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Griechenland

"Europas Weg ist nicht christlich"

Wie die Österreicher nicht für das Hypo-Debakel bluten dürften, sollten auch die Griechen nicht für ihre Politiker bestraft werden, sagt der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis. Ein Interview von Manuela Swoboda

Metropolit Arsenios Kardamakis
© Christian MUELLER
 

Die griechische Regierung will der Euro-Gruppe am Montag ihr angemahntes Reformpaket vorlegen. Haben Sie Sorge, dass die neue griechische Regierung das Land endgültig an die Wand fährt?

METROPOLIT ARSENIOS KARDAMAKIS: Ich bete, dass die Regierung nicht zu viele Fehler macht. Griechenland braucht Politiker, die das Land , Europa und die Menschen lieben. Die neue Regierung muss achtsam sein, denn sie hat viel versprochen, und die Griechen wollen nicht schon wieder enttäuscht werden. Syriza hätte Anfang Februar die Chance gehabt, Europa zu verändern, ein neues Kapitel in der Europapolitik aufzuschlagen, die nicht nur vom Spardiktat bestimmt wird, doch diese Chance wurde verpasst.

Sowohl Papst Franziskus als auch der griechisch-orthodoxe Erzbischof Hieronymos üben massiv Kapitalismuskritik und fordern mehr soziale Gerechtigkeit ein: Erstaunlich links, finden Sie nicht?

KARDAMAKIS: Man sagt ja auch, dass Jesus ein Linker war (lacht). Was bedeutet Christentum überhaupt? Teilen wir, geben wir. Die Kirche hat im Laufe der Geschichte viele Fehler gemacht und auf das Geld gesetzt. Um dafür Kultur und Zivilisation zu gründen, ist es gut, aber nicht, um es auf die Bank zu tragen.

Ende März droht Griechenland wieder einmal die Staatspleite: Wie haben all die Hiobsbotschaften das Land verändert?

KARDAMAKIS: Von einem Tag auf den anderen gab es nur noch das Notwendigste zum Leben. Mit der Krise sind aber auch Werte wie Solidarität, Menschenwürde und Mitmenschlichkeit wieder stärker geworden. Jeder hilft, wo er kann; wohl auch, weil niemand weiß, ob morgen nicht er selbst derjenige ist, der Hilfe braucht.

Portugal und Irland haben ihre Hausaufgaben gemacht – nur Griechenland nicht. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

KARDAMAKIS: Fünf Jahre schon gibt es das rigorose Sparprogramm, doch die wirtschaftliche Situation ist nicht bessern, sondern schlimmer geworden. Griechenland hat mehr Schulden denn je. Die neue Regierung hat null Bewegungsspielraum. Wenn die EZB keine Bewegungsmöglichkeiten schafft, ist es Ende März vorbei. Will das Europa? Muss der schlechte Schüler tatsächlich bestraft werden, oder hilft man ihm dabei, besser zu werden? Deutschlands Politik ist für mich eine Bestrafungspolitik, und das ist nicht christlich. Der europäische Weg ist nicht christlich.

Höre ich da Sympathie für die Linkspartei heraus?

KARDAMAKIS: Ich unterstütze als Grieche die neue Regierung. Ich will, dass sie ihre Arbeit gut macht. Schafft sie das nicht, werden Hunderttausende Menschen hungern. Und das will ich nicht.

Der griechische Finanzministers Yanis Varoufakis wirkt oft so, als würde er sich morgens sagen: „Denen zeig’ ich’s heute!“ Ist eine solche Haltung die Basis für ein gutes Miteinander?

KARDAMAKIS: Ich will ehrlich sein. Ich habe mich auch gefragt, ob Varoufakis jetzt als Finanzminister wirklich dem Land dienen will, oder ob er auf diesem Weg nur bekannt werden möchte, damit dem Wirtschaftsprofessor später noch mehrere Türen offenstehen. Ich bete, dass er zuerst an Griechenland denkt.

Der deutsche Nationalökonom Max Weber nannte drei Qualitäten, die ein guter Politiker haben muss: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, Augenmaß. Sehen Sie das bei der neuen Regierung?

