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Zuletzt aktualisiert: 18.04.2012 um 06:42 UhrKommentare

Römische Fürbitten für felix Austria

Journalistendelegation in Rom. Papst-Vertrauter fordert ein Ende der Zerwürfnisse. Vatikan lehnt Dialog mit Pfarrerinitiative ab. Bischof Kapellari enthüllt Job-Profil für Nachfolger.

Foto © KATHBILD.AT/RUPPRECHT

Es ist eine Erfahrung des Reisens: Das Land, das man verlässt, reist ungebeten mit. So erging es diese Woche dem Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari, der eine Gruppe österreichischer Journalisten nach Rom zu Begegnungen mit hochrangigen Vertretern der römischen Kurie im Vatikan führte. Die Probleme der österreichischen Kirche waren immer wieder Gegenstand der Gespräche mit Kardinälen, Bischöfen und Kommunikationsexperten im Zentrum der katholischen Weltkirche. Die innerkirchlichen Verwerfungen in Österreich sind im Vatikan gut bekannt. Sie bereiten Sorge und lösen Irritationen aus.

Grundwasserspiegel

Bischof Josef Clemens, Chef des wichtigen päpstlichen Rats für die Laien, zeigte sich verwundert darüber, wie lange die Auseinandersetzungen zwischen der Kirchenleitung und den Reformbewegungen schon andauern. Eindringlich beschwor er die Einheit: "Man sollte aufhören, sich aneinander zu reiben und wieder das Große in den Blick nehmen." Wenn man den kulturellen und geistigen Reichtum des Landes in den Stiften und Bibliotheken sehe, könne man nur sagen: Felix Austria! Da bleibt einem die Spucke weg." Umso bedauerlicher sei es, wenn "kirchliche Dauerbrenner immer wieder neu angefacht werden".

Clemens' Stimme ist von besonderem Gewicht. Der aus dem Ruhrgebiet stammende Bischof, verantwortlich auch für die großen Weltjugendtage mit dem Papst, war zwanzig Jahre lang persönlicher Sekretär von Kardinal Joseph Ratzinger und steht, wie er gestern bemerkte, auch heute noch in ständigem Kontakt mit Benedikt XVI, was auch für einen Kurienbischof nicht selbstverständlich ist. Clemens ist regelmäßiger Gast in Kärnten und ein Kenner der österreichischen Kirche. Der Bischof appellierte an die öffentliche Meinung in Österreich, bei aller kritischen Betrachtung der Kirche nicht die vielen Opfer zu vergessen, die dafür gebracht worden seien, den großen kulturellen Reichtum zu schaffen.

Der einflussreiche Geistliche sieht Österreich nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit der europaweiten Schwächung der Kirche. Die selbstverständliche Religiosität in Europa sei im Schwinden. In Österreich sei der "Grundwasserspiegel" der Gläubigkeit noch vergleichsweise hoch. "Das Land wartet auf das Wort der Kirche." In Deutschland hingegen müsse man schon sehr tief bohren, um ans Grundwasser zu kommen. Dass gegenwärtig mit Angela Merkel und Joachim Gauck zwei Protestanten an der Spitze des Landes stehen, mache ihn, Clemens, "überhaupt nicht konfessionell neidisch", im Gegenteil: "Ich bin froh über qualifizierte Christen in hohen Staatsämtern. Ich kann nur sagen: Complimenti, tanti auguri!"

Wider den Ungehorsam

Die Erwartungen der Pfarrerinitiative in Österreich, die Predigt des Papstes am Gründonnerstag sei eine indirekte Einladung zum Dialog, wurde von den Gesprächspartnern im Vatikan einhellig zurückgewiesen. So betonte der Pressesprecher des Vatikans, Federico Lombardi, dass der Papst nicht unmittelbar zuständig sei. Die Verantwortung für die Konfliktlösung liege bei den österreichischen Bischöfen. Es handle sich um ein "pastorales Problem".

