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Zuletzt aktualisiert: 25.12.2012 um 13:31 UhrKommentare

Die Angst lässt sie nicht mehr schlafen

Schauspieler Tobias Moretti fährt mit seinem Bruder Gregor Bloeb das Africa Race von Paris nach Dakar. 6000 Kilometer in 13 Tagen. Gespräch über Beweggründe, Angst & Risiko.

Foto © APA

In einem Weihnachtsgeschenk verdichtet sich alles, was Tobias Moretti und Gregor Bloeb beim Africa Race von Paris nach Dakar erwartet: Cyril Despres schenkt den Brüdern eine Dose Babypuder. "Das werdet ihr für euren Hintern brauchen", sagt Despres. Und der 38-Jährige muss es wissen. Zwei Mal hat er die Dakar in Afrika gewonnen, zwei Mal seit dem Wechsel nach Südamerika. Bloeb lacht schallend über das Geschenk, Moretti schmunzelt. Noch trägt er keine Motorradkleidung, sondern Hemd und Sakko. Er wirkt konzentriert, spricht ruhig und leise. Nur zwischendurch, wenn er sich die Strapazen vorstellt, zupft er an seinem blau-grauen Kapperl.

Herr Moretti, wann haben Sie mehr Lampenfieber: vor einer Premiere oder vor dem Africa Race?

TOBIAS MORETTI: Das eine ist Spiel, das andere Ernst. Der Beruf, so großartig er ist, ist ein Spiel mit Netz. Bei der Dakar gibt es keinen doppelten Boden. Da wird scharf geschossen. Im Moment fühle ich eine Mischung aus Nervosität, Vorfreude und Angst.

Auf Sie warten ab 27. Dezember 13 Tage im Sattel, rund 600 Kilometer pro Tag über Stock und Stein, durch die Wüste und gefährliche Gebiete. Warum tun Sie sich das an?

MORETTI: Weil Gregor und ich die unglaubliche Chance haben, das zu machen. Natürlich ist es eine Herausforderung, die man mit Vermessenheit verwechseln könnte. Aber wir haben uns lange und gut vorbereitet.

Bei täglich rund 600 Kilometern am Motorrad, auf denen man auch noch durchgeschüttelt wird, muss doch aber mehr dahinterstecken.

MORETTI: Letztendlich ist es eine Grundsatzentscheidung. Eine Bewusstseinsform, was man für ein Mensch ist. Ob man jemand ist, der so ein Angebot gleich ausschlägt, oder ob man das Risiko abwägt. Ich hatte für mich zu entscheiden: Was bin ich denn für ein Typ Mensch? So eine Challenge macht man nicht, um sich selbst etwas zu beweisen, sondern weil man daran wächst und danach wahrscheinlich ein anderer Mensch ist. Und es ist bei aller Gefahr einfach der Mythos Dakar.

Aber doch eine Gefahr, der man sich unnötig aussetzt.

MORETTI: Es ist diese archaische Herausforderung. Natürlich könnte man sagen: Warum geht ein Mensch in die Kälte, wenn er im Warmen sitzt? Warum riskiert er sein Leben? Die Tiere kämpfen ja nur ums Überleben. Der Mensch aber nicht. Er kann aber auch singen und nicht nur einfach kommunizieren.

Stichwort Gefahr. Es gibt genügend professionelle Piloten, die von der Dakar nicht zurückgekommen sind. Fährt die Angst vor dem Tod mit?

MORETTI: Die Gedanken daran sind nicht lustig, je mehr man sich in die Sache hinein begibt. Wir haben zuletzt in Tunesien trainiert, überall hängen Bilder vom mehrfachen Sieger Fabrizio Meoni und vielen anderen tollen Fahrern, die gestorben sind wie die Fliegen. Aber wir fahren nicht auf Sieg. Und die Gefahr war nicht der Anreiz. Denn ich bin ein lebensbejahender Optimist.

Das Risiko ist trotzdem hoch.

MORETTI: Natürlich ist es ein enormer Grenzgang. Unser Risiko ist, dass wir die mentale Stärke bewahren. Wir haben unseren Beruf ein halbes Jahr vernachlässigt und dann wurde die Sache schon fast totgesagt, als ich mir die Achillessehne gerissen habe - und jetzt stehen wir da. Es gibt aber genug Momente, in denen sich der Alb auf meine Brust setzt und ich dann nicht mehr schlafen kann.

Ihr Trainer Heinz Kinigadner hat Ihnen sicher schonungslos geschildert, was sie dort erwartet.

MORETTI: Heinz ist eine Ausnahmeerscheinung. Den kennt dort jedes Kind. In Tunesien hängt sein Bild neben dem von Mohammed. Obwohl er uns darauf vorbereitet hat, weiß ich, dass da noch Dinge auf mich zukommen werden, die noch unvorstellbar für mich sind.

Was sagt ihre Familie dazu?

MORETTI: Für meine Frau war es nicht einfach. Sie hat es nicht verstanden. Aber sie kennt mich in meinem Wesen. Sie weiß, dass ich ein Mensch bin, der so denkt und so arbeitet und so liebt. Ich funktioniere auf jeder Ebene so. Als sie dann gemerkt hat, dass ein anderer Überbau über dem ganzen steht und es nicht nur um einen Fight geht, sondern dass man daran wächst, hat sie gesagt, es ist okay. Und jetzt ist sie mit mir. Die Kinder hatten von Anfang an eine Freude damit.

Und wie geht es Ihnen mit der Angst um Ihre Familie?

MORETTI: Das sind intimste Momente. Die spielen bei so einer Entscheidung eine abstrakte Rolle. Da hab ich auch einen anderen Zugang als einen realitätsabsichernden. Aber es wird der Moment ganz sicher kommen. Man muss eben abwägen, was ist stärker.

Welche Erfahrung wird am Ende stehen, welches Gefühl erwarten, erhoffen Sie?

MORETTI: Das sind alles Spekulationen. Jetzt springen wir hinein und schauen, wie wir schwimmen. Es wird Momente geben, wo das Schwimmen ein Gleiten ist, wo man getragen wird, von der Schönheit des Landes.

Was war schwieriger: die körperlich-technische oder die mentale Vorbereitung?

MORETTI: Zuerst die technische. Mit der mentalen Vorbereitung bin ich noch nicht fertig. Ich habe zum Beispiel während des Trainings nie ans Aufgeben gedacht. Ich bin mir aber ganz sicher, dass dieser Gedanke irgendwann kommen wird.

Sie messen sich mit Ihrem Bruder. Gibt es eine familieninterne Wette, wer besser abschneidet?

MORETTI: Nein. Aber im Internet kann man auf uns wetten. Da sind schon ziemlich viele gegen uns und glauben, dass wir es nicht schaffen.

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  • Kleine Zeitung-Redakteur Gerald Pototschnig berichtet aus der Welt der Formel 1.