Zuletzt aktualisiert: 10.07.2015 um 05:30 UhrKommentareRupert Rechberger

„Die Kirche geht nicht unter, davon bin ich überzeugt“

Anlässlich seiner Weihe zum Priester heute genau vor 60 Jahren gibt der Pöllauberger Rupert Rechberger, Pfarrer in Ligist, Einblick in sein bewegtes Leben. Clemens Ticar und Rainer Brinskelle

Rupert Rechberger
Rupert Rechberger Foto © Clemens Ticar

Sie sind 85 Jahre alt und arbeiten wie eh und je. Wie geht es Ihnen dabei?
RUPERT RECHBERGER: Für mein Alter und für den Dienst, den ich noch mit Freuden tun kann, geht es mir soweit gut. Wirklich wahr. Ich verrichte meine Arbeit noch immer mit Schwung. Hie und da ist schon viel zu tun.

Woraus schöpfen Sie die Kraft?
RECHBERGER: Das liegt im Beruf verborgen. Ich bin sehr gerne als Seelsorger, als Priester unterwegs, weil ich viel zu Menschen komme. Letzten Endes schöpfe ich die Kraft aber aus dem Gebet und aus dem Glauben.

Was hat Sie dazu bewegt, Priester zu werden?
RECHBERGER: Ich habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt. Meine Heimat ist Pöllauberg, da war gleich hinter dem Masenberg bei Vorau das Grenzgebiet. Das war Kriegsgebiet. Da sind oft Soldaten gekommen, die gesagt haben: Es ist sinnlos geworden. Andererseits habe ich erlebt, mit wie viel Aufopferung gelebt wurde. Die Männer waren eingerückt, die Frauen mussten alles aufrecht erhalten – gemeinsam mit den Kindern. Unsere Nachbarin hat sechs Söhne gehabt, vier sind gefallen. Da habe ich mir gesagt: Ich möchte mehr tun. So habe ich mich für den Priesterberuf entschieden.

Wie sind Sie dann vorgegangen?
RECHBERGER: Ich habe zu unserem Pfarrer Ferdinand Neumann gesagt: Ich möchte eventuell Priester werden. Gelernt habe ich gut, das hat er gewusst. Ich war dann drei Jahre in der Aufbauschule in Horn – plötzlich stirbt Neumann, der mich immer – auch finanziell – unterstützt hat, im Jahr 1949. Das war ein großer Schmerz. Ich habe mir gesagt: So wie er möchte ich mein Leben gestalten.

Wie konnten Sie ihren Berufswunsch trotzdem umsetzen?
RECHBERGER: Ich bin zum Bürgermeister gegangen, der gemeint hat: ,Natürlich unterstützen wir dich weiter.’ Und der Nachfolger von Neumann, das war ein Weststeirer, der Stallhofner Anton Spath hat mich von Horn nach Graz geschickt, weil in Horn alles teurer geworden ist. Was wir Hunger und Kälte gelitten haben. Statt eines Stückls Brot haben wir Lebertran-Tabletten bekommen. In Graz habe ich nach zwei Jahren die Matura am Akademischen Gymnasium gemacht, ehe ich von 1951 bis 1956 im Priesterhaus war. Weil in Graz bereits damals Priestermangel herrschte, bin ich schon 1955 geweiht worden. Insgesamt waren wir 15 bei der Weihe, sechs von uns leben noch.

Wie kamen Sie nach Ligist?
RECHBERGER: Von 1956 bis 1958 war ich Kaplan in Fladnitz an der Teichalm. Der damalige Pfarrer hat mir sehr viel mitgegeben an Lebensweisheit für das Priestertum. Wie ich mich zu verhalten habe im Pfarrhof, gegenüber dem Chef, der Pfarrersköchin, dem Mesner. Ich hätte keinen besseren Lehrmeister haben können. 1958 bin ich nach St. Ruprecht an der Raab gekommen. Meine Aufgabe war die Jugendseelsorge. Als uns Erzbischof Josef Schoiswohl visitiert hat, ist die Jugend vom Pfarrhof bis zur Kirche Spalier gestanden – 100 Jugendliche. Das hat ihn so gefreut, dass er gesagt hat: Ich nehme Sie mit nach Graz. Ich habe ihm gesagt: ,Bitte, lassen’s mi am Land.’ So kam ich im September 1962 nach Ligist.

Und wie gefällt es Ihnen hier?
RECHBERGER: Ja, gut! Sonst wäre ich schon längst weg.

Haben Sie den Schritt je bereut?
RECHBERGER: Nein. Das hat mir viel gegeben. Von der Weststeiermark habe ich wenig gekannt. In die Mentalität habe ich mich hineinleben müssen. Der Weststeirer ist ein gemütlicher Typ. Und sehr strebsam.

Wie sieht denn ein durchschnittlicher Tag in Ihrem Leben aus?
RECHBERGER: Ich stehe um 5.30 Uhr auf, eine Stunde später gehe ich in die Kirche. Um sieben Uhr feiere ich jeden Tag die Heilige Messe. Danach frühstücken. Und was halt so anfällt. Ich mache ja die Kanzleiarbeit auch: Taufmatriken in Schwung halten, Sterbebücher verwalten, Trauungen vorbereiten. Und ich gehe zu den Menschen, ich bleibe nicht nur hocken. Am Abend sind oft Sitzungen. Dann kommt der Pfarrgemeinderat, eine Männerrunde kommt schon seit 35 Jahren zu mir, eine Frauenrunde habe ich auch. Es ist immer was los.

