26. November 2014, 07:19 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 20.08.2012 um 10:18 UhrKommentare

Graz im öffentlichen Grasgeflüster

Kiffen hat Konjunktur: Weg war Cannabis nie, aber neuerdings wird es immer öfter ungeniert in der Öffentlichkeit geraucht. Experten warnen vor neuen, synthetischen Substanzen und die Polizei beklagt die Zunahme von Produkten. Eine Bestandsaufnahme.

Foto © APA

Tagsüber im Park, abends im Gastgarten eines Cafés, nachts an der Murpromenade: Der intensiv süß-würzige Duft bleibt. Marihuana liegt in der Luft - und nicht mehr nur versteckt im Keller oder auf Partys. Sondern immer öfter, immer ungenierter, immer öffentlicher.

"Die Hemmschwelle, den Konsum betreffend, ist gesunken. Es wird mit weit weniger Angst konsumiert als noch vor zehn, 15 Jahren", sagt Klaus Ederer, Suchtkoordinator des Landes Steiermark. Auch Werner Friedl, ärztlicher Leiter der Drogenambulanz "Walkabout" der Barmherzigen Brüder, beobachtet eine Zunahme des Cannabis-Konsums.

Weicher Stoff, harter Stoff

Bestätigen lässt sich das nur schwer. Erstens gebe es "keine tatsächlichen Zahlen". Zweitens haben es Menschen in der Drogenberatung oder Therapie in der Regel mit härterem Stoff zu tun: mit Mephedron, Methadon, Crystal Meth, Amphetaminen, Opiaten etc. Der EU-weite Markt wurde 2011 von 50 völlig neuen Drogen überrollt, mehr als 700 Substanzen seien im Umlauf. Teils unberechenbarer Stoff mit "extrem hoher Abhängigkeit und schnellem, körperlichem Verfall", wie alle betonen. Nichtsdestotrotz: Cannabis ist das am häufigsten konsumierte illegale Rauschmittel. Das ist heute nicht anders als bei unserer Elterngeneration. Die Droge selbst schon. "Cannabis ist heute oft viel höher potenziert", sagt Ederer. Es werde auch anders konsumiert: häufiger pur geraucht.

Neue Verbindungen

Was Friedl besorgt: "Es gibt Warnungen vor synthetisch hergestellten Cannabinoiden." Zuletzt warnte die EU-Beobachtungsstelle EWS (Early Warning System) im Februar vor mehreren unbekannten, synthetischen cannabinoiden Verbindungen.

Das macht den Konsum unberechenbarer. Andere Darreichungsformen (Gewürzmischungen, Liquide, etc.) könnten Wirkstoffe schneller als beim Rauchen in die Blutbahn befördern. Friedl: "Dann hätten wir eine Sofortwirkung - das erhöht die Suchtgefährdung." Und: "Eine Studie hat erstmals belegt, dass fünf Prozent aller Cannabis-Konsumenten auch körperlich abhängig werden können." Bisher galt Cannabis als (mögliche) Auslöser für psychische Abhängigkeiten.

Ob mehr Menschen kiffen oder nicht, lässt sich schwer beantworten. Aber: "Es gibt eine kontinuierliche Zunahme bei Cannabis-Produkten", sagt Polizeisprecher Maximilian Ulrich und führt das auf mehr Hanfshops zurück. "Dort werden Samen und Pflanzen verkauft." Daheim großgezogen, geerntet und konsumiert. 40 Kilogramm Marihuana haben die Ermittler alleine 2011 im Stadtgebiet sichergestellt.

Stationärer Entzug

Kiffen polarisiert - gerade vor dem Hintergrund, dass Alkohol schneller abhängig mache. "Es ist per se zwar verboten, aber eingebettet in eine gute Soziologie kann es auch ungefährlich sein", sagt Friedl. Man müsse zwischen Sucht und Konsum unterscheiden. Aber: "Kiffen kann eine Achillesferse haben. Menschen können hängen bleiben." Die größte Gefahr sehe Friedl am "tiefen Zugreifen zur Seele".

Kifferkarrieren können lebenslang andauern. "Wir hatten heuer zwei Patienten, die sich unabhängig voneinander freiwillig zu einem stationären Entzug entschlossen haben", erzählt Friedl. Das ist auch neu. In der Therapie und für die Krankenkasse.

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Zahlen

  • 20 Kilogramm Marihuana konnte man im laufenden Jahr im Grazer Stadtgebiet sicherstellen.

    24 Kilogramm Marihuana im Wert von 240.000 Euro konfiszierte die Polizei im März in Graz & Bezirken.

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