29. November 2014, 09:45 Uhr | Aktualisiert vor 2 min | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 21.04.2012 um 20:30 UhrKommentare

Ein Fall von Inselwitzchen

Mast- und Peinbruch. Das Burgtheater will "Robinson Crusoe" bühnenreif machen. Mit erheblichem Saal- und Flurschaden und hemmungsloser Freude am Klamauk.

Foto © APA

Wie wohltuend es doch zuweilen sein kann, dass die Uhren des Theaters über eine völlig eigene Mechanik verfügen. Problemlos können da Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende übersprungen werden, weil dem Werk und dem Werkel eine eigene Unruhe innewohnt. Dass dies durchaus Vorteile bieten kann, zeigt sich nun an der Bühnenversion des Burgtheaters von Daniel Defoes "Robinson Crusoe", dem ersten Weltklassiker, der sich tatsächlich als reif für die Insel erwies.

Mehr als 24 Jahre lang musste der gestrandete Titelheld einst ausharren, ehe ein mittlerweile wohl auch geläufiger Wilder des Weges kam, versehen alsbald mit dem Namen Freitag, verurteilt dazu, den missionarischen Eifer und Geifer seines neuen Herren und Unterdrückers über sich ergehen zu lassen.

Verkehrte Bühnenwelt

Da in der Adaptierung der oft fahrlässig zum Kinderbuch degradierten Geschichte, die sich durchaus auch als zwiespältiger Lobgesang auf das Herrenmenschentum lesen lässt, auf Originallänge verzichtet wurde, geht der Spuk nicht erst im Jahr 2036 weiter. Er endet nach rund 120 Minuten und steht vorwiegend im Zeichen von Nonsens, teils subtil, teils flach, und massiven Umbauarbeiten im Haus am Ring, das sich im Ende präsentiert wie ein reichlich ramponierter Robinson-Club mit Ein-Stern-Qualität. Denn der Clou der Aufführung, basierend auf einer Idee von Joachim Meyerhoff (er schuf auch die Textfassung und gibt den Robinson) besteht in einer völligen Umkehr der Saal- und Sitzordnung.

Die Bühne wird zur bestuhlten Tribüne, die Hälfte des Parterrebereichs dient als Eilands-Kulisse, auf der sich Robinson mit schlecht klebendem Rauschebart hemmungslos austobt, um sich sein "hochkulturelles" Imperium zu schaffen. Er verarbeitet Stühle zu Kleinholz, zerlegt eine Loge, mampft Polsterinnereien, hängt eine Saaltüre aus. Ein Slapstick-Furioso, ein Vorläufer des Kettensägenmassakers mit purer Muskelkraft, reich an Situationskomik und Improvisationslust. Dass der rasende Strand- und Handwerker all das angerichtete Chaos letztlich unter Denkmalschutz stellt, rundet die Demontage schlüssig ab.

Irgendwie passt das durchaus zu den Intentionen von Regisseur Jan Posse, nicht nur Defoe den Prozess zu machen, sondern auch den Urhebern des Zivilisationswahns und der Globalisierung. Moralisch dick aufgetragen, vom Duo Meyerhoff und Ignaz Kirchner (als Freitag) mit einer vollen Breitseite an Ironie, Spielwitz und Hohn abserviert.

So darf denn das Burgtheater endlich ganz freiwillig und vorsätzlich Schiffbruch erleiden, mit Mast - und Peinbruch, und sollte nächstens, zwecks Steigerung des Authentischen, das Publikum auch noch Lendenschurz tragen, wäre das gar nicht weiter verwunderlich. Was aber bleibt? Das Gefühl, dass ein kongeniales Duo, nichts Festes findend, quietschvergnügt über den Wassern des Klamauks schwebte. Kein Grund zur Meuterei, immerhin.

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