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Zuletzt aktualisiert: 16.03.2011 um 00:31 UhrKommentare

ABC-Abwehrtruppe in zehn Stunden einsatzbereit

In 18 Kilo schweren Gummianzügen mit integrierten Strahlenmessgeräten kann die Einsatztruppe im atomaren Ernstfall die Dekontamination von Personen und Fahrzeugen vornehmen.

Foto © APA

Droht Gefahr durch atomare oder auch biologische und chemische Stoffe, tritt die österreichische ABC-Abwehrtruppe auf den Plan. "Wir haben Detektoren, Dekontaminationseinheiten, wir können Wasser aufbereiten und in verstrahltem Gebiet Verschüttete bergen", erklärte Hauptmann Michael Eichhübl am Dienstag bei einem Lokalaugenschein der APA in der ABC-Abwehrschule in Korneuburg. "Binnen zehn Stunden ist ein Team im Ernstfall einsatzbereit und kann sich 14 Tage im Krisengebiet autark versorgen." Nahrung, Wasser, Sprit und Medizin hat die Sondertruppe selbst im Gepäck.

Gearbeitet wird in 18 Kilo schweren Gummi-Anzügen mit Atemschutzmasken, Stiefeln und Handschuhen. "Es ist gewöhnungsbedürftig, aber nicht schwer", berichtete Offizier-Stellvertreter Andreas Hämmerl. Die Anzüge verhindern, dass Radioaktivität eingeatmet oder geschluckt wird. "Sie halten die schädlichen Partikel ab, die Strahlung selbst kann kein Anzug abschirmen", ergänzte Eichhübl. Daher werde laufend gemessen und das Personal nach einer bestimmten Strahlenbeanspruchung ausgetauscht. An jedem Anzug befindet sich ein Dosimeter, das genau zeigt, wie viel Strahlung der Einzelne bereits abbekommen hat.

Zehn Millisievert kann man sich laut Eichhübl zum Beispiel zehn Stunden aussetzen, bevor eine Belastung von 100 Millisievert erreicht ist. Erst ab diesen Wert seien die ersten Veränderungen im Körper durch Radioaktivität überhaupt nachweisbar. "Ab so einem Wert wird erst einmal ein Schutzanzug angezogen", schmunzelte ein erfahrener Abwehrspezialist.

Bei der Kontamination verstrahlter Personen geht die Abwehrtruppe akribisch vor. Die "Verseuchten" werden über eine abgezäunte Schleuse zu Zelten geleitet: Zuerst werden die Schuhe gründlich gereinigt, dann müssen sich die Personen ausziehen und die kontaminierte Kleidung abgeben. In einer Dusche mit bis zu 37 Grad heißem Wasser und Reinigungsmittel werden die Menschen einzeln abgeduscht, bis der Geigerzähler keine zu hohe Radioaktivität mehr zeigt. "Die Japaner machen das genauso", erklärte Hämmerl. Zum Abschluss bekommen die Gereinigten Ersatzkleidung, die OP-Mänteln und -Hauben sowie Badeschlapfen, gleicht.

Das Prozedere wird laut Hämmerl wöchentlich geübt, in Tschechien beispielsweise auch mit chemischen Kampfstoffen. Nicht nur Personen auch verstrahlte Zivil- und Militärfahrzeuge werden dabei mit Geigerzähler Zentimeter für Zentimeter untersucht und auf einer Plane mit 80 Grad heißem Wasser und Reinigungsmittel gesäubert bis keine zu hohe Strahlung mehr messbar ist. Erst dann dürfen sie von der radioaktiven "heißen" in die "reine" Zone.

Zu den Aufgaben der Spezialisten gehört auch die Reinigung von verseuchtem Wasser. Radioaktive Partikel werden mit Filtern ausgesondert. Nur wenn das Wasser selbst radioaktiv ist - zum Beispiel nachdem es im Reaktor war -, sei dies durch die verfügbaren Maßnahmen nicht möglich. Weiters verfügt das ABC-Team über Dingo-Wagen mit Wettermasten, um eine Prognose aus dem Inneren vornehmen zu können und Sanitäts-Fahrzeuge mit abgetrennten Patientenkapsel für verstrahlte Personen.

Zurückschrecken würde die österreichische ABC-Abwehrtruppe vor einem - wohlgemerkt freiwilligen - Einsatz im japanischen Krisengebiet nicht: "Am Wochenende hätten sich schon sehr viele gemeldet", erklärte Andreas Hämmerl. "Angst" vor radioaktiver Verstrahlung hat er nicht: "Von meiner Seite in keiner Weise", betonte der Offizier-Stellvertreter . "Wir trainieren das und sind dafür ausgebildet."

Tatsächlich zum Einsatz kommen wird das ABC-Team aber höchstwahrscheinlich nicht: "Es gibt kein Ansuchen und es ist auch keines zu erwarten", erklärte Michael Schuster, Kommandant der ABC-Abwehrschule. "Japan als hoch technisierter Staat will der Bevölkerung zeigen, dass sie das im Griff haben." Zudem drohe das Risiko des "Katastrophentourismus", wenn man zu viele Helfer ins Land lasse, die man dann nicht mehr koordinieren könne. Japan habe gezielt seine nächsten politischen Partner - die USA, Australien und Russland - um Hilfe gebeten.

Grundsätzlich könnte es einen Einsatz der österreichischen Truppe nur dann geben, wenn Japan ein Ansuchen stellt, erklärte Schuster. Danach entscheidet der ministerielle Krisenstab in Österreich. Stimmt dieser zu, muss noch der Hauptausschuss im Parlament seine Genehmigung erteilten. Obwohl es anders klingt, gehe das "sehr, sehr schnell". Ist ein Einsatz in Österreich notwendig, sei der Entscheidungsweg freilich kürzer und erfolge über ein Ansuchen der jeweiligen Landesregierung, die Unterstützung fordere.

Insgesamt sind in Österreich fünf ABC-Abwehreinheiten mit je 175 Mann in Korneuburg, Mautern bei Krems, Linz-Hörsching, Graz und Absam eingerichtet. Sie verfügen über zwölf spezielle Dingo-Fahrzeuge, jeweils über eine Trinkwasseraufbereitung, einen Dekontaminations-, einen Aufklärungs- sowie einen Rette- und Bergezug. Ein Präsenzdienst mit 100 Mitarbeitern ist permanent verfügbar, im Krisenfall wird das volle Potenzial der Einheiten je nach Bedarf ausgeschöpft, die Teams werden entsprechend zusammengestellt.

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