Zuletzt aktualisiert: 16.07.2015 um 14:16 UhrKommentare

US-Fotograf Joel Meyerowitz im Kunst Haus Wien

Joel Meyerowitz hat ein Gespür für den richtigen Moment. Der US-amerikanische Künstler, der als einer der wesentlichsten Vertreter der Farbfotografie gilt, hat in seiner mehr als 50-jährigen Karriere unterschiedlichste Sujets und Techniken bedient - und dabei stets Außergewöhnliches zutage gefördert. Das Kunst Haus Wien widmet dem 77-Jährigen eine Retrospektive, die alle Schaffensphasen abdeckt.

Foto © APA (KUNST HAUS WIEN)

Wobei es Meyerowitz eher zufällig zur Fotografie verschlug: Als Artdirector in der Werbebranche begegnete er Anfang der 1960er-Jahre Robert Frank. "Das war meine erste Einführung in diese Idee", erklärte er am Donnerstag im Rahmen einer Presseführung. "Mir wurde klar: Man kann sich bewegen und dabei fotografieren!" Folglich kündigte er seinen Job und widmete sich ganz seiner neuen Leidenschaft. Allerdings ist er sich durchaus bewusst, dass es zu einer anderen Zeit möglicherweise eine andere Kunstform gewesen wäre, zu der es ihn verschlagen hätte können. "Es ist eigentlich, als ob man würfelt: Du weißt nie, welche Zahl kommt."

Aus heutiger Sicht muss man sagen: Glücklicherweise gab es diese Begegnung mit Frank, und glücklicherweise begab sich Meyerowitz auf ausgiebige Wanderschaft. Für Fotografen seiner Generation sei es wesentlich gewesen, "auf eine große Tour durch die USA aufzubrechen. Wir mussten herausfinden, welche Botschaft dieses Land für uns hat. All diese jungen, aber gleichzeitig historischen Örtlichkeiten." Schon zuvor, in den Jahren 1966 und 1967, bereiste er Europa. "Dadurch erhielt ich auch einen frischen Blick auf meine Heimat. In Europa hatten die Leute dieses Gespür für die Vergangenheit - etwas, das in den USA nicht existierte."

Seine Europareise sollte der erste große Höhepunkt seiner Karriere werden, entstand dabei doch die berühmte Serie "From A Moving Car": Während Meyerowitz durch England, Spanien oder Frankreich fuhr, fotografierte er aus seinem Volvo heraus. "Das Auto wurde zu meiner Kamera und das Fenster zur Linse. Es ging mir um diese tausendstel Sekunde, in der ich etwas entdeckte. Wäre ich stehen geblieben und zurückgefahren, dann wäre dieser Moment schon wieder vorbeigewesen. Ich wollte die pure Reaktion der Fotografie nutzen."

Daraus entstand später seine erste Ausstellung, die 1968 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde. Jene 40 Bilder sowie die Hängung hat Kuratorin Verena Kaspar-Eisert nun für das Kunst Haus Wien reproduziert. "Das war für ihn als damals 28-Jährigen eine unglaubliche Auszeichnung", betonte sie. Gezeigt werden nun originale Prints, die Meyerowitz selbst angefertigt hat. "Und ich kann mich noch an jeden einzelnen Moment erinnern", schmunzelt er, während er vor den dicht gehängten Schwarz-Weiß-Fotografien entlang schreitet.

Ein wesentlicher Wendepunkt in seiner Karriere war schließlich die endgültige Entscheidung für die Farbfotografie. Zwar waren schon seine ersten Arbeiten so entstanden, aber es gab zu jener Zeit noch etliche Vorbehalte. "Jeder sagte mir: Farbe ist nicht ernst. Also habe ich immer zwei Kameras mitgenommen und so oft es ging das gleiche Sujet fotografiert. Ich musste verstehen: Warum Farbe?" Die Antwort sei für ihn recht einfach gewesen: "Wenn es bei Fotografie um Beschreibung geht, will ich so viel Information wie möglich. Also war Farbe für mich die Lösung." Einige dieser gegenübergestellten Paare geben in der Ausstellung eine Idee davon, was Meyerowitz damit meint.

