Dossier

#generation2017

Wie sie leben. Was sie lieben. Wie sie ticken.

Rund 2250 steirsche Schülerinnen und Schüler sowie Lehrlinge aus allen Regionen geben in der großen steirischen Jugendstudie 2017 Einblick in ihr stark digital geprägtes Universum. 

Abseits aller Schubladen ergibt sich ein Bild einer durchaus zuversichtlichen, gut geerdeten Generation, die sich aber in vielen Bereichen stark von den Lebenszielen ihrer Eltern entfernt hat.

In einer sechsteiligen Serie beleuchtet die Kleine Zeitung exklusiv, was die Jungen bewegt, was sie ärgert und warum man sich um sie keine Sorgen machen muss.

Werte

Die große Party ist vorbei

TEIL 1: Partys und Marken verlieren an Bedeutung,
Wahlrecht und Friede werden wichtiger.

Die steirischen Jugendlichen blicken mit Zuversicht in die Zukunft und „leben weiter im pragmatischen High-Tech-Biedermeier mit sozialer Nahraumorientierung“, fasst der Autor der steirischen Jugendstudie 2017 und Chef der Arge Jugend gegen Gewalt und Rassismus, Christian Ehetreiber, die Stimmung unserer Schüler zwischen 12 und 20 Jahren zusammen.

Die 2257 befragten Jungen stehen – wie schon bei den letzten vier Umfragen seit 2007 – auf einem festen Fundament. Bei den mehrheitsfähigen „sehr wichtigen Werten“ ist einer am gefragtesten: Die Familie steht für 72,1 Prozent ganz oben. Gefolgt von Gesundheit, Spaß haben, Freundschaft, Beruf und Bildung.

Die beiden Zerspanungstechnik-Lehrlinge Yvonne Anger und Thomas Schweiger von der Landesberufsschule in Knittelfeld (beide 18 Jahre alt und aus Kindberg) finden sich in dem Ranking wieder: Beiden ist Familie das Wichtigste, vor Freunden, Beruf und Karriere bzw. dem Schutz der Umwelt.

Wahlrecht und Frieden werden wichtiger

In der Statistik lassen sich die Zeichen der Zeit vor allem im Vergleich zu den Zahlen 2014 ablesen. Die Werte, die für besonders viele Jugendliche an Bedeutung gewonnen haben, sind das (aktive) Wahlrecht (plus 13,8 Prozentpunkte), Frieden (plus 9,1 %), Umweltschutz (ein Plus von 6,6 %) und Fairness (+ 5,8 %).

Hier die Veränderungen seit 2014 im Detail:

Foto ©
Der Schub zu mehr Ernsthaftigkeit geht einher mit einer Absage an Spiel, Spaß und Party: Im Vergleich zu 2014 gaben um zehn Prozent weniger Jugendliche an, dass „Partys und Ausgehen“ für sie sehr wichtig sind. Der Stellenwert von Markenmode ist gar um minus 13,8 Prozentpunkte eingebrochen.

Zuwanderer-Kinder haben mehr Ehrgeiz

Spannende Einblicke in die Perspektiven der heimischen Jugendlichen  sind auch die Unterschiede bei den Werten jener mit und jener ohne Migrationshintergrund. Ein Blick darauf zeigt, dass junge Steirer mit Migrationshintergrund scheinbar mehr Kraft und Ehrgeiz in den gesellschaftlichen und beruflichen Aufstieg stecken wollen. Sie legen vergleichsweise mehr Wert auf Ausbildung, und darauf, später einmal viel Geld zu verdienen oder auch Sport. Dafür legen sie aber deutlich weniger Wert darauf, Partys zu feiern.

