten ein "Ninive-Wiederaufbau-Ausschuss" (Niniveh Reconstruction Committee) gegründet worden. Bischof Scheuer hatte sich selbst im Februar bei einem Lokalaugenschein in der Ninive-Ebene ein Bild von der Lage gemacht, die zerstörten Häuser und geschändeten Kirchen dort gesehen. Er würdigte die Entschlossenheit vieler Christen, einen Neuanfang zu machen und ihren Glauben und ihre Kultur weiter in der Heimat zu pflegen. "Dabei wollen wir sie unterstützen", betonte er.

AKV-Präsident Helmut Kukacka sprach von einer "moralischen Verpflichtung: Wir müssen den Christen neue Perspektiven eröffnen, damit sie im Ursprungsland des Christentums bleiben können." Die im Vorjahr ins Leben gerufene "Aktion Heimkehr" brachte bis zum Jahreswechsel 65.000 Euro an Spendengeldern, die in drei konkrete Projekte flossen. Kukacka appellierte an Bundesregierung und Bundesländer, sich ebenfalls verstärkt der Christen im Irak und deren Rückkehrwünschen anzunehmen. Auch die EU sollte sich einsetzen und die künftige Sicherheit der Christen gewährleisten.

CSI-Generalsekretär Elmar Kuhn und ICO-Obmann Slawomir Dadas verwiesen auf bisherige konkrete Hilfen und direkte Partner in der Region. So konnten mit CSI-Hilfe 50 christliche Familien ihre Kinder (fertig) studieren lassen. Durch die lokalen Partner kämen Spenden direkt bei den Menschen an. Kuhn: "Die Rückkehrer im Irak und wir hier in Österreich wollen ein Zeichen setzen, dass der IS nicht das letzte Wort hat." Für die ICO mit ihrer 20-jährigen Expertise in der Region sei wichtig, die Bedürfnisse der Menschen zu erkennen, betonte Dadas. So würden traumatisierte Menschen von Experten behandelt.

Kirche in Not-Direktor Herbert Rechberger sprach von einem "historischen Moment" für die Christen im Irak. Es sei zu hoffen, dass zwei Drittel der einstigen Bewohner in das "Österreich-Dorf" Baqofa zurückkehren. Der Anstieg der Zahl der Rückkehrwilligen lasse auf einen "Domino-Effekt" hoffen. Rechberger nannte konkrete Zahlen: Die registrierten Flüchtlinge aus der Ninive-Ebene werden auf 95.000 geschätzt. In der Region wurden vom IS etwa 13.000 Häuser in neun christlichen Dörfern und Städten vernichtet, ferner über 360 kirchliche Gebäude teilweise oder völlig zerstört.

Die Gesamtkosten des Wiederaufbaus im Nordirak, wo die kurdische Regionalregierung das Sagen hat, belaufen sich nach NRC-Angaben auf mehr als 250 Mio. Dollar (rund 224 Mio. Euro). Wichtige Kriterien für eine Rückkehr sind aus der Sicht der Betroffenen der Sicherheitsfaktor und die Möglichkeit des Schulbesuchs für die Kinder.

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