Dass Stillstand keine Option für den Künstler ist, unterstreichen auch die Arbeiten im oberen Stock der Schau: Hier offenbart sich der Wechsel von der kleinformatigen zur großen Plattenkamera. "Man muss das, was man gut kann, hinter sich lassen, um weiter zuwachsen", formulierte es Meyerowitz. "War ich früher zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort, änderte sich jetzt die Arbeitsweise. Ich wollte das Bild über den gesamten Ausschnitt dehnen. Es war das genaue Gegenteil meiner bisherigen Philosophie: Ich gab den eigentlichen Anlass auf. Dadurch erhielt ich die Möglichkeit einer unglaublichen Beschreibung des ganzen Raumes und dieser Größe."

Was Meyerowitz jetzt als "Fenster in die Realität der Welt" beschreibt, sei Ende der 1970er aber zunächst auf wenig Gegenliebe gestoßen. "Immer wieder wurde ich gefragt: Warum so groß?", lachte der Fotograf, der sich von all dem aber keine Sekunde habe abschrecken lassen. In weiterer Folge wurden die Bilder immer abstrakter, fokussierte er, der auch Kunstgeschichte und Malerei studierte hatte, sich stärker auf die Farben als Gegenstand der Komposition. So wirken etwa seine "Bay/Sky" betitelten Aufnahmen aus Provincetown, auf denen Ozean und Himmel eine lyrische Verbindung eingehen, wie Mediationsanleitungen.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Meyerowitz durchaus etwas mit der Idee des Unsichtbaren, bisweilen Spirituellen in der Fotografie anfangen kann. "Ich erkenne es, wenn es kommt", sagte er darauf angesprochen. "Aber man sich nicht selbst zur Erleuchtung zwingen", legte er nach. "Alles, was es braucht, ist ein bisschen davon." In einer seiner jüngsten Serien hat er beispielsweise die Parks von New York fotografiert - und sich dabei ganz auf die teils vorhandene, ungezähmte Natur, "diese Wildnis", fokussiert. Eine Arbeit, die nach seiner Dokumentation der Aufräumarbeiten nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 auch sehr befreiend war, wie er betonte.

"Ich habe immer darauf vertraut, dass mein Medium mich leitet. Das war und ist ein Geschenk für mich", fasste Meyerowitz abschließend zusammen. "Als Street Photographer musste ich unsichtbar werden, um diese Szenen einzufangen." Mit den größeren Kameras benötigte er wiederum mehr Zeit, wobei die Ergebnisse dennoch nichts an Dringlichkeit oder Dynamik eingebüßt haben. Aktuell widmet er sich Stillleben. "Was ich noch nie zuvor getan habe. Ich bin noch auf der Suche nach der Antwort, warum ich das jetzt tue." Im Kunst Haus Wien kann man sich bis 1. November an dieser Suche beteiligen.

(S E R V I C E - "Joel Meyerowitz. Retrospektive" von 17. Juli bis 1. November im Kunst Haus Wien, Untere Weißgerberstraße 13, 1030 Wien, tägl. von 10 bis 19 Uhr; Katalog zur Ausstellung, hrsg. von Ralph Goertz, 204 S., 29,80 Euro, ; )

  • Druckbare Version anzeigen
  • E-Mail

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

» Kommentar erstellen

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.

Literatur-Frühling

  • Auszüge aus Peter Handkes neuem Tagebuch und alle weiteren Höhepunkte des literarischen Frühlings: Von Karahasan über Glavinic und von Timmerberg bis Boyd, Jong, Zeh und viele mehr.

Kino & Filme

  • Aktuelle Kinotrailer, Geschichten hinter der Kamera, Kinokritiken sowie Kinos und Beginnzeiten auf einem Blick!


Events & Tickets