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Zuletzt aktualisiert: 11.05.2012 um 19:57 UhrKommentare

Seelenschau auf der Bühnencouch

Geistesriese, Melancholiker und Schwerenöter: Arthur Schnitzler, vor 150 Jahren geboren, führt noch immer in ein weites, unerforschtes Land.

Foto © APA

Ohne ein paar Tropfen Verwesungsparfüm im Taschentuch geht die Schnitzlerische Muse niemals in Gesellschaft". Dies schrieb Alfred Polgar anlässlich der Premiere von "Das weite Land". Mag sein, dass er mit diesem Befund einigen Gram bei Arthur Schnitzler auslöste. Aber als diese bis zum heutigen Tag auf zahllosen Spielplänen deutschsprachiger Bühne präsente Tragikomödie im Jahr 1910 erstmals aufgeführt wurde, hatte sich der erste große Traumchronist zumindest nach außen hin gegen ganz andere Anfeindungen halbwegs gewappnet.

Karl Kraus verzichtete sogar auf seine sonst gewohnte spitze Feder, um den "dichtenden Arzt" in Grund und Boden zu schreiben. Bis zu seinem Tod im Jahr 1931 litt Schnitzler darunter, dass er oft und gerne als "Boulevard-Autor" abgestempelt wurde. Kein Einzelschicksal. Es trifft all jene, die ihrer Zeit durch ihren Scharfblick, durch ihre präzisen analytischen Fähigkeiten so weit voraus sind, dass sie in höchst unbequemen Unterkünften auch die Nachhut warten müssen.

Heute sind natürlich alle viel, viel klüger. Dass Arthur Schnitzler mit seinem "Leutnant Gustl" den inneren Monolog vorwegnahm, gehört ebenso zum Pflichtthema im Deutsch-Unterricht wie die Tatsache, dass er mit dem freizügigen und liebestollen "Reigen" eines der größten Skandalstücke des frühen 20. Jahrhunderts schuf.

Dass aber all sein visionäres Denken, seine Nähe zu Sigmund Freuds Traumforschung in ein nach wie vor keineswegs gänzlich erforschtes Künstler-Land führen, belegen die seit geraumer Zeit aufgearbeiteten mehr als 19.000 Seiten, die seine akribisch geführten Tagebücher umfassen.

Denn Arthur Schnitzler bat nicht nur seine sorgfältigst ausgewählten Figuren - Prototypen der kakanischen Hoch- und Niedertracht und alles andere als Demonstrationsmarionetten - zur Seelenschau auf die Bühne. Der Sohn einer jüdischen Familie aus dem Wiener Großbürgertum kämpfte auch stets damit, dass in ihm selbst reichlich viele Seelen wohnten.

Der Geistesriese und Melancholiker, in dessen Dichter-Adern viel Blut von Ibsen, aber auch einiges von Tschechow floss, brachte es in der Disziplin der Seitensprünge ziemlich ungeniert auf beachtliche Bestwerte. Und er war, was sein eigenes Schaffen betraf, sich selbst der schärfste Kritiker und Skeptiker. "Es fließen ineinander Traum und Wachen, Wahrheit und Lüge, Sicherheit ist nirgends", schrieb er und brachte, wohl auch auf sich selbst gemünzt, den wunderbaren Begriff "Herzensschlamperei" in Umlauf.

Und in einem Brief an seinen ersten großen Mentor Otto Brahm schlug er sarkastisch vor, seine stets zwischen Tragödie und Komödie schwebenden Werke doch "Melanchol-ödien" zu nennen. Hier irrte Schnitzler.

Denn die Tragikomödie der Gefühle, sein oft scheinbar frivoles Ausloten des Unbewussten, seine Wechselspiele zwischen Schein und Sein, bleiben von unantastbarer Gültigkeit. Unterschätzt hat er selbst, oftmals angefeindet und angepöbelt, den Antisemitismus. So deklarierte er seinen "Professor Bernhardi, 1912 uraufgeführt und dem bereits bedrohlich braunen Gedankengut der Wiener Lueger-Epoche zugedacht, noch als Komödie "Schnitzler: das ist grausames Wissen um unsere Nichtigkeit zwischen den Abgründen", urteilte Heinrich Mann einige Jahre später.

Und dieses Wissen, oft mit der Tarnkappe des Humors versehen, wird weiterhin viel Stoff abliefern. Auf der Bühne, im Kino, als endlose Traum- und Albtraumnovelle zugleich, zu Papier gebracht von einem, der den Mechanismus, dessen Geräusch wir Schicksal nennen, in einem dramatisches Mikrokosmos zu Tönen und Misstönen verhalf. Der Ruf des Lebens eben, viel Unerhörtes, Ungeheuerliches wohnt ihm inne.

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