Bei der Bedeutung von Familie, Familiengründung oder Religion gibt es auch deutliche Unterschiede, zeigt die Grafik im Detail:

Foto ©

"Markenmode ist mir das Geld nicht wert"

„Marken interessieren in meinem Freundeskreis eigentlich keinen mehr. Ich kaufe mir kein teures Gewand, wenn ich doch viel billigere Mode bekomme, die genauso gut ausschaut“, sagt Thomas und auch Yvonne winkt ab: „Das ist mir das Geld einfach nicht wert!“

Die große Party scheint vorbei: vielleicht auch, weil die Jungen heute mehr Sorgen plagen als noch vor einigen Jahren. Brexit, Flüchtlingswelle, Terroranschläge: Die Welt wird turbulenter, gefühlt gefährlicher. „Ja, wir haben schon Angst vor Krieg“, geben Thomas und Yvonne unumwunden zu: „Auch wenn wir wohl in einem vergleichsweise wirklich sicheren Land leben.“ Aber bei einem US-Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin in Russland, dem IS und den vielen Ausländern, die auf der Flucht in unserem Land landeten, fühlt sich der 18-Jährige nicht mehr wie auf einer Insel der Seligen.

Familiengründung als Fixposten

Die persönlichen Lebensentwürfe der beiden sind jedenfalls geerdet und zielen auf Stabilität ab. Beide haben keine Angst, einmal keinen Job zu haben, ihre Ausbildung sichere ihnen Arbeit in der Metallindustrie. Für beide ist nicht nur Familie wichtig, sondern glasklar, dass sie auch selbst einmal eine Familie gründen wollen. Wenn die Pflicht erledigt ist, meint Yvonne: „Zuerst mache ich meinen Meister und die Prüfung zur Lehrlingsausbildnerin. Ich will im Job nämlich schon weiterkommen!“ Sind die Weichen beruflich gestellt, steht Kindern nichts mehr im Wege.

Auch in ihren Träumen sind die beiden keine Überflieger. „Ein gutes Leben und niemals den Sommerurlaub auslassen müssen“, schmunzelt Thomas. Und Yvonne ist auf den Hund gekommen: „Ich will einen Pitbull haben und mit ihm am Meer spazieren gehen.“

Die steirische Jugendstudie 2017

Die Arge Jugend gegen Gewalt und Rassismus und die Sozialforschung „x-sample“ haben die „5. steirische Jugendstudie 2017“ verfasst.

Befragt wurden 2257 Schüler zwischen 12 und 20 Jahren (von Pflichtschulen, AHS, BMHS und Berufsschulen) aus dem ganzen Bundesland.

Projektpartner: Bildungsressort Land Steiermark, Familienressorts Stadt Graz, Arbeiterkammer, Wirtschaftskammer sowie der Landesschulrat Steiermark.

 

Social Media

Daten statt Worte

TEIL 2. Rund 4,5 Stunden pro Tag verbringen steirische Jugendliche online
auf Kanälen wie Instagram, Facebook & Co. Wie das ihr Leben verändert.

whs haben Sie jz ka. Genau so würde es Ilhan in einer fingerfertigen Sekunde voller Daumen-Gelenkigkeit in sein Smartphone tippen, wenn er sagen wollte: „Wahrscheinlich haben Sie jetzt keine Ahnung.“ Der 19-Jährige und seine Grazer Mitschülerinnen der Medien-HAK Monsberger, Hazal und Rojda, gehen längst nicht mehr „ins Internet hinein“, wie es Ältere sprichwörtlich so gerne tun. Ein großer Teil ihres „echten“ Lebens spielt sich im Virtuellen ab. Eine Welt mit eigener – abgekürzter – Sprache, eigenen Gesetzen und eigenen Ritualen.

Szenen einer digitalen Verschmelzung: Der erste, noch schlaftrunkene Tagesordnungspunkt nach dem Aufwachen in der Früh gleicht bei den Dreien dem letzten Werk vor dem Einschlafen: „Wir checken auf Instagram, was es Neues gibt.“ Und dazwischen? „Verbringen wir fünf bis sechs Stunden pro Tag mit dem Smartphone.“ Das Daumenkino ist Programm.

Die drei Grazer liegen damit punktgenau im Schnitt: Während laut steirischer Jugendstudie die Befragten 4,5 Stunden pro Tag (die Burschen 4,1 Stunden die Mädchen 4,8 Stunden) auf Social-Media-Kanälen wie Instagram, Facebook, Youtube und WhatsApp unterwegs sind, verbringen die Grazer Jugendlichen sogar 5,5 Stunden im virtuellen Raum. Noch etwas fällt auf: Der globale Primus Facebook hat in Gymnasien ein Problem: Während sich knapp 90 Prozent aller Lehrlinge auf Facebook tummeln, sind es bei AHS-Schülern nur 54 Prozent.

