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Zuletzt aktualisiert: 17.11.2012 um 07:16 UhrKommentare

Leiden und Sterben in Gaza

Israel setzt seine Angriffe gegen Gaza fort. In der Nacht auf Samstag wurde die Zentrale der Hamas getroffen. Das Elend der palästinensischen Zivilbevölkerung wird immer größer. Von Michele Giorgio, Gaza-Stadt.

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Gaza ist eine Geisterstadt. Es fahren keine Autos, und die wenigen Personen, die auf den Straßen anzutreffen sind, drücken sich an den Hausmauern entlang. Sie fürchten, ins Visier der israelischen Jagdbomber zu geraten, die jäh aus den Wolken herabstoßen.

Doch die Angst ist unbegründet. Die Piloten der F16-Kampfjets fliegen so hoch, dass sie die Menschen unten gar nicht sehen. Und sie steuern nur große Ziele an: Gebäude und militärische Einrichtungen der islamistischen Hamas-Regierung.

Hamas-Zentrale bombardiert

Die Regierungszentrale in Gaza-Stadt sei in der Nacht auf Samstag insgesamt vier Mal angegriffen worden, teilte die Hamas mit, die seit 2007 die Kontrolle über das Gebiet hat. Dies ändere jedoch nichts an ihrer Haltung: "Die Regierung steht weiter an der Seite der Bevölkerung." Augenzeugen berichteten von schweren Schäden an dem Gebäude.

Die palästinensische Zivilbevölkerung versetzen diese Angriffe in Angst und Schrecken. Die Leute hier in Gaza haben eine schlimme Nacht hinter sich, niemand hat ein Auge zugedrückt. Von Donnerstag abends bis gestern früh hat die israelische Luftwaffe 99 Angriffe gegen Ziele im Gazastreifen geflogen, die schweren Explosionen haben alle wach gehalten. "Heute Morgen um sechs war es am ärgsten. Innerhalb weniger Minuten gab ein Dutzend Angriffe", erzählt Hussein Yajzi, ein Lehrer. "Meine Kinder haben nach den ersten Einschlägen zu weinen begonnen, meine Frau wurde kreidebleich, und auch ich hatte Mühe, Fassung zu bewahren."

Die Erzählungen der Leute ähneln sich alle. Am ärgsten hat es die Familien erwischt, die im Norden und im Osten des Gazastreifens leben. Aber auch die Bewohner im Süden von Gaza sind arm dran. Israel beschießt und bombardiert diese diese Gebiete, weil von hier aus die Kämpfer der Hamas und andere bewaffnete Gruppen ihre selbst gebastelten Kassam-Geschosse abschießen. Auch die größeren und gefährlicheren Grad-Raketen, die durch Tunnels von Ägypten nach Gaza geschmuggelt werden, wurden bereits abgefeuert. Beim ersten Raketenangriff auf Tel Aviv vor zwei Tagen stellte sich heraus, dass die militanten Palästinenser-Organisationen zudem im Besitz von iranischen Fajr-5-Raketen mit einer Reichweite von 75 Kilometer sind. Gestern schlugen erstmals Raketen im Raum Jerusalem ein.

"Wir Zivilisten sind für all das nicht verantwortlich", sagt Samer, ein Maurer und Vater von sechs Kindern. "Ich kämpfe nicht, ich bin Arbeiter. Israel hat kein Recht, unschuldige Menschen anzugreifen. Meine Familie hat niemandem etwas getan."

Einende Wut

Samer stammt aus Jabaliya, aber lebt seit einigen Jahren in Sheik Radwan, einem Viertel von Gaza-Stadt, das eine historische Hochburg der islamistischen Hamas-Bewegung ist. Er weigert sich, sein eigenes Leid auf eine Stufe mit jenem der Zivilbevölkerung in Südisrael zu stellen, die seit Monaten von Gaza aus mit Raketen beschossen wird. "Ich habe kein Mitleid ", sagt der Maurer. "Sie haben uns unser Land genommen und halten uns wie Gefangene. Ihr Premier Benjamin Netanjahu greift ein anderes Volk an. Eigentlich müssten die Israelis ihn verdammen, nicht unterstützen." Wie Samer verurteilen viele seiner Landsleute nicht den bewaffneten Widerstand. Sie halten ihn für ein legitimes Mittel ihres Kampfes, zumindest solange Israel seine Politik nicht ändert.

Dabei haben viele Palästinenser zuletzt nicht mit Kritik an der Hamas gespart. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Die Parole lautet: überleben, Widerstand leisten. Und hoffen, dass die Israelis diesmal keine Bodenoffensive starten wie 2009 während der Operation "Gegossenes Blei". Damals starben 1300 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten.

"Wir wollen, dass die internationale Staatengemeinschaft eingreift, Israel stoppt und beide Seiten zu einer Feuerpause zwingt. Die Zivilbevölkerung ist das Hauptopfer dieser neuen Eskalation", sagt Khalil Shahin vom "Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte" in Gaza.

Doch noch schließen sowohl Israel als auch die Hamas-Regierung einen Waffenstillstand aus. Viele hier hoffen auf Ägypten, wo die Muslimbrüder dominierende Kraft sind. Seinen Besuch in Gaza musste der ägyptische Premier Hisham Quandil gestern wegen der unverminderten Angriffe aber abbrechen. Noch sprechen die Waffen. Und wie bereits während der Operation "Gegossenes Blei" ist das Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt Anlaufstation für die zahlreichen Verletzten der Bombardements.

Seit drei Tagen und Nächten sind Ärzte und Sanitäter des größten Spitals von Gaza im Noteinsatz. "Rasch, zur Seite!" ruft ein Arzt und treibt die Verwandten, Neugierigen und Journalisten auseinander, um Platz zu schaffen für zwei Sanitäter mit einer Trage, auf der ein Verwundeter liegt. Der Mann hat einen Arm über das Gesicht gelegt. "Er kommt aus Sudaniyeh und ist 52 Jahre alt", sagt Maher, ein junger Fischer. Seitdem die Hamas an der Macht ist, verbietet Israel den palästinensischen Fischern weiter als drei Meilen auf das offene Meer hinaus zu fahren. Die Fischgründe nahe der Küste sind wenig ergiebig. "Wir können vom Fischfang nicht länger leben", sagt Samer. Kurz darauf rast eine Ambulanz in den Hof des Spitals. Es ist ein Verletzter aus Beit Lahiya, wo bei einem Angriff zwei Menschen getötet wurden.

Menschliche Tragödien

Vor zwei Tagen haben sie auch die Tochter von Sami Ajrami in das Schifa-Krankenhaus gebracht. Der Vater saß im spartanischen Wartesaal und weinte. Ein Granatsplitter hatte der Kleinen zwei Finger weggefetzt. Der Vater mochte und mochte sich nicht beruhigen. Zorn und Verzweiflung quälen ihn ohne Unterlass. Menschliche und berufliche Tragödie vermischen sich in seiner Person. Sami arbeitet für die Israelis. Dank seinem perfekten Hebräisch fand er vor einiger Zeit eine feste Anstellung als Journalist bei einem Fernsehsender. Trotzdem fallen die Bomben auch auf ihn - so wie auf alle Palästinenser von Gaza.

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