25. April 2015, 02:26 Uhr | Als Startseite
Zuletzt aktualisiert: 23.07.2012 um 20:56 UhrKommentare

55.000 Häuser sind gefährdet

Wie konnte es zur Unwetterkatastrophe von St. Lorenzen kommen? Wer ist noch durch Hochwasser und Muren gefährdet? Sechs Fragen und sechs (unbequeme) Antworten.

Foto © Bundesheer

Wie kann es zu einer Katastrophe wie in St. Lorenzen kommen?

ANTWORT: Durch regelmäßigen, teils heftigen Niederschlag, gesättigte Böden, anfälliges Gestein im Graben und Waldhänge in Bewegung. In St. Lorenzen hat sich "grauslicher Schiefer", so Gerhard Baumann (Wildbachverbauung), mit Erdreich und Wasser im Lorenzerbach vermengt. Bäume, Geäst etc. verstopften den Graben. Es staute sich - bis sich beim Unwetter am Wochenende "der ganze Knödel löste" und den Ort verwüstete.

Fakten

Wildbäche und Lawinen : Die Liste der Naturgefahren umfasst Hochwasser, Muren, Lawinen, Hangbewegungen und Steinschlag. Die dem Bund zugeordnete Wildbach- und Lawinenverbauung hat für Länder und betroffene Gemeinden eigene Gefahrenzonenpläne erstellt. Sie sind bei Bauvorhaben, Verfahren und in den Flächenwidmungsplänen zu berücksichtigen.

Hochwassergebiete: Was in alpinen Lagen im Norden die Gefahr von Muren, ist im Süden das Hochwasserrisiko. Das Land Steiermark hat entlang der Flüsse Abflussgebiete für 30- und 100-jährliches Hochwasser ausgewiesen. "Gefährdet sind vor allem Objekte an breiten, flachen Flussbetten, etwa an der Raab", sagt Peter Rauchlatner vom Referat für Wasserwirtschaftliche Planung.

Gefahrenzone und Abflussgebiete: Die Wildbach- und Lawinenverbauung unterscheidet zwischen roten und gelben Gefahrenzonen. Basis: "Ein Bemessungsereignis mit einer Wiederkehrwahrscheinlichkeit von 150 Jahren." Der rote Teil ist für Siedlungs- und Verkehrszwecke tabu. In der gelben Zone muss im Verfahren jedenfalls eine Stellungnahme eingeholt werden. Gebaut werden kann meist nur unter Auflagen. Indes sind bei Hochwasser drei Kategorien maßgeblich: ein Hochwasser, das alle 30 Jahre (HQ 30), alle 100 (HQ 100) und alle 300 Jahre (HQ 300) auftreten könnte. Abflussgeschwindigkeit und Wasserpegel sind örtlich unterschiedlich. Jedenfalls darf man in HQ-100-Gebieten grundsätzlich nicht, bei HQ 30 nur bedingt bauen.

Wäre ein Unglück dieses Ausmaßes zu verhindern gewesen?

ANTWORT: Wohl nur mit einem Rückhaltebecken von enormer Dimension. "So etwas wäre dann aber sehr teuer", sagt Johannes Hübl vom Institut für Alpine Naturgefahren an der Boku Wien. Wildbachexperte Baumann sagt, dass ein derartiges Extremszenario im Gefahrenzonenplan (2009) für St. Lorenzen festgehalten worden ist. Kurzfristige Maßnahmen, wie von Bürgern im Juni gefordert, hätten aber kaum geholfen.

Ist St. Lorenzen ein Einzelfall oder muss man auch anderswo zittern?

ANTWORT: Baumann nennt den Bereich zwar eine "giftige Grabenstrecke", wo vieles zusammenkommt. Allerdings: Allein in der Steiermark gibt es 339 (von 542) Gemeinden mit mindestens einem Wildbach. Davon sind steiermarkweit 3200 eingetragen. In der roten Gefahrenzone befinden sich nicht weniger als 17.000 Objekte. In der gelben Gefahrenzone sind 38.000 Objekte, die Muren, Wassermassen oder Ähnliches treffen könnten.

Warum wurde nicht mehr und früher Geld in Schutzbauvorhaben wie Rückhaltebecken investiert?

ANTWORT: Erstens sind die Mittel begrenzt. So stehen der Wildbach- und Lawinenverbauung im Jahr für die Steiermark durchschnittlich 14 Millionen Euro zur Verfügung. Doch allein um die nach den Unwettern in der Obersteiermark geplanten Maßnahmen umzusetzen, werden schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Euro nötig sein. Noch dazu vergehen für Planung und Verfahren mindestens acht Monate.

Warum wohnen so viele Menschen in von Hochwasser und Muren bedrohten Gebieten?

ANTWORT: Das war früher nicht so streng geregelt. Man baute, mitunter aus Kostengründen, trotz des Risikos. Nicht zu vergessen: Vielfach handelt es sich um Altbestände. Die Steiermark verschärfte (erst) 2008 die Gangart bei Hochwassergefahr. Der steirische Landeshauptmann Franz Voves regte nun an, dass Experten prüfen sollen, ob es noch sinnvoll ist, an den Unglücksstellen erneut in Eigentum zu investieren.

Wie werden die gefährdeten Gemeinden in Zukunft vor Naturgefahren geschützt?

ANTWORT: Von Bauverboten oder Absiedelungen kann in St. Lorenzen & Co. keine Rede sein, betont man im Land. Viel mehr sollen (weitere) Hochwasserrückhaltebecken sowie Dämme gegen Muren errichtet werden. Freilich bleibt das Wetter unberechenbar. Siehe "Tobeitschbach" (Bezirk Liezen), wo heuer alle Vorbereitungen für die Wildbachverbauung abgeschlossen worden sind. Im Juni jedoch sorgte ein Unwetter für Vermurungen.

  • Druckbare Version anzeigen
  • E-Mail

Kommentare

Es sind noch keine Kommentare vorhanden.

» Kommentar erstellen

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.

Apps für alle