Snapchat und Instagram nutzen bereits mehr steirische Jugendliche als Facebook, Tinder spielt bei ihnen keine Rolle:

Foto ©

Ein digitales Nomadentum ist im Gange, bestätigt Ilhan: „Ich hab Facebook verlassen, weil meine Freunde dort auch nicht mehr zu finden waren.“ Bei Hazal war die Sache anders: „Ich hab die App im Schulstress gelöscht, weil sie mich zu sehr vom Lernen abgehalten hat. Und danach hab ich sie nicht mehr installiert.“

Ersatz war mit Instagram schnell gefunden. Die auf (selbstoptimierte) Bilder fokussierte Plattform scheint bei Oberstufenschülern bzw. im urbanen Raum der Aufenthaltsort der Stunde zu sein. 2400 Instagram-Follower hat er, erzählt Ilhan stolz. Dass er nur einen Bruchteil davon persönlich kennt: zweitrangig.

Der erste Dating-Schritt ist immer online

Auch die Art, neue Leute kennenzulernen hat sich völlig verändert, erklären die drei. Entdeckt man heute einen interessanten Menschen im gleichen Cafe, wird am Handy geschaut, ob das Objekt der optischen Begierde zufällig über die Standort-Funktion auf Instagram zu finden ist. Wenn ja, folgt man dem Profil – und erst, wenn die Selbstdarstellung des anderen mit den eigenen Wunschvorstellungen übereinstimmt, wagt man den ersten Schritt – zunächst virtuell, natürlich.

Die Spontanität scheint durch neuen technischen Schnickschnack ohnehin zu leiden. Heißt auch: Telefoniert wird mit dem Handy überhaupt nicht mehr. „Ich hasse telefonieren, da kann man sich nicht so schnell spontan Ausreden einfallen lassen“, gibt Ilhan offen zu.

Foto © Hazal, Rojda und Ilhan

Wir wissen um die Gefahren, die auf Social Media lauern. Wir können damit umgehen, aber bei den Zwölfjährigen bin ich mir da nicht so sicher.

Rojda (19) kontrolliert die Postings ihrer zwölfjährigen Schwester


So kommt es, dass das berühmte „blaue Hakerl“ auf dem Message-Dienst WhatsApp, das dem Absender anzeigt, dass der Empfänger die Nachricht gelesen hat, wohl einer der größten Stressfaktoren der heutigen Zeit ist: „Wenn das Hakerl blau ist, erwartet der Absender eine Antwort von mir, aber ich will und kann nicht immer sofort antworten“, erklärt Rojda, die wie Hazal peinlich genau darauf achtet, welche Bilder von ihr im Internet auftauchen. „Wir wissen um die Gefahren, können damit umgehen, aber bei den Zwölfjährigen bin ich mir da nicht so sicher“, sagt Rojda, die deshalb bei ihrer kleinen Schwester (12) „alles kontrolliert, was sie postet und verschickt“.

Die Grenzen der Freiheit

Dafür scheinen ewige Streitereien mit den Eltern, wenn die Kids nur aufs Handy starren, passe: „Seit mein Vater selbst ein Smartphone hat, schaut er die ganze Zeit drauf. So kann er zu mir nichts mehr sagen“, grinst Ilhan, der in der zweiten Monatshälfte seine Aufenthaltsorte danach wählt, wo es leistungsfähiges Wlan gibt („weil da mein Datenvolumen oft schon aufgebraucht ist“). Die drahtlose Freiheit hat also auch ihre Grenzen. Oder anders: die Freiheit endet da, wo der Akku zu blinken beginnt.

Jugendschutz

Die Jungen pfeifen auf das Jugendgesetz

TEIL 3: Eine große Mehrheit der Jungen ignoriert
Verbote von Alkohol- und Tabakkonsum.

