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Zuletzt aktualisiert: 31.12.2012 um 18:45 UhrKommentare

Die Krise, der Eisberg und wir

Die Weltwirtschaft geht ins fünfte Krisenjahr. Was bedeutet das für unser Leben? Wollen wir die alte Normalität überhaupt wiederhaben? Eine Vorschau auf 2013, von Ernst Sittinger.

Foto © Reuters

Wenn jede Krise eine Chance ist, dann blicken wir fraglos zurück auf die chancenreichsten Jahre der jüngeren Geschichte. Und doch sind wir Zeitzeugen einer sonderbaren Dauerkrise, die man auf den ersten Blick gar nicht bemerkt. In den Warenhäusern drängen sich die Kunden, die Restaurants sind gut gefüllt, auf den Straßen herrscht dichter Verkehr und die Flüge in den Süden sind ausgebucht.

Ist also in Wirklichkeit gar nichts passiert? Manch situierter Bürger könnte - über die Jahre abgestumpft von den vielen Krisenbotschaften - versucht sein, sich dieser süßen Illusion hinzugeben. Denn anders als nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 ist der verheerende Systemzusammenbruch diesmal ausgeblieben. Wer seinen Job nicht verloren hat oder an der Armutsgrenze um den Erhalt seiner Würde kämpfen muss, der spürt vielleicht den etwas schärferen Wind in den Betrieben, wo der Sparstift noch eiserner regiert als früher. Aber sonst? Die Zivilisation und ihre Annehmlichkeiten, die uns so selbstverständlich vorkommen, gibt es noch. Die Benutzeroberfläche der Gesellschaft hat kaum mehr als ein paar Kratzer abbekommen vom großen wirtschaftlichen Knall. Nicht einmal der Mayakalender konnte daran etwas ändern.

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Der Befund, dass Ruhe herrscht, sagt mehr über die politische und soziale Lage als über die wirtschaftliche. Denn die westliche Staatengemeinschaft mit ihrer hohen politisch-administrativen Schlagkraft und dem noch immer verbreiteten Wohlstand ist eine ziemlich sturmfeste Wagenburg. Sie hat ausgefeilte Ruhigstellungs- und Ablenkungsmechanismen entwickelt, um ihre Bürger auch im Krisenfall bei Konsumlaune zu halten. Die Staatskarosse ist inzwischen so gut gefedert, dass man als Passagier nichts Genaues über den Straßenzustand sagen kann.

Freilich tun sich die Staatenlenker mit der Routenplanung zusehends schwer. Mit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers trat die Weltwirtschaft im Oktober 2008 in eine experimentelle Phase ein. Der Absturz einer so großen Bank war völliges Neuland. Kein Ökonom konnte damals vorhersagen, welche Kettenreaktionen sich ergeben würden. Sicher war nur, dass der vernetzten Welt, in der alles mit jedem zusammenhängt, eine unangenehme Zeit bevorstand.

Asien als Hoffnungszone

Heute wissen wir, dass wir uns auf einer Hochschaubahn befinden. Im ersten vollen Krisenjahr 2009 brach die westliche Wirtschaft um fünf Prozent ein, im Gegenzug erholte sich sogar das Weltklima. Doch bereits ab 2010 ging es ökonomisch wieder aufwärts, wenngleich langsamer und an anderen Orten als zuvor. Die "Emerging Markets" in Asien wurden zur Hoffnungszone.

In Europa aber wurde die Stabilität mit Geld erkauft, das wir nicht haben. Die Staatsverschuldung stieg in Deutschland von 65 auf 82 Prozent, in Frankreich von 64 auf 86 Prozent, in Österreich immerhin von 60,2 Prozent (2007) auf 72,4 Prozent (2011). Nicht eingerechnet sind die nach oben offenen Haftungen für den permanenten Euro-Rettungsschirm, zu dem es nach herrschender Lesart keine Alternative gibt. Mit anderen Worten: Wir sitzen in einer Falle, aus der wir uns nur mit dem Schweiß kommender Steuerzahler-Generationen befreien werden können.

Weitgehend ungelöst ist die Frage, wann die Normalisierung kommt und ob wir sie überhaupt wollen sollen. Denn die Wachstumslogik unseres Wirtschaftssystems schaut angesichts begrenzter Rohstoffe und der explodierenden Wohlstandsansprüche in Fernost ziemlich alt aus.

Fänden wir einen Ausweg aus der Wachstumsspirale, dann wäre die Krise am Ende tatsächlich eine Chance. Noch aber haben zu viele zu viel zu verlieren. Mit der Verwaltung von Knappheit hat die heute tonangebende Generation keine Erfahrung. Zudem war der Beginn der Krise auch das Ende der gesicherten Vorhersagen. Begriffe wie "volatil" und "Seitwärtsbewegung" zogen in die Prognostik ein, und eine Kernerfahrung der Krise lautet, dass auch Fachleute zu wenig von Wirtschaft verstehen.

Momentan spielt die Musik wieder ziemlich laut. Die Wiener Börse legte 2012 um 27 Prozent zu, am meisten Gewinn gab es mit Bankaktien. Vielleicht sind ja infolge des Klimawandels die Eisberge geschmolzen. Es könnte aber auch sein, dass wir nur das Knirschen nicht hören.

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