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Zuletzt aktualisiert: 18.09.2012 um 20:20 UhrKommentare

Aussee: Gallien der Steiermark

Der aktuelle Streit um ein Bad ist jüngstes Kapitel eines beherzten Kampfes der Ausseer gegen die Marginalisierung des ländlichen Raums. Fast immer geht es um Geld, manchmal nur ums Prinzip.

Foto © Fuchs

Als "unabhängige Republik" bezeichnet VP-Vizelandeshauptmann Hermann Schützenhöfer gerne augenzwinkernd das Ausseerland. Heimatstolz gedeiht in der Postkartenlandschaft rund um den Loser tatsächlich wie die Narzissen auf den Frühlingswiesen. Das bisweilen eigensinnig-sture Selbstbewusstsein der Bevölkerung im äußersten Nordwesten der Steiermark sorgt so regelmäßig für leidenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Zentralstellen in Graz.

Streitpunkte mit Aussee

Wunschkennzeichen als Hit: Der Streit um das eigene Kürzel auf Autokennzeichen war der bislang letzte Streitpunkt der Ausseer gegen die Zentralstellen in Graz. Prominente und eine Facebook-Gruppe "BA muss bleiben" machten sich für den - juristisch möglichen - Erhalt stark. Geholfen hat es nichts. Seit 1. Juli werden nur noch Kennzeichen mit dem Kürzel "LI" (Liezen) ausgegeben. Davor gab es noch einen Ansturm auf "BA"-Wunschkennzeichen.

Ein LKH als ewiger Patient: Es ist ein Kleinkrieg um Fallzahlen und Behandlungsquoten, der die Politik seit Jahren in Atem hält. Sobald Regierungsmitglieder Schließungs- oder Umstrukturierungspläne für das Landeskrankenhaus in Bad Aussee äußern, wird von der Belegschaft wild dagegen protestiert. Status quo: Am Stadtrand wird ein in Kürze der Spitalsneubau eröffnet, über Schwerpunkte und Kooperationen mit privaten Betreibern wird weiter gestritten.

Heißes Pflaster für Investoren: Die Bilder wiederholen sich regelmäßig: Investoren treffen auf heftigen lokalen Widerstand. So gibt es Bürgerproteste gegen ein geplantes Einkaufszentrum im Stadtzentrum und gegen die Projekte (siehe oben) des Grazer Anwalts Reinhard Hohenberg. Über ein dichtes Geflecht aus Gesellschaften im Ort aktiv sind auch die Wirtschaftsexperten Romuald Bertl und Stefan Fattinger, die Projektentwickler Bertram Mayer und Werner Gröbl. Auch am Fußballplatz gab es Turbulenzen. Der Verein ging in Konkurs. Jetzt sitzt der Industrielle Johann Christof als Präsident am Ruder.

Ob der Kampf um einen eigenen Krankenhausstandort in Bad Aussee, um ein eigenes Kennzeichen-Kürzel für die Region, ein eigenes Bezirksgericht oder die Zweigstelle der Bezirkshauptmannschaft: Die Liste der Streitfälle ist lange und erinnert an den unterhaltsamen Widerstand des kleinen gallischen Dorfs gegen die römischen Okkupanten in den Abenteuern von Asterix und Obelix. "Geht es darum, auf erlittenes Ungemach zu reagieren, sind die Grenzen zwischen spielerisch ausgelebter Anarchie und sachlichem oder auch wütendem Protest nicht scharf gezogen", analysierte Schriftsteller Alfred Komarek in einem Interview mit dieser Zeitung den latenten Revoluzzergeist in seiner Heimat.

Der für Außenstehende hybris-ähnliche Lokalchauvinismus am geografischen Mittelpunkt Österreichs hat historische Wurzeln. Bis ins 15. Jahrhundert stand das Salzkammergut immerhin im direkten Eigentum des Kaisers. Durch einen Streit um den Salzabbau fiel das Ausseerland später an die Steiermark. Selbst aus einer dunklen Periode - zwischen 1938 und 1948 gehörte man zur Verwaltungshoheit Oberdonau (heutiges Oberösterreich) - leitet man listige Bedrohungskulissen ab. Immer wieder warnen die Ausseer nämlich, wieder die Bundeslandzugehörigkeit zu wechseln, sollten ihre Wünsche in Graz nicht erfüllt werden. Dabei geht es meist um relativ großzügige Mengen von Steuergeld, die im Kleid von Zuschüssen, Subventionen oder Haftungen Richtung Salzkammergut fließen. Die Fronten der Begeisterung oder des Ärgers darüber verlaufen je nach Anlassfall quer durch die Parteien.

Voves: Aus als Trommelweib

Da schimpft SPÖ-Bürgermeister Otto Marl dann über "ein Drüberfahren" seiner Genossen im Land, da demonstrieren auch schwarze Bürgermeister gegen Regierungsbeschlüsse vor der Grazer Burg. Kurioser Höhepunkt bisher: Landeshauptmann Franz Voves wurde drei Jahre nach seiner Aufnahme bei den "Arbeiter-Trommelweibern" - einer Art gesellschaftlichen Ritterschlag im Ausseerland - 2011 von der Faschingsgruppierung wieder ausgeschlossen. "Unsere Art des Protests gegen Schließungen von Infrastruktur im ländlichen Raum", ließ man dem prominenten Ex-Mitglied ausrichten.

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