Stell’ dir vor, es gibt ein Jugendschutzgesetz, aber keinen kümmert’s. So könnte das Fazit der steirischen Jugendstudie lauten: 73,7 Prozent der befragten Schüler gaben an, Alkohol – illegal – bereits vor dem 16. Geburtstag getrunken zu haben. Mehr als zwei Drittel haben schon „einmal harte Getränke“ konsumiert, 61,6 Prozent Wasserpfeife oder E-Shisha geraucht, fast die Hälfte, bevor sie 16 waren, einen Tschick angeheizt. Nach eigenen Angaben konsumieren 13,7 Prozent der steirischen Jugendlichen mindestens einmal pro Woche „harte Getränke“.

Auffallend sind auch die Unterschiede nach Schultypen: In den Kategorien „Rauchen unter 16“ oder „hartes Getränk unter 16“ sind prozentuell deutlich mehr Lehrlinge, also Berufsschüler (Anteil von 61,7 Prozent bzw. 71,4 Prozent) in Konflikt mit dem Gesetz geraten als AHS-Schüler. Nur beim „ersten Alkohol unter 16“ überhaupt liegen die Schultypen fast gleichauf. Hier führen die AHS-Schüler, die zu 77,5 Prozent der Versuchung erlegen sind.

Foto © Cosma, Celine und Philomena

 

Wer hat in dem Alter denn noch keinen Alkohol probiert?

Celine (16), Cosma und Philomena (15)
Zahlen, bei denen Celine (16) aus Gratwein-Strassengel, Cosma aus Graz und Philomena (beide 15) aus St. Ruprecht an der Raab nur die Achseln zucken. „Wer hat in dem Alter noch keinen Alkohol probiert“, fragen sie mit der Erfahrung aus ihren Freundeskreisen zurück. Man erliege da einfach einer Mischung aus Neugier und dem Reiz des Verbotenen. Einig sind sich die drei Schülerinnen der HLW für Sozialmanagement der Caritas in Graz auch darin, dass die ersten Alkoholerfahrungen eher nicht daheim mit Eltern passieren. „Das wäre mir extrem unangenehm gewesen“, sagt Celine, „da gab es höchstens einen Schluck Sekt zu Silvester.“

So brechen steirische Jugendliche das Jugendgesetz:

Foto ©
 

Die Eltern sind das Gesetz

Das Bewusstsein für die Spielregeln des Jugendschutzgesetzes ist bei den drei Schülerinnen aber geschärft. Eine Blitzumfrage zu Ausgehzeiten, Alkohol und Nikotin ergibt eine 100-Prozent-Trefferquote. Celine weiß auch ganz genau, wer das Gesetz ist: „Die Eltern bestimmen, das steht auch im Gesetz“, das nur den Maximalrahmen festlege.

Prinzipiell funktionieren Ausgeh-Verhandlungen daheim gut und vertrauensvoll, sagen die drei. Comsa war auch schon länger als bis 23 Uhr unterwegs, obwohl sie erst 15 Jahre alt ist: „Spätnachts komme ich aber öffentlich nicht mehr gut heim, meistens übernachte ich dann bei einer Freundin.“ Am Land ist alles ein bisschen weniger streng, lacht Philomena, die abends vor allem bei Festen der Landjugend unterwegs ist.

Trinken, Rauchen, Fortgehen – hört man den drei jungen Frauen zu, gewinnt man den Eindruck, das Gesetz ist Richtschnur und Diskussionsgrundlage für Familien, ganz so ernst nimmt das aber keiner. Keine der Schülerinnen hat auch das Gefühl, das über Gebühr kontrolliert werde. „Obwohl mich nachts Kellner beim Bestellen schon zwei mal gefragt haben, ob ich eh 16 Jahre alt bin“, räumt Celine ein. Philomena gießt es in einen Satz: „Auf mich aufpassen muss ich selbst!“ Man könne sich nicht auf ein Gesetz verlassen.

