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Zuletzt aktualisiert: 21.12.2012 um 21:44 UhrKommentare

"Wir reißen die falschen Tabus nieder"

Werder-Trainer Thomas Schaaf, Betreuer des ÖFB-Trios Arnautovic, Junuzovic und Prödl, spricht in seinem Steiermark-Urlaub über Werte, Wechselgerüchte, den Tod und seinen Anfang als Skifahrer.

Foto © GEPA

Herr Schaaf, wir sitzen hier am Fuße der Planneralm, die Ski-WM in Schladming steht vor der Tür. Kennen Sie den erfolgreichsten deutschen Skisportler?

THOMAS SCHAAF: Nein, aber wir haben hier auf der Planner vor dem Fernseher in der Liftkasse Rennen verfolgt. Ich bin nicht unbedingt ein Fan eines Läufers oder einer Läuferin. Der Skisport an sich ist interessant. Wer ist es denn nun?

Katja Seizinger.

SCHAAF: Ahja. Ja, die war auch schon sehr jung erfolgreich und war lange dabei. Ich hätte eher an Markus Wasmeier gedacht.

Was verschlägt einen Bremer eigentlich auf die Planneralm?

SCHAAF: Wir sind über Freunde aus Salzburg hierher gekommen. Vor 15 Jahren waren wir das erste Mal hier und haben uns sofort verliebt. Hier ist alles überschaubar, heimelig und gemütlich. Ich hab mich dann auch das erste Mal auf die Bretter gestellt. Wer mich damals gesehen hat, muss sich gedacht haben: Der hat in seinem ganzen Leben noch nie Sport gemacht. Mittlerweile haben wir ein Appartement und kommen auch im Sommer her.

Kontinuität spielt in Ihrem Leben überhaupt eine große Rolle. 40 Jahre Werder Bremen sind es heuer, 13 davon als Cheftrainer.

SCHAAF: Ja, ich komme nicht drumherum, ich bin ein Dino.

Man könnte auch sagen, Sie haben Angst vor Veränderungen.

SCHAAF: Nein, dafür bin ich zu weit gereist, habe zu viel gesehen. Aber warum soll ich ein Risiko eingehen, wo ich doch so etwas Gutes in Bremen habe? Wir waren in den vergangenen Jahren ja sehr erfolgreich.

Die Dinosaurier sind ausgestorben und auch von Ihrer Sorte Mensch gibt es nicht mehr viele.

SCHAAF: Stimmt. Wir sind so schnelllebig und hektisch, wissbegierig und mobil. Ich bin einer, der sagt: Moment, lass uns doch wieder auf ein paar Werte besinnen, auf ein paar Dinge zurückblicken. Wir reißen alle Tabus nieder. Nur die, die wir niederreißen müssten, nicht.

Welche Tabus sollte man niederreißen?

SCHAAF: Den Tod zum Beispiel. Ich bin Botschafter für das Zentrum für trauernde Kinder und Jugendliche. Die Kinder dort haben ein furchtbares Erlebnis gehabt, mit dem sie nicht klarkommen. Das ist immer noch ein Tabuthema, weil es negativ besetzt ist. Wir dürfen aus etwas Negativem aber nicht noch einmal etwas Negatives machen.

Sie sind auch ein Mensch, dem Werte noch viel wert sind.

SCHAAF: Respekt, Anstand, Toleranz, Akzeptanz - das sind Werte, die wir weitertragen müssen. Ich kann den Lauf der Zeit nicht aufhalten. So verrückt bin ich auch nicht. Aber zwischendurch ist es nicht schlecht zu sagen: Leute, beruhigt euch, besinnt euch, bremst mal, damit wir nicht alles im Highspeed erleben.

Im Highspeed könnten Sie Ihrem langjährigen Gefährten Klaus Allofs nach Wolfsburg folgen.

SCHAAF: Ich habe einen Vertrag bis 2014 und damit ist alles gesagt. Der Vorstand wollte den Vertrag schon jetzt verlängern. Aber das hat keinen Sinn. Mein neuer Zweijahresvertrag hat doch erst begonnen.

Bei Werder müssen Sie vier Österreicher trainieren . . .

SCHAAF: (lacht) Muss ich, darf ich oder soll ich? Ich soll und darf und mache es gerne. Fangen wir mit Richie Strebinger an. Der ist sehr lernfähig und zuletzt wegen der Verletzung von Raphael Wolf zweiter Tormann geworden. Zlatko Junuzovic haben wir lange beobachtet. Er spielt jetzt auf einer Position, von der er sicher nie gedacht hätte, dass er sie je spielen wird. Das Tolle an ihm ist, dass er nicht jammert, sondern versucht, daraus mit seinen Qualitäten das Beste zu machen.

Da wären dann noch Sebastian Prödl und Marko Arnautovic . . .

SCHAAF: Basti ist als ganz Junger gekommen und musste sich erst durchsetzen. Er hat hart an sich gearbeitet. Ich glaube, er ist bei Weitem noch nicht ausgereizt. Und Marko spielte die beste Saison in seinem Fußballerleben. Er hat sich sehr gut entwickelt. Daran haben auch seine Frau und sein Kind einen Anteil. Er hat es geschafft, sich mehr auf sich zu konzentrieren und bearbeitet weniger das Umfeld. Auch er ist sicher erst bei 75 Prozent seines Potenzials.

Gibt es eigentlich eine spezielle Verbindung zwischen Werder und Österreich?

SCHAAF (lacht): Die Planneralm ist die geheime Kommandozentrale. Nein, das hat eine Historie von Bruno Pezzey bis Andi Herzog. Die Leute fühlen sich hier wohl. Österreich ist nicht weit weg und wir haben natürlich Scouts und seit jeher gute Verbindungen, die wir pflegen.

Es gibt aber einen Verein in Österreich, den Sie gar nicht mögen.

SCHAAF: (lacht). Ja, richtig. Pasching, wo wir 2003 im UI-Cup-Halbfinale 0:4 verloren haben. Wir sind dort hingekommen und ich habe gedacht, am Mittelkreis wird gleich Kaffee und Kuchen serviert und alle nehmen sich in den Arm. Die Atmosphäre war zum Einschlafen und genau so haben wir gespielt. Im Rückspiel habe ich alles versucht und mit sechs Stürmern gespielt. Es hat nicht gereicht.

In Bremen haben die Toten Hosen ihre Karriere gestartet. Gilt deren Credo "Wir werden nie zum FC Bayern gehen" auch für Sie?

SCHAAF: Nee. Irgendjemanden zu verneinen oder abzulehnen - diese Gedanken gibt es bei mir nicht.

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Zur Person

  • Thomas Schaaf, geboren am 30. April 1961 in Mannheim.

    Familienstand: Verheiratet mit Astrid, eine Tochter (19).

    Karriere als Spieler: Seit 1. Juli 1972 Mitglied bei Werder Bremen, 262 Bundesliga-Spiele für Bremen, Deutscher Meister 1988 und 1993.

    Trainer-Laufbahn: Jugendtrainer ab 1988, Werder-Cheftrainer seit 1999.

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