Bleibt da auch Freizeit übrig?
RECHBERGER: Die suche ich mir schon. Lesen tu’ ich. Und ich schaue fern. Zeit im Bild – damit ich im Bild bin, was auf der Welt geschieht. Ich setze mich gern in den Garten, dort streichle ich unsere Katzen. Wenn ich die Möglichkeit habe, fahre ich in die Höhe. Ligist ist ein interessantes Gebiet. Herunten wächst der Wein und der höchste Bauernhof liegt auf 1000 Metern Seehöhe. Da ist schon fast Almwirtschaft. Da stelle ich das Auto in den Wald und gehe spazieren.

Zur Person

Rupert Rechberger wurde am 1. April 1930 als Kind einer Dienstmagd geboren und wuchs mit drei Geschwistern in einer Pflegefamilie in Pöllauberg auf.

Am 10. Juli 1955 wurde Rechberger zum Priester geweiht, seit 1962 ist er Pfarrer von Ligist.

Besuchen Sie noch Pöllauberg?
RECHBERGER: Selten. Es vergeht oft ein halbes Jahr, bis ich zu meinem Bruder komme. Der ist in Pöllau zu Hause. Diesen Sonntag unternehmen wir aber eine Wallfahrt nach Pöllauberg, auch dort feiern wir mein Priesterjubiläum.

Was hat sich in 60 Jahren in der Kirche und Ihrer Arbeit verändert?
RECHBERGER: Gewaltig viel. Anfangs war die Heilige Messe nur Lateinisch. Bis zum Konzil – also bis 1968. Die ganze Seelsorge hat sich gewandelt. Alles ist anders geworden. Auch in der Schule. Ich habe 38 Jahre Religionsunterricht erteilt. Wir haben noch Katechismus gelehrt, hatten Religionsbücher mit Bildern. Auch Predigtthemen haben sich gewandelt. Man muss hineinhorchen ins Volk und überlegen, was könnte man ihnen ans Herz legen? Ich fordere da schon auch: Tut etwas für euer Seelenheil.

Ist Ihre Aufgabe einfacher oder schwieriger geworden?
RECHBERGER: Jede Zeit hat ihre eigenen Probleme und Aufgaben. In zehn, zwanzig Jahren schaut es durch den Priestermangel wieder ganz anders aus.

Steckt die Kirche in der Krise?
RECHBERGER: Krise nicht. Aber die Kirche lebt mit einer großen Sorge. Wie geht es uns in dieser Gemeinschaft der Kirche? Wie können wir versuchen, zu fördern, dass das Leben für die Menschen glücklicher und schöner wird? Aber die Kirche geht nicht unter, davon bin ich völlig überzeugt.

Kommen in Ligist viele Leute in den Gottesdienst?
RECHBERGER: Es wird weniger. Und zwar deswegen, weil die älteren Leute sterben und die Jugend kommt nicht nach. Das ist das große Problem.

Würde sich dabei ein jüngerer Pfarrer leichter tun?
RECHBERGER: Sicher. Wenn ich denke, wie viele Jugendliche ich früher betreut habe. Ich habe vor Kurzem in meinem Tagebuch gelesen, welche Jugendfeste ich in St. Ruprecht organisiert habe. Da waren 900 bis 1000 Jugendliche, die zur Kommunion gegangen sind. Es spielt sicher eine Rolle, dass man als Junger besser ankommt bei der Jugend.

Ich mache immer Witze, wenn ich die Möglichkeit habe.

Wie stehen Sie zum neuen Bischof Wilhelm Krautwaschl?
RECHBERGER: Ein sehr aufgeschlossener, netter, fröhlicher Bischof. Er wird manches bewegen können. Aber er hat es auch nicht leicht. Warten Sie nur ab. Jetzt ist Halleluja, weil er am Anfang steht. Aber irgendwann muss er auch etwas fordern. Wir dürfen aber nicht kapitulieren, sondern mutig weitergehen. Und das wird der Bischof sicherlich machen.

Sie sind auch ein sehr fröhlicher und herzlicher Mensch. Ist es wichtig als Pfarrer lustig zu sein?
RECHBERGER: Unbedingt. Ich mache immer Witze, wenn ich die Möglichkeit habe. Vergangene Woche hatte ich ein Jäger-Begräbnis. Da waren mindestens 50 Jäger. Bei der Einsegnung habe ich die im Ritus vorgeschrieben Gebete gebetet. Dann habe ich gesagt: ,Jetzt beten wir für die verstorbene Jägerschaft. Weil so versammelt, erwische ich euch nie.’ Alle haben gelacht. Und alle haben gebetet. Wenn es ernst sein muss, sind wir das aber auch.

Sind Sie so lustig, weil Sie am 1. April Geburtstag haben?
RECHBERGER: (lacht) Wahrscheinlich. Als ich angekommen bin, habe ich gesagt: ,Jetzt habt ihr einen echten April-Narren.’ Und alle haben sich gefreut.

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1 Kommentar

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yoepa am 10.07.2015 11:28 Kommentar melden

Die Kirche ist etwas für Menschen, die sonst kein Leben haben.
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