Thomas und Yvonne, beide 18 Jahre alt und Lehrlinge aus dem Raum Kindberg haben sich für einen kleinen Wordrap zum Thema Jugendschutz bereit erklärt. Hier ihre Antworten:

So blau ist die Oststeiermark

Auch regional belegt die steirische Jugendstudie aussagekräfitge Unterschiede: So führen die Schüler der Bezirke Weiz und Hartberg-Fürstenfeld (zusammengefasst) bei Jugendschutzverstößen in allen Belangen. 88,3 Prozent gaben an, „schon einmal Alkohol getrunken zu haben“, 79 Prozent, dass sie jünger als 16 das erste Mal Alkohol getrunken haben. Bereits einmal harte Getränke konsumiert haben vor dem 16. Geburtstag hier 61,5 Prozent. In Summe haben die Jugendlichen in der West-, Süd-, Südost- und Oststeiermark vor jenen in der gesamten Obersteiermark in Sachen Alkoholkonsum die Nase zum Teil deutlich vorne.

Jugendschutz ist eine Aufgabe für die ganze Familie, vor allem auch für die Eltern.

Landesrätin Ursula Lackner
Familienlandesrätin Ursula Lackner sieht es deutlich weniger entspannt, dass das Verhalten der Jungen laut der Studie so eklatant in Konflikt mit dem Gesetzes steht und verweist darauf, dass die Behörden sehr wohl streng agierten: „2016 wurden mehr als 8000 Kontrollen zum Jugendschutzgesetz durchgeführt und 1190 Verfahren eingeleitet. Betroffen sind nicht nur Jugendliche, sondern in mehr als einem Drittel der Fälle die Erziehungsberechtigten.“ Jugendschutz sei eine Aufgabe für die ganze Familie, vor allem auch die Eltern, mahnt Lackner.
Die Landesrätin begrüßt außerdem, dass das Rauchverbot künftig bundesweit statt bis 16 Jahre bis 18 Jahre gelten wird. Das hebe das Einstiegsalter und senke den Raucheranteil in der Bevölkerung langfristig.

Was Teenager bei uns dürfen

Ausgehzeiten: Zwischen 14 und 16 Jahren darf man allein bis 23 Uhr ausbleiben, ab 16 Jahren rund um die Uhr.

Alkohol: Bis 16 Jahren ist das Konsumieren alkoholischer Getränke verboten, ab 16 sind Bier und Wein erlaubt, Hochprozentiges – auch Alcopops – sind verboten. Ab 18 sind Spirituosen erlaubt.

Tabak: Rauchen (auch mit E-Shishas oder Wasserpfeifen) ist ab Mai 2018 erst ab
18 Jahren erlaubt (jetzt: 16)

 

 

Politik

Wer braucht schon ein Politiker-Idol?

TEIL 4: Die steirische Jugend zeigt ein wachsendes Interesse an Politik. Aber nur, solange sich diese nicht in nervigem Parteien-Streit erschöpft.

"Hatten die denn nie Geschichte-Unterricht?“ – Einigermaßen fassungslos reagieren Nele, Jana und Matteo auf ein Detailergebnis der fünften Steirischen Jugendstudie: Jeder sechste Jugendliche hat zu Protokoll gegeben, dass ein „nicht gewählter Alleinherrscher“ Österreichs Probleme gut lösen könnte. Unter Pflichtschülern stimmte dem sogar jeder Dritte zu.

Nele Sicher, Jana Landschützer und Matteo Birchbauer sind 17 Jahre alt und besuchen die Grazer Ganztagsschule Klusemann Extern (KLEX). Mit der Alleinherrscher-Idee können die drei wenig anfangen. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Demokratie immer perfekt ist, aber eine Diktatur ist es niemals“, sagt Nele. Für Jana geht es vor allem um Diskussion und Austausch: „Wenn das wegfällt, weil es keine Wahlen gibt, denken Politiker nur noch an sich selbst und nicht mehr an das Volk, das sie vertreten sollten.“

Foto © Jana Landschützer, Nele Sicher und Matteo Birchbauer

Eine Einsicht, die sich auch unter den übrigen steirischen Jugendlichen zunehmend stärker durchzusetzen scheint. Im Vergleich zu letzten Umfrage 2014 hat die Alleinherrscher-Idee diesmal immerhin um fast drei Prozentpunkte verloren, während das Vertrauen in die Demokratie wächst. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen traut den europäischen Demokratien grundsätzlich zu, die Probleme der Zukunft zu lösen, nur knapp 9 Prozent glauben das überhaupt nicht. Und exakt jeder Zweite zeigt nach eigener Auskunft Interesse an Politik.

