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Zuletzt aktualisiert: 14.01.2012 um 06:30 UhrKommentare

Helmut List feiert seinen 70. Geburtstag

Er schaffte es, einen Betrieb mit 400 Mitarbeitern zum Weltmarktführer mit 5000 Mitarbeitern zu machen. Helmut List, der heute nachträglich seinen 70. Geburtstag feiert, über Aufstieg & Erfolg.

Foto © Kanizaj

Sie feiern heute nachträglich Geburtstag und arbeiten weiter 50 Stunden in der Woche.

HELMUT LIST: Eher mindestens 60.

Was denken Sie sich da mit 70 bei den Debatten über das Pensionsanstrittsalter von 58 Jahren?

LIST: Ich glaube, es ist den Menschen damit nicht gedient, denn viele wollen weitermachen - auf eine ihnen angemessene Form. Auch in jüngeren Jahren bin ich überzeugt gewesen, dass ein hartes Ende nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Das dient niemandem, und die Annahme, ein Älterer nimmt einem anderen die Arbeit weg, ist ein Irrtum.

Warum?

LIST: Die Arbeit ist kein großer Brotkorb, der über einem Land hängt, sondern Arbeit hängt von unserer Effizienz ab und wie viel wir uns vom Weltmarkt holen.

Sie haben die AVL mit 400 Mitarbeitern und 19 Millionen Euro Umsatz von Ihrem Vater übernommen und das Unternehmen mit heute über 5000 Mitarbeitern und 830 Millionen Euro Umsatz zum Weltmarktführer in der Motorenentwicklung, bei Testsystemen, in der Simulation gemacht. Was waren aus heutiger Sicht die wesentlichen Erfolgsfaktoren?

LIST: Kontinuität in der Strategie. Ein Beispiel: Wir sind sehr früh in die mathematische Simulation eingestiegen und haben trotz vieler Verluste das durchgehalten - auch in den schwierigsten Phasen haben wir dieses Team nie angerührt. Das war zehn Jahre überhaupt nicht profitabel. Es war mir aber schon vor 25 Jahren klar, dass wir immer mehr virtuell machen werden. Die meisten sagen dann: Schauen wir uns in drei Jahren an, ob sich das rechnet. Das ist betriebswirtschaftlich möglicherweise richtig, aber von der Strategie völlig falsch.

Wie schwer ist dieses Durchhalten gefallen?

LIST: Ich musste das natürlich auch verteidigen, weil manche gesagt haben: Warum geben wir dafür so viel Geld aus? Man muss wissen, was für die Zukunft essenziell ist. Ohne dies zu erkennen, kann man nicht sparen. Man könnte überall zehn Prozent streichen und erreicht damit, dass dann ein Bereich, der für die Zukunft wichtig ist, kaputt gemacht wird.

Sie haben den Ruf des messerscharfen Analytikers und Strategen. Wäre der Aufstieg zum Weltmarktführer je gelungen, wenn Sie nur Kommerzialist wären?

LIST: Nein, da muss man als Techniker mit Begeisterung dabei sein. Unsere Mission ist, CO2 zu reduzieren. Ich orientiere mich in der Forschung auch nie am Stand der Technologie, sondern was von den Naturgesetzen möglich ist, was uns die Physik sagt.

Und was sagt die Physik bei der CO2-Reduktion?

LIST: Dass es noch eine große Entfernung gibt zwischen der heutigen Technologie und dem, was von der Physik her möglich wäre. Das gibt mir Optimismus, dass da noch viel drinnen ist. Unser nächster Kongress wird sich über einen 50-Gramm-CO2-Ausstoß auf hundert Kilometern beschäftigen. Vor fünf Jahren waren es 160 Gramm, jetzt kommen wir auf 130 und die EU plant bis 2020 eine Reduktion auf 95 Gramm.

Sie sagen, in Ihrer Brust schlagen zwei Herzen, das Herz des Technikers und des Kommerzialisten. Wie oft tobt da ein Kampf?

LIST: Immer wieder, aber man muss dann irgendwie beide Sichten zusammenbringen in ein Bild.

In manchen Expansionsphasen sind die Mittel knapp geworden und Sie haben sich auch kurz geschreckt, wie Sie verraten haben. Wie ist es Ihnen da gegangen?

LIST: Schlaflose Nächte hatte ich nie. Man braucht einen gewissen Grundoptimismus. Als ich begonnen habe, hatten wir ja gleich zu Beginn schon eine Krise und mussten massiv abbauen. Soviel wie damals haben wir dann nie mehr abgebaut.

Sie sagen, der Jungmanager List sei furchtlos, aber ängstlich gewesen. Inwiefern ängstlich?