Bei den Gesprächen im Vatikan wurde allerdings auch deutlich, dass der Fall Österreich sehr wohl beachtet wird und Sorge herrscht, die Unruhe könne auch andere Länder erfassen. Es gibt römische Pfarren, in denen bei den Fürbitten in der Sonntagsmesse dafür gebetet wird, die "ungehorsamen Priester" in Österreich mögen auf den "rechten Weg" zurückfinden.

Auch der deutsche Medienexperte Benedikt Steinschulte, der seit 27 Jahren im Vatikan arbeitet, bestätigt, dass man in der Kurie die Vorgänge in Österreich ernst nimmt. "In manchen Kreisen wird der Konflikt als etwas Ungeheuerliches wahrgenommen, wie eine offene Rebellion. Die Angst vor einem Funkenflug ist groß."

Kurien-Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Kirche und früher Bischof von Basel, stellte den Konflikt mit der Pfarrerinitiative in den größeren Zusammenhang des interkonfessionellen Dialogs. "Man kann nicht die Einheit wollen, indem man neue Spaltungen sucht. Wir brauchen zuallererst eine innerkatholische Ökumene. Nur so bleiben wir als Partner im Gespräch mit den anderen christlichen Konfessionen glaubwürdig." Ein ähnliches Problem diagnostizierte Koch bei den anderen Glaubensgemeinschaften. Auch hier habe man es zunehmend mit Fragmentierungen zu tun, die die Einheit erschwerten. Ein bloßes Nebeneinander der Konfessionen könne nicht der Zweck der Ökumene sein. "Wir dürfen nicht wie im Reihenhaus nebeneinander leben." Das Ziel müsse die volle Einheit sein. Dazu werde es noch viel Geduld und Zeit brauchen.

Für Medienbischof Kapellari war es die letzte Reise mit Journalisten nach Rom. Er benutzte die Gelegenheit, auf sehr persönliche Weise in Gesprächen und Predigten eine Bilanz aus seinem langen Priester-und Bischofsleben zu ziehen. Er verhehlte seine Sorge über den Zustand der Kirche nicht: "Wir sind gefährdet." Auch wenn die volle Breite der Kirche in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft nicht zu halten sein werde, warnte Kapellari vor dem Rückzug auf eine Kirche der elitären Kleingruppen: "Der Kampf um die Balance zwischen Tiefe und Breite ist in vollem Gange. Wir müssen so lang wie möglich um diese Breite kämpfen."

An die "aufgeklärt-liberalen Kräfte" richtete der steirische Bischof die Frage, ob sie die Kirche wirklich schwächer haben wollen. Das würde das Gesamtensemble der Gesellschaft beeinträchtigen. Man möge bedenken, wer in einer Art Umweg-Unrentabilität von einer weiteren Schwächung der Kirche profitieren würde. Ohne dass Kapellari es aussprach, wurde deutlich, dass er auf den Islam anspielte.

Unbequeme Mitte

Kapellari wird zu Beginn nächsten Jahres aus dem Bischofsamt scheiden. Erstmals gab er im frühlingshaften Rom eine Art Job-Profil für seinen Nachfolger und die anderen anstehenden Bischofsernennungen. "Ein Bischof muss die Spannung von Breite und Tiefe aushalten können. Er darf nicht polarisieren und muss die Kraft zur Führung haben. Er braucht erhebliche Frömmigkeit, erhebliche Intelligenz und auch Regierungserfahrung." Letzteres kann man als Empfehlung verstehen, die Praxis der letzten Jahre fortzusetzen, keine Wagnisse mehr einzugehen und Kandidaten auszuwählen, die schon ein Bischofsamt haben. Die Position eines Bischofs müsse die "unbequeme Mitte" sein. Dort sieht auch er sich beheimatet: "Weder bin ich ein Schilfrohr noch ein Betonblock."

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