Das Bild von der politisch desinteressierten Jugend – in Wahrheit eine Schimäre? Schon, meint Jana, wenn man unter Politik die Diskussion über Problemlösungen verstehe. „Wenn sich Parteien und Politiker aber ständig nur gegenseitig anschwärzen, ist das einfach kindisch. Das interessiert mich dann nicht.“ „Nur noch lächerlich“ findet Nele das Gezänk, das im derzeitigen Wahlkampf zu beobachten sei. Die vielen unsachlichen Fernsehdiskussionen machen sie wütend. „Aber es sind halt genau diese populistischen Sager, die am besten ankommen und über die auch am meisten berichtet wird“, gibt Matteo zu bedenken.

Keine politischen Rockstars

Entsprechend wenig geben die drei Schüler auf die Strahlkraft der jeweiligen Spitzenkandidaten. Ein Politiker mit Rockstar-Image, einer, der als Idol durchgehen würde? – Matteo, Jana und Nele schütteln die Köpfe. „Also in Österreich fällt mir da niemand ein“, sagt Nele. „Den Obama“ finden alle drei als Menschen toll, doch als Superstar tauge auch der ehemalige US-Präsident nicht. Einen solchen scheinen die jungen Grazer in der Politik (und anderswo) aber auch gar nicht erst zu suchen.

Am Wählengehen hindert das die jungen Steirer jedenfalls nicht. 71,5 Prozent der befragten Schüler haben laut Studie die grundsätzliche Absicht, bei der nächsten ihnen möglichen Wahl ihre Stimme abzugeben. 2014 lag dieser Wert noch sieben Prozentpunkte niedriger. Und befragt man nur die über 16-Jährigen, die bereits bei der nächsten anstehenden Wahl zur Urne schreiten dürfen, steigt die Bereitschaft dazu sogar auf 86 Prozent an.

Wählen gehen oder nicht, diese Frage stellt sich für die drei KLEX-Schüler nicht wirklich. „Wer nicht wählen geht, der braucht sich auch nicht über die Politik zu beklagen“, sagt Nele. Selbst aktiv für eine Partei zu arbeiten, kann sich die 17-Jährige allerdings nicht vorstellen. Anders ihr Klassenkollege Matteo: „Für mich wäre es schon eine Überlegung, selbst in die Politik zu gehen.“

Foto ©

 

Jobwelten

Geld oder Leben?

TEIL 5: Betriebsklima und „Work-Life-Balance“ sind vielen Berufseinsteigern längst wichtiger als Gehalt und Karriere.
Dafür sind Roboter als Arbeitskollegen für Lehrlinge selbstverständlich.

Man lernt nie aus. Zum Beispiel, dass auch Roboter Pflegefälle werden können. Dann Svenja (18) und Oliver (22) gefragt. Für die beiden Mechatroniker-Lehrlinge sind Roboter als Arbeitskollegen längst eine Selbstverständlichkeit. Und ihr Job in der Instandhaltung ist es, auf die technischen Bedürfnisse ihrer funkernsprühenden Mehrarm-Mitarbeiter – die in ihrem obersteirischem Industriebetrieb schon vor Jahren Fließbandschweißer ersetzt haben – einzugehen. „Wir gelten zwar als Arbeiter, aber wir arbeiten das meiste mit dem Kopf, für die körperliche Arbeit sind die da“, sagt Svenja Waltl mit einer Selbstverständlichkeit.

Während also die ältere Gerneration im Feilschen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern an Ritualen aus dem letzten Jahrhundert festhält und Professoren über Industrie 4.0 referieren, scheint die Jugend längst in einer vernetzten Arbeits-Wirklichkeit angekommen, die wahlkämpfende Politiker so gerne vorgeben, fernhalten zu wollen.

