27. Dezember 2014, 03:29 Uhr | Aktualisiert vor - min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 15.01.2012 um 21:29 UhrKommentare

Kampf dem versteckten Atomstrom

Österreich stellt sich offiziell gegen die Kernkraft, bezieht aber dennoch Atomstrom. Umweltorganisationen fordern ein Verbot. Ein Gipfel im Bundeskanzleramt soll am Montag eine Lösung bringen.

Foto © APA

Die Diskussion mutet im ersten Moment seltsam an. Da hat sich Österreich vor mehr als 30 Jahren per Volksabstimmung gegen die Atomkraft entschieden - und dennoch ist es heute auch Energie aus Kernkraftwerken, die unsere Lampen, Fernsehgeräte und Mixer betreibt. Während Politiker in Graz und Wien öffentlich gegen grenznahe Atommeiler wie Krsko oder Temelin vom Leder ziehen, ist es nicht auszuschließen, dass sie diese Anlagen im selben Moment über ihre privaten Stromrechnungen mitfinanzieren.

Greenpeace und Global 2000 wollen diesen Zustand beendet sehen und fordern, den Import von Atomstrom gesetzlich zu verbieten. Ein radikaler Schritt, der beim heute im Bundeskanzleramt stattfindenden Energiegipfel zwischen Politik, Energieversorgern und Umweltorganisationen kaum eine Mehrheit finden dürfte. Der staatliche Energieregulator E-Control stellt sich gegen einen Alleingang Österreichs, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) blieb zuletzt ebenso zurückhaltend.

Doch wie kommt es, dass der Strom aus Kernkraftwerken den Weg zu den österreichischen Verbrauchern findet? Grundsätzlich wäre Österreichs Kraftwerkspark ohne Probleme in der Lage, den inländischen Strombedarf zu jeder Zeit abzudecken. Dass von Jänner bis November 2011 dennoch Strom im Ausmaß von knapp 22.000 Gigawattstunden (das entspricht mehr als einem Drittel des heimischen Verbrauchs) über die Staatsgrenzen importiert wurde, hat weniger technische als wirtschaftliche Gründe. Nicht immer rechnet sich der Betrieb der eigenen thermischen Kraftwerke, Importstrom ist oft billiger. Dazu kommt, dass ein beträchtlicher Teil des hierzulande produzierten Wasserkraft-Stroms in andere Staaten verkauft wird. Anders als von den Energieversorgern gerne dargestellt, würde an diesen Mechanismen auch der Bau neuer heimischer Kraftwerke wenig ändern.

Der graue Strom

Zwar ist es selten reiner Atomstrom, den die österreichischen Energieversorger jenseits der Grenzen zukaufen. Oftmals handelt es sich aber um sogenannten "Graustrom", der an den Strombörsen gehandelt wird und dessen exakte Herkunft nicht mehr nachvollziehbar ist. Im Schnitt enthält dieser Strom einen Anteil von rund 27 Prozent Nuklearenergie. So kommt es, dass sich etwa im Strommix der Energie Graz laut Stromkennzeichnungsbericht der E-Control ein Kernenergie-Anteil von knapp sechs Prozent findet. Die österreichischen Umweltorganisationen wollen erreichen, dass die Energieversorger diesen "Graustrom" nicht mehr zukaufen dürfen, und stützen sich dabei auf zwei einschlägige Rechtsgutachten.

Beim Energieregulator E-Control hält man ein derartiges Gesetz für unnötig, da jeder Endkunde die Zusammensetzung des bezogenen Stroms ohnehin auf der Stromrechnung ablesen könne. Die Sache hat nur einen Haken: Viele große Energielieferanten haben eigene Tochterfirmen gegründet, die die weniger wählerischen Industriekunden bedienen - freilich meist mit einem weniger grünen Strommix. So wirbt etwa Österreichs größter Stromkonzern Verbund zwar mit "Strom aus 100 Prozent Wasserkraft". In Wahrheit hat der Konzern aber einen kräftigen Anteil von fossil und nuklear erzeugtem Strom im Portfolio - der für Privatkunden unsichtbar über die Tochtergesellschaft "Verbund Sales" an Industriekunden und Stromhändler vertrieben wird.

Nach einer Erhebung von Greenpeace sind die meisten Landesenergieversorger inzwischen dazu übergegangen, auf "Graustrom" zu verzichten. Insgesamt dürfte der Nuklear-Anteil in Österreichs Strommix noch bei fünf Prozent liegen. Ersetzt man ihn durch grünen Strom etwa aus Wasserkraft, würde das laut Studie weniger als zwei Euro pro Haushalt und Jahr kosten.

Der physikalische Stromfluss würde sich dadurch natürlich kaum ändern. Das liegt in der Natur des europäischen Stromsystems, das sich am besten mit einem See vergleichen lässt: Es ist egal, auf welcher Seite der Käufer Wasser (Energie) entnimmt, solange der Verkäufer irgendwo dieselbe Menge einspeist. Andersherum gesehen: Je mehr Atomstrom aus dem See abgezapft wird, desto mehr davon fließt andernorts wieder hinein.

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