19. Dezember 2014, 10:28 Uhr | Aktualisiert vor - min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 12.05.2012 um 05:22 UhrKommentare

Der Meister ist nur noch Mittelmaß

Nicht, dass man von Sturm unbedingt die Titelverteidigung gefordert hätte. Aber nun drohen die Grazer, die eigenen Ziele klar zu verpassen.

Foto © GEPA

Vielen sind die Bilder noch gut im Gedächtnis. Die Bilder vom Mai 2011, als Sturm den Meistertitel feierte. Überraschend, fast sensationell sogar. Ein Jahr später ist alles anders: Die gute Laune wurde vom Frust verdrängt. Und die eigenen Ziele, allen voran ein Platz in einem internationalen Bewerb, werden verpasst. Eine Spurensuche nach Gründen für den Abstieg des Meisters zum Mittelständler.

1. Zu- und Abgänge. Auch wenn man lange meinte, es ginge ohne: Die Abwehr war vor allem zu Saisonbeginn nicht mehr so sattelfest wie unter Gordon Schildenfeld. Weil die eine oder andere Verpflichtung (Dudic, Säumel) zu spät kam, wirkte die Mannschaft nie mehr so eingespielt wie im Meisterjahr. Und im Frühjahr zeigte sich mit dem Abgang von Roman Kienast, wie wertvoll der "Lange" in Graz schon war. Denn auf einmal schoss keiner mehr die wichtigen Tore - und die Zugänge im Frühjahr (Pavlov, Kröpfl, Okotie) waren kein gleichwertiger Ersatz.

2. Verletzungen. Die Mehrfachbelastung darf für einen Fußballer keine Ausrede sein. Und doch: Meisterschaft, Cup und internationale Auftritte dünnten den Kader - trotz einer Größe von bis zu 30 Mann - aus, im Herbst häuften sich Verletzungen. Jene, die sich trotz Verletzungen zum Titel gequält hatten, fielen nun aus. Höhepunkt: Bis zu elf Mann fehlten. Die Folge: noch mehr Umstellungen, noch weniger Harmonie. Als alle wieder fit waren, häufte sich die Zahl der Unzufriedenen (z. B. Muratovic), die nicht spielen durften.

3. Spielanlage & Auswärtsschwäche. Das Jahr eins nach einem Erfolg gilt oft als das schwierigste. War Sturm im Titeljahr Außenseiter, hatten sich alle im Jahr danach auf die Grazer und ihr relativ starres 4-4-2-System eingestellt. Sturm fehlten die Alternativen, um zu reagieren. Auswärts war die Saison überhaupt eine Katastrophe: Nur zwei Siege. Und das lag nicht nur an fehlendem Glück oder Fehlpfiffen.

4. Neue Struktur. Es war für viele überraschend - und welche Konsequenzen der Wechsel an der Vereinsspitze (17. Jänner 2012) wirklich hat, ist noch gar nicht abzusehen. Auch wenn der neue Präsident Christian Jauk mutige Weichenstellungen vorgenommen hat: Sturm hat den Schritt zur Kapitalgesellschaft eiligst vollzogen, zwei Geschäftsführer (Houben, Gludovatz) installiert. Jauk hat es immerhin geschafft, den Aufsichtsrat mit Kalibern aus der steirischen Wirtschaft zu besetzen. Im Moment steht er aber vor dem Problem, "noch tausend Baustellen" der Vorgänger abarbeiten zu müssen.

5. Trainer. Franco Foda hat sich in Graz Kultstatus erarbeitet und verdient ihn auch. Im Herbst kam es aber zum Bruch mit dem alten Vorstand; ein Bruch, der auch mit dem Wechsel an der Spitze nur kurzfristig gekittet schien. Es folgte ein Abschied, der sich über Monate ankündigte und dann doch überraschend kam. Fodas Abgang - vor allem die Art und Weise - stürzte den Verein tatsächlich in die Krise. Ob man sich zu spät oder zu früh von Foda getrennt hat? Eine Frage, auf die es keine befriedigende Antwort gibt. Bemerkenswert: Während Foda u. a. wegen seines Ablaufdatums verabschiedet wurde, übernahm dessen Co- und Vertrauter Thomas Kristl - trotz desselben Ablaufdatums.

6. (Un-) Ruhe. So lange Franco Foda im Amt war, herrschte Ruhe. Es war klar, wer das Sagen hat. Ohne Wenn und Aber. Mit seinem Abgang mehrte sich die Zahl jener, die mitredeten. Außerhalb der Mannschaft, aber auch innerhalb. Die Appelle von Tormann Christian Gratzei ("Das Miteinander fehlt") und Kapitän Manuel Weber ("Die Unruhe nervt") sind Alarmzeichen. Eine Hierarchie muss her - auf allen Ebenen. Und das schnell.

7. Trainersuche. Mit dem Abgang von Foda wurde eine neue Baustelle aufgemacht: die Suche nach einem Nachfolger. So gut ein Anforderungsprofil auch sein mag, eines ist interessant: Alle sagen, dass Sturm eine Top-Adresse im österreichischen Fußball ist. Aber gestandene Trainer-Größen waren wohl nie ernsthaft im Rennen - wenn es stimmt, dass die letzte Wahl zwischen Markus Schopp und Peter Hyballa fällt. Mögliche Ursachen: zu wenig Geld. Oder die Job-Beschreibung, die anders interpretiert auch den Begriff "Übungsleiter unter Aufsicht des sportlichen Geschäftsführers" statt "Cheftrainer" zulässt. Oder man sieht es positiv: Sturm will jungen Talenten nicht nur auf, sondern auch neben dem Feld eine Chance geben. Ein Weg mit Risiko. Faktum ist: Ruhe hat das (zu?) lange Warten mit der Entscheidung nicht gebracht.

8. Kader. Verbunden mit der andauernden Suche nach dem Trainer verzögert sich auch die Kaderzusammenstellung. Was aus zwei Gründen schlecht ist: Ein neuer Trainer sollte durchaus Einfluss auf Neuverpflichtungen und Vertragsverlängerungen haben, damit er mit seinem - machbaren - Wunschkader am 6. Juni das Training aufnehmen kann. Viele aktuelle Spieler wissen nicht, ob sie bleiben, zu welchen Konditionen - und oft nicht einmal, mit wem sie verhandeln sollen. Das Budget für die Kampfmannschaft wurde gehalten, liegt aber ohne internationalen Bewerb trotzdem weit unter jenem für diese Saison, das nachträglich aufgestockt worden war. Klar ist: Es wird und muss Abschiede gehen.

9 Fazit. Es passierten Fehler. Es gab und gibt Querelen. Es gibt Probleme, viele Baustellen. Es braucht Lösungen. Dringend. Sonst bleibt sogar das Mittelmaß unerreichbar.

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