Jugendliche aus der Steiermark erklären im Wordrap, was ihnen fürs spätere Berufsleben wichtig ist:

Svenja und Oliver gehören zu jener immer größer werdenden Gruppe, die mit 14 zunächst eine schulische Laufbahn eingeschlagen haben, und erst danach eine Lehre begannen. „Spinnst du?“, war damals die erste Reaktion seiner Kollgen, mit denen Oliver in Raumberg maturiert hat, als er ihnen eröffnete, dass er nicht mit ihnen studieren gehen wolle. „Doch es war die richtige Entscheidung“, ist er ebenso überzeugt wie Svenja, die nach der vierten Klasse HTL („ich war das einzige Mädchen in der Klasse, aber das war mir egal“) auf eine Technik-Lehre umgestiegen ist.

„Ich finde, mit 14 sind die meisten noch zu unreif, um zu wissen, was sie wollen. Aber oft auch zu unreif, um zu kapieren, dass in der Arbeit kleine Scherze wie seinerzeit in der Schule ernsthafte Folgen haben können “, sieht Svenja Vorteile, in der Lehrwerkstatt schon zu den Älteren zu gehören. Während die beiden also ihre Berufsentscheidung ein paar Jahre später eigenständig, wie sie betonen, geändert haben, spielen laut der aktuellen steirischen Jugendstudie die Eltern in der Schul- und Berufswahl noch immer eine maßgebliche Rolle. 92 Prozent diskutieren dies mehr oder weniger intensiv mit den Eltern aus. Doch während bei der letzten Studie 2014 noch jeder fünfte Jugendliche angab, dass ausschließlich die Eltern die Berufswahl bestimmen, war dies heuer „nur“ noch bei elf Prozent der Fall.

Spannend: Wie schon 2014 lässt sich noch immer ein Viertel der Jugendlichen von Vorbildern in Film und Fernsehen in der Berufswahl beeinflussen. Die TV-Doktoren lassen grüßen.

Foto ©

Was die explizite Wahl des Arbeitsplatzes betrifft, bestätigen sowohl  Svenja und Oliver, als auch die mehr als 2250 befragten Jugendlichen den Trend der Zeit: Es sind die „weichen Faktoren, die zählen. So haben die Entscheidungskriterien, „gutes Betriebsklima“, „sicherer Arbeitsplatz“ und „Work-Life-Balance“, die auch schon 2014 meilenweit vor Faktoren wie Entlohnung und Aufstiegsperspektiven lagen, in der aktuellen Studie sogar noch einmal zugelegt in der Bedeutung für die Jugendlichen. Oder wie Oliver Stieg sagt: „Wenn du dich in der Arbeit nicht wohlfühlst, hilft das ganze Geld nichts.“

Foto © Oliver Stieg (22) und Svenja Waltl-Schupfer (18)

Wir Frauen sind viel zu oft Hosenschei*er, die zu lange nachdenken, warum was nicht geht. Männer machen einfach.

Svenja Waltl-Schupfer

Der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen war wohl in keiner Studienfrage größer als bei der Frage zu potenziellen Unternehmensgründungen. Zwar können sich (wie schon 2014) mehr als 40 Prozent der Befragten vorstellen „irgendwann einmal“ selbstständig zu sein. Doch fast dreimal so viele Burschen (13,9 Prozent) wie Mädchen (5,3 Prozent) haben „fix vor, in den nächsten zehn Jahren ein Unternehmen zu gründen“. Svenja, die – wie man früher gesagt hätte – einen Männerberuf ausübt, hat dafür eine klare, unverblümte Erklärung: „Wir Frauen sind viel zu oft Hosenschei*er, die zu lange nachdenken, warum was nicht geht. Männer machen einfach.“

 

Gewalt und Rassismus

"Man spürt die feindseligen Blicke"

TEIL 6: Jugendliche aus Migrantenfamilien sind deutlich öfter mit Gewalt konfrontiert. Doch die Zivilcourage der Jungen kann sich sehen lassen.

