Der Red-Bull-Ring ist harmlos, aber nur im Fernsehen
Bei der Ringattacke in Spielberg gaben sich mehr als 550 Radfahrer die Ehre. Was für Staatsmeister Marco Haller ein Training war, wurde für andere zum echten Martyrium. Ein Lokalaugenschein.

Aus sicherer Entfernung, etwa vom Fernseher aus, sieht der Red-Bull-Ring in Spielberg eigentlich recht flach aus, wenn die Formel-1-Boliden die ersten beiden Kurven anbremsen. So kann man sich täuschen. Die 550 Teilnehmer der Ringattacke durften sich (mehrfach) ein Bild davon machen. Und weil selbst trainierte Radlerhaxen wesentlich weniger PS als ein Formel-Bolide haben, werden die Tafeln der Bremspunkte (200, 150, 100 und 50 Meter) vor der Castrol-Edge- und der Remus-Kurve zum Countdown des Leidens. Speziell vor dem Auspuffrund, wo bei mehr als zwölf Prozent Steigung das Leiden in den Gesichtern immer deutlicher zu sehen ist. „Wer sein Rad liebt, der schiebt“ war da die Notlösung. „Es brennt richtig in den Oberschenkeln“, sagt Armin Assinger, „das kann man mit Kitzbühel nicht vergleichen, weil es viel länger dauert.“ Neben dem Bewerb über 25 Runden (à 4,3 km) gab es eine entschärfte Version (zehn Runden). Die Rennen wurden im Grand-Prix-Modus ausgetragen – wenn der Erste durchs Ziel ist, dürfen die Übrigen die angebrochene Runde noch fertig fahren.
Und weil er schon einmal da war, stellte sich der amtierende Staatsmeister – außer Konkurrenz – gleich bei beiden Bewerben an den Start. „So ein Rennen ist das perfekte Training“, sagt Marco Haller. Der Kärntner fliegt am Dienstag zur Kalifornien-Rundfahrt. „Hm, Kalifornien“, sagt Ex-Profi Rene Haselbacher, „da war ich, als Lance Armstrong am Start war. Unglaublich, was sich da abgespielt hat.“
Blassnig mit den meisten PS
Haller fuhr in den vorderen Gruppen mit, gentlemanlike ohne Geltungsdrang und mit wenig Risiko. Der Kärntner ist bei „Katusha“ in der engeren Wahl für die Tour de France. „Elf stehen noch auf der Liste, neun dürfen fahren.“ Von einer Nominierung für die große Schleife darf Thomas Blassnig zwar nur träumen, aber immerhin hat er sich in Spielberg in die Siegerliste eingetragen. 2:42:44,5 Stunden benötigte er für die 107,5 Kilometer mit rund 1800 Höhenmetern. Assinger fuhr übrigens 21 Runden, Afrika-Durchquerer und Extrem-Triathlet Michael Strasser 23 und Veranstalter Andreas Berger vermeldete: „Bis auf einen Sturz ist alles gut gegangen.“
„Bei 107 Kilometern merkt man den Unterschied zwischen einem sehr guten Amateur und einem Profi nicht so wirklich“, sagt Haselbacher und fügt mit einem Lachen hinzu: „Aber dann . . .“ Haller lächelt.
GEORG MICHL