Zuletzt aktualisiert: 13.01.2012 um 20:30 UhrKommentare

"Dornen in der Seele"

Franz Schuh, einer der raren Universaldenker dieses Landes, über die Schräglage der Politik, das Dilemma der Gutmenschen und den Unterschied zwischen Gehhilfen und Gehilfen.

H err Schuh, "wahrlich, ich sage euch, nach Taufkirchen an der Pram/kommt immer wieder Schärding", heißt es in Ihrem aktuellen Buch "Der Krückenkaktus". Jetzt befanden Sie sich wieder im offenbar innig geliebten Schärding, nahe der Pram, auf Kur, wie geht es Ihnen derzeit gesundheitlich?

FRANZ SCHUH: Körperlich gut, aber der Kopf . . . Nein, umgekehrt, der Kopf ist in Ordnung, aber körperlich. . . Nein, Sie haben mich am falschen Fuß erwischt. Ich benütze die Gelegenheit, ein unsterbliches Wort meines Vaters zu überliefern. Er benannte seine Zustände neutral: "Man is' net g'sund, man is net krank"..

Könnten Sie unseren Leserinnen und Lesern Ihre Wortschöpfung vom "Krückenkaktus" kurz erläutern?

SCHUH: Ich hab's im Spital gesehen: Eine schiebbare Kuppel mit Löchern, in denen die Krücken stecken. So kann man sie leicht zu denen transportieren, die sie benötigen. Aber die Wortschöpfung ist auch eine Metapher. Als Schriftsteller schiebe ich meine Texte vor mir her, sie wirken, kann man spotten, als Gehhilfen. Wenn man aus Gehhilfen ein h herausstreicht, treten die Gehilfen hervor, und Gehilfen sind spannende, nahe und zugleich fremde Wesen.

Nun passt das Wort Krücke absolut nicht zu einem mobilen Geistesriesen, der geradezu in Siebenmeilenstiefeln unterwegs ist. Gehen nicht eher die Politik und die Moral im Lande völlig "am Stock"?

SCHUH: Das unverdiente Lob stecke ich ein. Aber: Es ist das Wesen der Moral, dass sie immer zu wünschen übrig lässt, und ich stehe denen misstrauisch gegenüber, die der Politik auf die Beine helfen wollen. Es ist nicht allein "die Politik", die mit den in Gang gesetzten Prozessen nicht fertig wird; sie haben sich abgekoppelt von den eingeübten Steuerungsmechanismen.

Ein Dorn im Gemüt oder in der Seele sind Ihnen die sogenannten Gutmenschen und die "politisch Korrekten". Liegt das auch daran, dass sie ihr Gutmenschentum vorwiegend auf dem Papier ausleben, das ja angeblich sehr geduldig ist?

SCHUH: Die Geduld von Papier wird sträflich überschätzt, und ein noch größerer Dorn in meiner Seele sind die, die Gutmenschen Gutmenschen nennen. Ihnen ist zumeist die minimale Moral schon zu viel.

Trotzdem besteht ja immer wieder eine ausgeprägte Sehnsucht danach, dass Literaten, gerne ausgewiesen als Gutmenschen, über die herrschenden Zustände herziehen. Derzeit aber gilt eher: Die Zeiten stinken und die Dichter schweigen. Haben sie sich dem vehementen politischen Credo zum Stillstand resignativ gefügt?

SCHUH: Sehnsucht ist das richtige Wort. Was für eine Romantik in diesen nüchternen Zeiten: Man glaubt, irgendjemand ("die Dichter") hätte die treffende Kritik zu üben. Ich wette, wenn diese Romantiker die treffende Kritik vor Augen haben, werden sie's nicht merken.

Andererseits: Ist es nicht geradezu absurd, dass sich Elfriede Jelinek, jahrelang bestenfalls ignoriert oder als "Nestbeschmutzerin" abgetan, nun den Vorwurf gefallen lassen muss, ihre kürzlich veröffentlichte Abrechnung mit der Politik sei matt und viel zu glimpflich ausgefallen. Das klingt ja wie der Ruf nach einer noch viel strengeren Schelte-Kammer?

SCHUH: Das Publikum hat sich dazu konditionieren lassen, jede Auseinandersetzung als Schaukampf zu begreifen. Es beurteilt den Schauwert und will für seinen Voyeurismus auch eine starke Dosis.

In Ihrem Buch vermitteln Sie, teils ironisch, den Eindruck und das Gefühl, sich halbwegs geborgen im ziemlich Schlechten zu fühlen, also mit einigem Leidensfaktor. Gilt da auch Ihr Satz "Nur das Leid stachelt auf"?

SCHUH: Ich war in meinem Leben fast immer geborgen, aber ich wusste: Geborgenheit ist in der Welt nicht einmal die halbe Wahrheit. Dass das Leid munter macht, auch nicht. Wie also mit dem Leid, nicht zuletzt mit dem der anderen, umgehen?

Sie postulieren, dass Sie an unserer Kultur vor allem die Tatsache lieben, dass man in ihr nichts behaupten kann, was nicht zugleich richtig und falsch ist. Stimmt da die Balance noch oder gewinnen die Falschheiten anderer Art immer mehr die Oberhand? Stehen wir damit nicht auch vor einer Art von Schrumpfkultur?

SCHUH: Wer an der Kultur im Ganzen Maß nimmt, muss aufpassen, ob er nicht seine eigene Größe zum Maßstab genommen hat. Vom Podest der eigenen Größe kommt einem alles geschrumpft vor. Der Zugewinn an Komplexität, an Unübersichtlichkeit ist für mich ein kultureller Wert, auch weil er für Ideologen nicht auszuhalten ist, die lieber alles - natürlich in ihrem Sinn - entschieden hätten.

Woran es in jedem Fall seit geraumer Zeit mangelt, ist eine ehrliche und offene Streitkultur. Mit wem würden Sie momentan gerne für ein Streitgespräch an einem Tisch sitzen?

SCHUH: Ich bin mir, siehe oben, nicht sicher, ob das Konzept der "Streitkultur" nicht längst von marktgängigen Streitereien unterhöhlt ist.

In welcher Art und Weise?

SCHUH: Das kindisch Regressive unserer Öffentlichkeit kann man auch daran erkennen, wie schnell berechtigte Kritik in eine grausam archaische Anprangerwut umschlägt. Es gibt sogar polemisch versierte Persönlichkeiten, in denen genau das individuell passiert. Zur Sicherheit antworte ich also gutmenschlich: Ich streite gerne mit jedem Menschen, der zur Sache oder zur Person, so gut er kann, etwas zu sagen hat. INTERVIEW: WERNER KRAUSE

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