Um die Kirche im sprichwörtlichen Dorf zu lassen: Nein, die steirische Jugend ist kein pöbelnder, sich prügelnder Haufen, in dem die Sprache der Gewalt regiert. Rund neun von zehn Jugendlichen gaben in der 5. Steirischen Jugendstudie zu Protokoll, im vergangenen Jahr nie Opfer von Gewalt geworden zu sein – der beste bisher erhobene Wert. Aber natürlich gibt es sie, die Anfeindungen und Übergriffe – sei es auf offener Straße oder innerhalb des Klassenverbands.

Betroffen sind laut Studie vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund. Fast jeder Vierte gab hier an, zumindest „alle paar Monate“ Opfer rassistischer oder ausländerfeindlicher Übergriffe zu werden. Noch deutlich höher ist dieser Anteil, wenn es um Beschimpfungen und Beleidigungen geht. „Oft sind es ältere Leute, die mir in der Bim lauthals erklären, wie die Dinge bei uns gemacht werden. So als würde ich nicht dazugehören“, sagt Amina Abdulahovic. Die 17-Jährige besucht das Grazer Gymnasium Korösi und gehört „dazu“, seit sie denken kann. Sie ist hier geboren, ihre Eltern stammen aus Bosnien.

Foto © Amina Abdulahovic und Leonora Beqiri

Aminas gleichaltrige Klassenkollegin Leonora Beqiri hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Ihre Eltern stammen aus dem Kosovo. „Manchmal genügt der fremd klingende Nachname, dass man zu hören bekommt, dass ,wir‘ an allem schuld sind“, sagt sie. Vorhaltungen, an die sich die beiden gewöhnt haben. „Ich red’ meistens zurück und versuche zu erklären, wie die Dinge wirklich sind“, sagt Leonora und zuckt mit den Schultern. Effekt habe das in den meisten Fällen freilich keinen. „Das alles passiert nicht extrem oft, aber manchmal spürt man schon die feindseligen Blicke von oben herab“, sagt Amina.

Auch zwischen Migranten gibt es Konflikte. „Albaner und Serben halten oft Abstand zu einander, selbst wenn sie hier geboren sind“, sagt Leonora. „Das übernehmen die Jugendlichen häufig einfach von den Eltern.“ Immerhin gab in der Studie fast jeder vierte Jugendliche mit Migrationshintergrund an, im letzten Jahr selbst bei einer Schlägerei mitgemacht zu haben, für fast jeden Zehnten ist das sogar „alle paar Wochen“ der Fall. Doch Studienautor Christian Ehetreiber warnt vor voreiligen Schlüssen: Die tatsächlichen Hintergründe dieser Angaben seien erst sozialwissenschaftlich zu untersuchen.

Streitende Jugendliche getrennt

Doch wie halten es die jungen Steirer, wenn sie Zeugen von körperlicher oder verbaler Gewalt werden? „Ich weiß nicht, ob ich bei einer Schlägerei dazwischen gehen würde, aber dass ich Hilfe hole, ist selbstverständlich“, sagt Amina. Auch Leonora überlegt nicht lange: „Erst vor zwei Wochen habe ich in einem Fast-Food-Lokal beobachtet, wie sich zwei 13-Jährige zu streiten und zu schlagen begonnen haben. Ich bin mit ein paar anderen dazwischengegangen und habe sie getrennt.“

Das deckt sich weitgehend mit den Ergebnissen der Jugendstudie. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gab an, schon einmal jemanden vor Gewalthandlungen in Schutz genommen zu haben, wobei dieser Wert je nach Schultyp stark schwankt.

Gewalt und Mobbing direkt an der Schule sei hauptsächlich bei den Jüngeren ein Thema, sagt Amina: „Da kann es brutal sein. Unter den Burschen geht das manchmal so weit, dass die Rettung in die Schule kommen muss, weil einer eine Gehirnerschütterung hat.“ Mit zunehmendem Alter sei das aber vorbei. „Dann bemerkt man, dass so etwas einfach Blödsinn ist.“

Foto ©

 

Impressum

Impressum

Text: Bernd Hecke, Ulrich Dunst, Günter Pilch
Grafik: Lisa Graschl
Quelle: Steirische Jugendstudie 2017
Fotos: Marija Kanizaj Videos: Markus Leodolter