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Zuletzt aktualisiert: 15.02.2013 um 20:40 UhrKommentare

Reden ist Gould

Thomas Bernhards "Untergeher" im Grazer Schauspielhaus. Ein Virtuosentreffen, eine Symphonie in Worten. Von Werner Krause.

Foto © Lupi Spuma

Ein Mädchen betritt die Bühne, setzt sich an das Klavier, hebt die Hände, will spielen, lässt es sein, will wieder spielen kann es doch nicht, ehe es fluchtartig wieder verschwindet. Ein Sinnbild, symbolträchtig, berührend und beklemmend zugleich. Es liefert den idealen und stimmigen Einstieg in die Bühnenversion von Thomas Bernhards Roman "Der Untergeher", dessen zentrales Thema die Magie, Anziehungskraft, aber auch die Vernichtungs- und Zerstörungswucht der Musik ist.

Dem Klaviervirtuosen Glenn Gould wollte Thomas Bernhard, der geniale Wortsymphoniker, mit seinem Werk ein Denkmal setzen, das, wie könnte es auch anders bei diesem Dichter sein, erhebliche Sprünge und Risse aufweist und letztlich einer Todesfuge weitaus näher ist als den viel gerühmten Goldberg-Variationen. Aus zahllosen Satz-Variationen, aber auch ständigen, leichten Verschiebungen besteht auch der Monolog, den Bernhard als Stilmittel wählte.

Im Grazer Schauspielhaus belegt die deutsche Regisseurin Christiane Pohle, die schon mehrere Werke von Bernhard bravourös inszenierte, dass dieses Künstlerdrama eigentlich nur beim Wort genommen werden muss, um es auch bühnentauglich zu machen.

Verkümmerungsprozess

Das Grundgerüst der Geschichte ist einfach. Bernhard erzählt die fiktive Geschichte von drei jungen Musikern, die das Klavierstudium in Salzburg erst zusammenschweißt, dann aber auf unterschiedlichste Weise zerstört. Da ist einerseits der Erzähler der Ereignisse, dann Glenn Gould und als dritter im Bunde Wertheimer, von Gould als "Untergeher" bezeichnet, weil er an dessen Genialität zerbricht und sich fortan konsequent einem Verkümmerungsprozess hingibt, der mit dem Freitod endet.

Mit großem Feingefühl formt Christiane Pohle aus der Textmasse Bühnenfiguren und rückt den Fall Wertheimer in den Mittelpunkt, fast wie in einem Gerichtsverfahren, bei dem es aber ringsum weder Schuld noch Sühne gibt. Verachtung und Selbstverachtung liefern die Grundmelodie für ein abgründiges Spiel auf einer nur aus etlichen Stühlen, Notenständen und drei Klavieren bestehenden Bühne. Souverän und sehr distanziert reflektiert Christoph Luser als Erzähler die Chronik des Scheiterns, der Isolation, der Kunstbesessenheit, während Sebastian Reiß als "Untergeher" dem Bernhardschen Wort-Furor brillant, exaltiert und mit Slapstick-Einlagen freien Lauf lässt. Claudius Körber schlägt als Gould präzise Töne an. auch Brigitte Stöger und Gerhard Balluch haben großen Anteil an dieser imposanten sprachlichen Vielharmonie, die, um es im Sinne Bernhards zu sagen, im Grunde und naturgemäß ungeheuerlich ist. Großer Beifall.

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