Zuletzt aktualisiert: 19.10.2014 um 06:00 UhrKommentare

"Das Hamsterrad der Eltern wird auf die Kinder übertragen"

Kinderarzt Herbert Renz-Polster warnt vor der "pädagogischen Mästung" von Kindern. Eltern ruft er auf, ihr Recht auf Erziehung zurückzufordern. Von Carina Kerschbaumer

Foto © fotolia.de

Sie warnen davor, dass die Lebenswelten von Kleinkindern, Krippen, Kindergärten zu pädagogischen Mastbetrieben umgebaut werden. Übertreiben Sie da nicht ein wenig?

HERBERT RENZ-POLSTER: Das glaube ich nicht. Mit dem jetzigen Bildungsparadigma, der Einengung der Sozialisationsziele auf das, was sich die Wirtschaft wünscht, liegt der Schwerpunkt ganz stark auf kognitiven Inhalten. Kinder müssen aber zunächst einmal lernen, mit Emotionen und Impulsen klarzukommen, also mit sich selbst.

Das bestreitet doch niemand.

HERBERT RENZ-POLSTER: Der Tag hat aber auch für Kinder nur 24 Stunden. Die kognitive Frühförderung setzt stark auf strukturierte Angebote, auf ein Lernen unter Anleitung von Erwachsenen. Das aber steht im Widerspruch zu dem, wie Kinder eigentlich lernen. Da geht es nicht um Leitung, sondern um kindliche Selbstorganisation, ein vom Kind aus entwickeltes Lernen. Wenn wir schon im Kindergarten mit den Trainingseinheiten für die Arbeitswelt beginnen wollen, geht das zulasten der Kinder.

Sie fürchten, dass Kindheit immer mehr verzweckt wird?

HERBERT RENZ-POLSTER: Dass Kindheit verzweckt wird, ist nicht neu. Sie wurde immer schon verzweckt. Wenn wir an die Kaiserzeit oder Nazi-Deutschland denken, gab es klare Ziele, wie Kinder zu behandeln sind, damit sie diszipliniert und abgehärtet werden. Das treibt uns heute den Schauer über den Rücken. Wir hinterfragen aber zu wenig heutige Bildungsziele. Warum wollen wir denn partout kleine Naturwissenschaftler aus ihnen machen? Sie sollen damit für die Wertschöpfungskette fit gemacht werden. Natürlich brauchen Kinder eine Vorbereitung auf den Beruf, aber diesen Prozess kann man nicht in den Lebensabschnitt von Kleinkindern tragen.

Und deshalb fordern Sie in Ihrem soeben erschienenen Buch "Die Kindheit ist unantastbar" Eltern auf, ihr Recht auf Erziehung zurückzufordern?

HERBERT RENZ-POLSTER:Eltern sehen nicht, dass hinter bestimmten Moden und pädagogischen Neuerungen wie frühem Lernen auch Interessen stehen. Sie müssten kritischer werden und in die Geschichte schauen. Wie viele Ansagen in der Pädagogik wurden gemacht und für heilig gehalten? Und wie viele dieser Spekulationsblasen sind dann geplatzt? Nach gesellschaftlichen Revolutionen ist meist als Erstes die Erziehung der Kinder neu aufgestellt worden. Dass man Kinder auf Gehorsam trimmt, war ein Leitziel in Nazi-Deutschland. Man hat immer aus der großen Torte kindlicher Entwicklungsmöglichkeiten jene Stücke herausgeschnitten, die den gerade Tonangebenden als besonders nützlich erschienen. Früher sah man in den Kindern die zukünftigen Untertanen, Mütter und Soldaten und entsprechend hat man sie von klein auf behandelt. Heute sind sie für uns die zukünftigen Naturwissenschaftler und Techniker. Ich finde, dass kleine Kinder weder zur Rettung des Vaterlandes noch zur Rettung des Wirtschaftsstandortes funktionalisiert werden sollen.

Man könnte auch sagen, Eltern und Pädagogen wollen sie einfach für die Zukunft fit machen.

HERBERT RENZ-POLSTER: Vielleicht. Aber wenn man das will, muss man am Kind ansetzen, nicht an den Zielen derer, die es auf bestimmte spätere Funktionen der Kinder abgesehen haben. Kinder müssen zuallererst zu starken Persönlichkeiten werden. Sie müssen dazu ihre grundlegenden Kompetenzen aufbauen: Selbstkontrolle, soziale Kompetenz, innere Widerstandsfähigkeit, Kreativität. Das läuft nicht dadurch, dass wir den Kindern Lernziele vor die Nase halten. Vielmehr vollzieht sich das in einem von Beziehungen gesicherten Prozess der Selbstbewährung. Kinder müssen diese Schätze sozusagen selbst heben. Natürlich brauchen sie dazu Begleitung, aber sie brauchen keine pädagogischen Animierdamen. Die wichtigste Aufgabe der Kindergartenpädagogen ist, dass sie den Kindern verlässliche Beziehungen bereitstellen. Man sollte auch mehr auf sie hören als auf oft kinderferne Professoren.

Sie glauben, dass die künftige Verwertbarkeit von Fähigkeiten bereits bei Zweijährigen in den Vordergrund rückt und deshalb wie nie zuvor über Bildungspläne für Kindergärten debattiert wird?

HERBERT RENZ-POLSTER:Das Hamsterrad der Eltern wird auf die Kinder übertragen. Eltern sollten aber zumindest die Kindheit schützen und Kindern nicht noch die Kohlen drauflegen.

Das werden jetzt viele Eltern bestreiten.