LIST: Man hat als Unternehmer immer eine gewisse Grundsorge und fragt sich: Wird man die Krise gut überstehen? Andererseits hat man die Chance, dabei auch vorwärts zu kommen. Die positive Sicht und die bremsende Sicht müssen sich da ausbalancieren.

Der Mut zum Risiko ändert sich mit der Zeit?

LIST: Ja, man wird routinierter, regt sich auch etwas weniger auf. Ich habe eine ganze Reihe von Krisen gesehen und wir haben uns angepasst. Wie im Jahr 2009, als es massivste Einbrüche gab und es zu einem freiwilligen Gehaltsverzicht von 95 Prozent der Mitarbeiter kam. Da haben wir alle gelernt, dass man in einer Krise zusammenstehen kann.

Zurzeit boomt die Autoindustrie wieder in den USA, weltweit wird für 2012 mit einem Plus von vier Prozent gerechnet, VW jubelt mit über acht Millionen verkaufter Pkw über einen neuen Rekord. Wie optimistisch gehen Sie ins Jahr 2012?

LIST: Ich bin optimistisch, aber mit Vorsicht. Unsere Leistungen, die wir anbieten, werden benötigt, weil CO2 reduziert werden muss. Für uns kann es deshalb sogar eine Sonderkonjunktur geben. Die Automobilindustrie wird auch weiter ein hohes Wachstum haben. In der Welt der alten Triade - Europa, Amerika, Japan - gab es eine Milliarde Menschen. Vier Milliarden kommen neu dazu, die talentiert sind und die nicht alle weiter Fahrrad fahren wollen.

VW exportiert bereits fast jedes dritte Auto nach China und hat soeben ein 14-Milliarden-Investitionsprogramm für China angekündigt. Wie sicher schätzen Sie den Markt in China ein?

LIST: In allen Headquartern der Welt sind heute die Investitionen für China höher als für das Mutterland. Nach diesen Investitionen kann man den Erfolg der Unternehmen bereits einteilen.

Sie haben keine Befürchtung, dass China das Ziel, eigene Automarken zu etablieren, erreichen wird oder überall im Land agiert wie in Peking, wo die Zahl der Neuzulassungen von 800.000 einfach auf 250.000 reduziert wurde?

LIST: Ich glaube nicht, dass das China so hart durchziehen wird. In China träumen alle auch vom Export in den Westen. Man darf auch die Macht der Marken nicht vergessen. Das kann man nicht nur über niedrigere Produktionskosten ausgleichen. Das wird dauern. Verhindern werden wir aber nichts können. Wir können uns auch nicht gegen Indien wehren, sondern wir müssen in Indien erfolgreich sein.

Ein Blick in die Zukunft: Wird das Kompaktauto mit Drei-Liter-Verbrauch Standard?

LIST: Vier Liter werden wir bald haben. Und ein Zwei-, Drei-Liter-Verbrauch ist auch machbar.

Verraten Sie uns, ob es Phasen gibt, wo Sie sich sagen: Es reicht.

LIST: Dass ich nicht mehr mag, kann ich mir nicht vorstellen. Die Zeit ist so spannend, es gibt so viele Visionen. Wenn ein Auto einmal aufgrund intelligenter Sicherheitsleitsysteme nicht auf Crash ausgelegt werden muss wie Flugzeuge, reduziert sich der Verbrauch um ein Drittel. Was vielleicht manchmal passiert, ist, dass Menschen glauben, an einer Grenze angelangt zu sein.

Sie hatten nie das Gefühl, an eine Grenze zu kommen?

LIST: Nein, dafür bin ich vielleicht zu bescheiden, weil ich Respekt vor der echten Grenze habe, vor der Grenze der Physik, der Chemie. Zum 60. Geburtstag meines Vaters erklärte ein Experte, dass beim Verbrennungsmotor eigentlich alles ausgereizt ist. Ich war Student und dachte: Oje, was werde ich mein Leben lang machen, wenn alles ausgereizt ist? Das hat mich damals irritiert.

Überflüssig, Sie zu fragen, ob Sie zum 70. etwas an Ihrer 60-Stunden-Woche ändern wollen?

LIST (lautes Lachen): Ja, ich werde das Unternehmen noch eine ganze Reihe von Jahren führen und darauf schauen, dass es auch in Zukunft ein eigenständiges Familienunternehmen bleibt.

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Zur Person

  • Helmut List, geboren 20. 12. 1941, studierte Maschinenbau und übernahm die AVL (Verbrennungskraftmaschinen List mit Hauptsitz Graz) 1980 von seinem Vater Hans List. Verheiratet, vier Kinder.

    Umsatz. Nach dem Krisenjahr 2009 erzielte die AVL 2011 mit 830 Millionen Euro wieder ein Umsatzplus von 28 Prozent.

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