Zuletzt aktualisiert: 07.01.2012 um 21:46 UhrKommentare

Der kleine Sündenbock

Niko Pelinka muss derzeit für alles büßen, was in der Politik falsch läuft. Er fühlt sich ungerecht behandelt, sei er doch nie Politiker gewesen. ORF-Boss Alexander Wrabetz wolle ihn aber nach wie vor engagieren.

Foto © APA

Für das Thema hat er sich schon lange interessiert: "Die politische Macht der Medien in Österreich", lautete der Titel von Niko Pelinkas Fachbereichsarbeit bei der Matura. Heute, keine acht Jahre später, sagt er: "Ich hätte nie gedacht, dass ich selbst einmal im Fokus des Spannungsfeldes zwischen Macht und Medien stehen würde. Hier ist die falsche Person zum falschen Symbol geworden."

Er war bereits eine Lachnummer im Kabarett, aber seit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz kurz vor Weihnachten bekannt gegeben hat, dass er Pelinka als Büroleiter engagieren werde, muss dieser als Sündenbock für alles herhalten, was in der österreichischen Politik schiefläuft: von der Grundsatzlosigkeit über die Parteibuchwirtschaft bis zur Medienpolitik. Elfriede Jelinek, Trägerin des Literaturnobelpreises, sieht in dem 25-Jährigen gar den "Totengräber der SPÖ". Pelinka ist, wie ihn der Betriebsrat des Staatsfunks beschreibt, der "Tropfen, der das Fass einer unverständlichen ORF-Personalpolitik zum Überlaufen gebracht hat". Anhand des Falles Niko P. sieht nun jeder Bürger: Die Politik funktioniert genau so, wie sie es immer befürchtet haben.

Er selbst hat eine andere Erklärung für das Interesse an seiner Person: "Wenn in Österreich ein Junger eine verantwortungsvolle Position übernimmt, wird er durch Sonne und Mond geprügelt", meint Pelinka und vergleicht sich mit dem gleich alten Staatssekretär Sebastian Kurz: "Ein paar Monate später haben sich alle beruhigt und sagen: So schlimm ist er ja gar nicht."

Pelinka wirkt nicht gebrochen, nicht verzagt, nicht einmal zerknirscht, nur etwas weniger forsch-fröhlich als vor ein paar Wochen. Über seine Lage spricht er distanziert. Das klingt dann so: "Es wäre naiv zu sagen, das trifft einen nicht. Man lernt, zwischen den Ebenen zu unterscheiden: Da sind die berechtigten Sorgen der ORF-Mitarbeiter, die man ernst nehmen muss und die man wird ausräumen können. Dann ist da die inhaltliche Auseinandersetzung. Die gehört dazu, wir sind ja alle nicht im Mädchenpensionat aufgewachsen. Die dritte Ebene sind persönliche Beleidigungen. Dass es auf die gute Laune drückt, in anonymen Postings zu lesen, man solle an einem Laternenpfahl aufgeknüpft werden, das kann sich jeder vorstellen."

Nikos Onkel ist der Politikwissenschaftler Anton Pelinka, seit Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Kritiker der SPÖ. Er nimmt seinen Neffen in der "Zeit" vor "falscher Häme" in Schutz, schreibt aber auch, dass Wrabetz gezeigt habe, "dass er das System des ORF, die allgemein akzeptierte Balance politischer Verflechtungen, aufrechtzuerhalten gedenkt". Armin Wolf, Moderator der "ZiB2", formuliert es im "profil" drastischer: Die ORF-Führung werde "politisch erpresst". Dass nun vier Stiftungsräte, die Wrabetz' Vertrag unlängst verlängert haben, in operative Jobs wechseln, findet Wolf "obszön".

Niko Pelinka war bis vor wenigen Tagen Anführer des SPÖ-Freundeskreises im Stiftungsrat. An dem Felgabschwung vom Kontrollor eines Geschäftsführers zu dessen Sekretär will er kein Problem erkennen. Er sagt: "Ich bitte, zur Kenntnis zu nehmen, dass die rechtliche Situation dies erlaubt. Wenn man das ändern möchte, ist der Gesetzgeber gefordert." Dass er Wrabetz von SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas aufgezwungen werde, bestreitet Pelinka: "Das ist einfach falsch! Was mich ärgert, ist, dass meine bisherigen Leistungen völlig ignoriert werden. Ich war ein sehr guter Pressesprecher. Ich bin für den Posten eines Büroleiters qualifiziert."

Unterrichtsministerin Claudia Schmied holte den 19-jährigen Pelinka in ihr Büro, bald beförderte sie ihn zum Pressesprecher. Er absolvierte ein Masterstudium für "politische Kommunikation" an der Uni Krems. Vor zwei Jahren schickte ihn die SPÖ in den ORF-Aufsichtsrat, wo er die Wiederwahl Wrabetz' organisierte. Sein Gehalt verdiente er fortan bei den ÖBB, ein Unternehmen der roten Reichshälfte. "Ich werde behandelt wie ein Politiker, obwohl ich nie einer war, keiner werden möchte, nie ein Mandat hatte", klagt Pelinka: "Wer mich kennt, weiß, dass ich weder ein intervenierender Berserker noch ein braver Parteisoldat bin. Ich bin SPÖ-Mitglied - that's it."

Bei den ÖBB hat er gekündigt, beim ORF ist er noch nicht angestellt. Niko Pelinka scheint trotzdem keine Angst zu haben, übrig zu bleiben - nicht einmal, wenn ihn die rote Landeshauptfrau Gabi Burgstaller dazu auffordert, er solle auf den neuen Job verzichten. "Ich habe Alexander Wrabetz angeboten, meine Bewerbung zurückzuziehen", erzählt Pelinka. "Er hat mich gebeten, sie aufrecht zu lassen." Seine Karriere sei seine Sache, findet Pelinka: "Und es ist mir mit Verlaub egal, was Politiker dazu sagen - egal welcher Couleur."

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