HERBERT RENZ-POLSTER: Wir haben Angst und das

zwingt uns regelrecht in die Schizophrenie. Es heißt zwar: Ja, wir wollen die Kindergartenkinder Kinder sein lassen, aber gleichzeitig wird gefragt: Wie schaffen wir den Übergang zur Volksschule? Und in der Schule soll es nicht nur um den Prüfungsstoff gehen, aber dann wird gefragt: Wie schneiden sie bei den Prüfungen ab? So wie sich die Eltern durch ein System jagen, so kollaborieren sie im Bildungssystem und übernehmen die Rolle des Antreibers, wenn das Kind erlahmt. Nachhilfe wird organisiert, ein Therapeut geholt, wenn nichts mehr geht. Da geht es nicht mehr darum, mit welcher Persönlichkeit Kinder einmal im Leben stehen, sondern darum, wie viele Einser oder Zweier sie schreiben.

Das Erziehungsziel Gehorsam wurde durch Leistung ersetzt?

HERBERT RENZ-POLSTER: Der Trend der Wirtschaft hat sich auf die Pädagogik übertragen: Es geht um Beschleunigung, um den kurzfristigen Gewinn. Das Highlight des Erziehungsalltags ist heute, wenn das Kind mit möglichst elaborierten ersten Worten seine Intelligenz erkennen lässt. Wenn dann noch der Zahlenraum bis 50 im Kindergartenalter geschafft wird, pocht das Elternherz in fester Gewissheit: Aus meinem Kind wird einmal etwas, jetzt muss es nur noch schnell mehrsprachig werden. Diese Mobilmachung passt aber nicht zu kleinen Kindern.

Immerhin sind es Pädagogen, die frühe Bildung propagieren.

HERBERT RENZ-POLSTER: Mit den 90er-Jahren kamen neue Konzepte in die Pädagogik. Sie kamen aber nicht von Kindergartenpädagoginnen, sondern die Ansagen waren ganz stark getragen von bestimmten Arbeitnehmerverbänden, die sagen: Wir haben eine Wissensgesellschaft und wir müssen die Kinder fit für diese Zukunftsbranchen machen. Das ist kein schlechter Ansatz, es wird dabei aber vergessen, dass man Kleinkinder nicht beliebig auf Funktionen zubilden kann.

Das heißt weniger geleitetes Lernen und mehr freies Spiel?

HERBERT RENZ-POLSTER: Kinder brauchen unstrukturierte Erlebnisräume für freies Spiel. Heute werden sie immer stärker in ein pädagogisches Korsett eingeschnürt, sie haben schon im Kindergarten zielgerichtete Lernprozesse. Man erkennt nicht mehr, dass das Spielen ein Teil der Selbstförderung des Kindes ist. Da wird die Pädagogik auf den Kopf gestellt. Der Kern der heutigen Pädagogik ist eine Vorverlagerung, eine Pädagogik der Rückwärtskonstruktion. Die Wirtschaft wünscht sich Schwerpunkte in Mathematik, Informatik, in Naturwissenschaften, entsprechend sollen die Schulen sein und die Kindergärten ebenfalls, weil sie ja angeblich auf die Schulen vorbereiten. Aber das ist doch ein armseliges Bild von der Elementarpädagogik. Die ist doch keine Bonsai-Variante der Schulpädagogik.

Sie fürchten, dass Kindergärten aufgrund der vielen Zurufe von außen in ein pädagogisches Reservat verwandelt werden?

HERBERT RENZ-POLSTER: Wenn ich bedenke, wie stark die Kindergartenkinder auf Schritt und Tritt evaluiert werden, ihre Fortschritte kartiert und in Portfolios aufgearbeitet werden, kommt mir dieser Begriff in den Sinn. Wozu das alles? Das nimmt uns Zeit für echte Beziehungen. Wer auf Schritt und Tritt bewertet wird, wird zum Objekt, zum Förder-Objekt.

Gleichzeitig wird erklärt, dass Kinder bereits in Krippen bestens gefördert werden.

HERBERT RENZ-POLSTER: Alle Parteien sind sich einig, dass Kinder frühe Bildung brauchen. Dann müssen wir aber auch darüber reden, was frühe Bildung ist. Und da beginnt unsere Lebenslüge. Wir wissen einiges über Kinder und eines ganz sicher: dass Kinder für ihr frühkindliches Lernen einen funktionierenden Rahmen an verlässlichen Beziehungen brauchen. Emotional gestresste Kinder lernen nicht. Der Motor läuft nur, wenn Kinder sich in Beziehungen gut aufgehoben fühlen - mit Leuten, mit denen sie zusammen sein wollen und nicht müssen. Das ist aber nicht der Fokus der heutigen Pädagogik.

Da werden Ihnen Pädagogen widersprechen und darauf verweisen, dass das durchaus der Fokus von Kindergärtnerinnen ist.

HERBERT RENZ-POLSTER: Ich kenne aber keinen Experten, der nicht eine bessere Betreuungsqualität anmahnt. In frühkindlichen Einrichtungen sind nicht genug Hände, Herzen, Augen vorhanden, damit Bildung stattfinden kann. Jede Familie mit Drillingen weiß, welches Chaos das bedeutet. In Krippen ist aber bereits ein Betreuungsschlüssel von 1 : 4 über dem Standard. Jeder weiß, dass es hier um ein glorifiziertes Verwalten geht. Und dann reden wir über frühe Bildung. Wir machen einen Kompromiss auf Kosten des Kindes.

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Fakten

  • Herbert Renz-Polster, geboren 1960, arbeitet als Kinderarzt und forschte im Bereich Prävention in den USA und am Institut für Public Health der Universität Heidelberg. Bücher: "Kinder verstehen" (2009), "Wie Kinder heute wachsen - ein neuer Blick auf das kindliche Lernen" (2013, mit Gerald Hüther).

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