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Zuletzt aktualisiert: 19.04.2013 um 20:44 UhrKommentare

Bei Lyoness tobt der Krieg der Gutachter

Pyramidenspiel und Betrug oder Verleumdung und Sippenhaft? Die Einkaufsgemeinschaft Lyoness gerät massiv ins Visier. Doch die Firma sieht sich unbeirrt als Weltkonzern und will alte Sünden loswerden.

Foto © Susanne Hassler

Die vom Grazer Hubert Freidl gegründete Einkaufsgemeinschaft Lyoness sieht sich geschäftlich auf dem Durchmarsch: Man sei auf dem Weg zum Weltkonzern und werde in den nächsten drei Monaten die Schallmauer von drei Millionen Mitgliedern durchbrechen, sagt Kommunikationschef Mathias Vorbach. Doch der Konzern, der mit fast 1000 Beschäftigten einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro erwirtschaftet, bekommt juristisch immer härteren Gegenwind. Die Korruptions-staatsanwaltschaft ermittelt "gegen Freidl und andere" wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Kapitalmarktgesetz. Der Wiener Anleger-Anwalt Eric Breiteneder vertritt Dutzende enttäuschte Lyoness-Mitglieder, die - ganz im Sinne der "cashback"-Philosophie - ihr Geld zurückwollen. Und jetzt tritt auch der Verein für Konsumentenschutz (VKI) auf den Plan. Der Leiter der VKI-Rechtsabteilung, Peter Kolba, will kommende Woche zivilrechtliche Schritte gegen das Netzwerk setzen.

Die Vorwürfe sind breit gestreut: Undurchsichtige Vertriebsstrukturen und dubiose Geschäftspraktiken haben Lyoness ins Zwielicht gebracht. Denn neben der Einkaufsgemeinschaft existiert parallel ein Vertriebssystem, dessen Akteure über Provisionen von Einkäufen und Anzahlungen geworbener Neumitglieder profitieren. Von angeblicher Geldwäsche über verbotene Pyramidenspiele bis hin zur Anleger-Täuschung reichen die Verdächtigungen. Manches davon ist wenig konkret, in einigen Punkten aber könnte es für den Konzern ziemlich eng werden.

Strafrechtlich brisant ist etwa ein Gutachten, das der Wiener Sachverständige Karl Hengstberger Ende März für die Korruptionsstaatsanwaltschaft erstattet hat. Er untersuchte drei Lyoness-Werbekampagnen in Österreich, Ungarn und der Slowakei, an deren Kosten sich Mitglieder mit Zeichnungsscheinen zu je 200, 300 und 900 Euro beteiligen konnten. Damit seien "Veranlagungen" angeboten worden, für die Lyoness laut Kapitalmarktgesetz einen genehmigten Prospekt hätte auflegen müssen, was aber nicht geschah. Dieses Vergehen ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bis zu 360 Tagessätzen bedroht.

Der Sachverständige listet auch andere dubiose Umstände auf. Das Vergütungssystem sei "intransparent" und "für den gewöhnlichen Durchschnittsmenschen kaum verständlich". Vor allem aber seien für die Mitglieder aus der finanziellen Beteiligung an den Lyoness-Werbekampagnen "nachhaltige Provisionseinnahmen in signifikanter Höhe nicht erzielbar" gewesen. Sprich: Wer einzahlte, zahlte fast zwangsläufig drauf.

Besonders fragwürdig scheint dem Experten eine Bestimmung, wonach Einkaufsgutscheine, die die Mitglieder selbst bezahlt haben, nach einem Jahr verfallen. Diese Bestimmung hat Lyoness mittlerweile aus den Geschäftsbedingungen gestrichen. "Juristisch hätte das sowieso nicht gehalten", sagt Lyoness-Anwalt Hubert Reif. Er hält die meisten Vorwürfe für aus der Luft gegriffen und schießt scharf gegen seinen Anwaltskollegen Breiteneder. "Er vermischt sehr suggestiv die Fakten. Von all den Prozessen hat er bisher nur drei gewonnen, bei denen es um die Werbekampagnen aus 2008 ging."

Konfrontiert man die Lyoness-Leute mit den Vorwürfen, dann erzählen sie die Geschichte einer Häutung: Ja, Lyoness habe als Vertriebssystem angefangen, damals seien vielleicht auch Fehler passiert. "Aber der Konzern ist inzwischen ein ganz anderer geworden", versichert Lyoness-Sprecher Vorbach. Bei den Streitereien gehe es nur um "Fälle aus einer Zeit, als unser Qualitätsmanagement noch nicht so gut aufgestellt war". Inzwischen sei alles besser, es gebe keine Massenwerbeveranstaltungen mehr, man wolle dieser Tage eine Firmenakademie eröffnen, um alle Mitarbeiter zu schulen. "Wir befinden uns in einer Sippenhaft-Situation, die wir zum Teil selbst mitzuverantworten haben", so Vorbach. Doch 95 Prozent der Kunden seien "gewöhnliche Shopper", die mit der Lyoness-Karte nur ganz harmlos Einkaufs-Bonuspunkte sammeln wollen.

Juristisch hat sich der Konzern für die Prozessschlachten gewappnet: Ein Rechtsgutachten der Wiener Wirtschaftsprofessorin Susanne Kalss sieht keinen Verstoß gegen die Kapitalmarkt-Prospektpflicht. Bei Lyoness sei es nämlich nicht um die Erwirtschaftung von Kapitalerträgen mit gemeinsamem wirtschaftlichem Risiko gegangen.

Im Hintergrund geht es bei dem Streit um interessante Fragen - etwa, ob Unternehmer Konsumenten sind, wenn sie privat einkaufen. Ein anhängiges Verfahren in Deutschlandsberg etwa betrifft eine Tankstellenpächterin, die als Privatperson Konsumentenrechte gegen Lyoness geltend machen will.

Das Lyoness-Argument, man sei weltweit präsent und trotzdem gebe es nur in Österreich Probleme, stimmt indes nicht ganz: Auch aus Frankreich und der Schweiz werden erhebliche juristische Turbulenzen gemeldet. Freidl jedenfalls will die Konzernzentrale jetzt aus dem schweizerischen Buchs absiedeln und nach Graz verlegen, was aber noch Gegenstand komplexer Behördenverhandlungen ist. Für die Sitzverlegung nennt Vorbach einen denkbar harmlosen Grund: "Freidl ist nun einmal ein begeisterter Steirer."

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FAKTEN

  • Lyoness wurde 2003 gegründet. Nach eigenen Angaben ist man nicht nur die weltweit größte Einkaufsgemeinschaft mit 2,7 Millionen Mitgliedern, sondern bietet auch ein Programm zur Kundenbindung für 29.000 Partnerunternehmen.

    Die Lyoness Europe AG (Alleineigentümer Hubert Freidl) umfasst 32 europäische Standorte. Gegründet wurden auch Gesellschaften in Süd- und Nordamerika, Australien und Asien.

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