KARDAMAKIS: Ich hoffe es. Bei jedem Menschen, der an die Macht kommt, besteht die Gefahr, dass er sich im Machtrausch verliert, wenn er auf keinem stabilen charakterlichen Fundament steht. Diese Gefahr gilt übrigens auch bei Priestern oder Bischöfen, denn auch wir sind nicht immer frei vom Glauben, das Zentrum der Welt zu sein. Aber das Zentrum für unsereinen ist Christus, und für einen Politiker sollte es die Bevölkerung sein.

Kirche und Staat waren in Griechenland immer stark verwoben, was auch Kritik hervorruft.

KARDAMAKIS: Auch ich gehöre zu den Kritikern. Ich bin dafür, dass es eine gute Beziehung zwischen Kirche und Staat gibt, aber keine Beziehung wie bisher, in der der Staat der Chef der Kirche ist, alles entscheidet und auch noch der gute Polizist ist, der die Kirche beschützt. Besonders schlecht finde ich, dass wir als Geistliche und Kleriker unter dem Schutz des griechischen Staates Teil der Administration sind. Hier in Österreich ist das besser.

Die griechisch-orthodoxen Priester werden vom Staat bezahlt, ist auch deren Gehalt im Laufe der Krise gekürzt worden?

KARDAMAKIS: Natürlich, wir alle bekommen weniger. Das Gehalt der Priester wurde um 30 bis 40 Prozent gekürzt. Dazu kommt das Fünf-für-Eins-Prinzip: Erst wenn fünf Priester in Pension gegangen sind, wird ein neuer eingestellt.

In der griechisch-orthodoxen Kirche gibt es auch Priester mit Familie. Ein Drittel weniger Gehalt wiegt da schon schwer.

KARDAMAKIS: So ist es. In Kreta kenne ich einen Priester, der im Sommer in einem Hotel in der Nähe von Iraklio kellnert, was er eigentlich nicht machen dürfte. Doch der Erzbischof hat es ihm erlaubt, weil er seine Familie sonst nicht ernähren könnte.
Sie sind seit 2011 Metropolit von Österreich, 2014 erhielten sie auch die österreichische Staatsbürgerschaft.

Stehen die Österreicher den Griechen näher als die Deutschen?

KARDAMAKIS: Ja, das denke ich schon. In Österreich habe ich mich sofort zu Hause gefühlt, mehr als in Deutschland, muss ich sagen. Hier wurde ich sofort mit offenen Armen empfangen. Überall gibt es Freunde Griechenlands, und rundum haben mich die Menschen unterstützt, obwohl ich Ausländer war.

Warum ist die Kommunikation zwischen Deutschen und Griechen mitunter schwieriger?

KARDAMAKIS: Weil die Mentalitätsunterschiede wirklich groß sind. Ich glaube, der klassische Deutsche ist jemand, der sehr korrekt auf sein Ziel zusteuert. Oft aber fehlt ihm das Verständnis für den Schwachen, der sein Ideal nicht erreicht. In Griechenland ist die Gastfreundschaft legendär, auch der Fremde wird herzlich aufgenommen. Das Problem des Griechen ist, dass er nicht immer alles so genau nimmt und zwischendurch seinen Realitätssinn verliert. Aber im Grunde wollen beide einen guten Weg finden, und das müsste ja Hoffnung geben.

Und wenn Europa doch die Geduld mit Griechenland verliert?

KARDAMAKIS: Sind wir eine europäische Familie? Dann müssen wir einander helfen. Was wollen wir? Die griechische Bevölkerung strafen, weil die Regierungen schwerwiegende Fehler gemacht haben? Sollen wir auch die Österreicher wegen des Hypo-Skandals bestrafen? Wir Österreicher haben diese Entscheidungen nicht getroffen, aber wir müssen zahlen. Ich auch, weil ich hier lebe. So ist das.

Faktbox (898f8ae4)
Arsenios Kardamakis, geb. am 31. Oktober 1973 in Iraklio, Kreta.
Karriere: Theologiestudium in Athen, Thessaloniki und Straßburg. Priesterweihe 2002. Stationen in Karlsruhe und Paris (Generalvikar der griechisch-orthodoxen Metropolie von Frankreich).
Seit Dezember 2011 Metropolit von Austria und Exarch von Ungarn und Mitteleuropa

Kommentare (19)

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BesenReiter
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Das stimmt, GOTT kommt nicht einmal mehr vor in der EU-Verfassung,

dafür aber Massenfresserei von Antimenschenpille im Megatonenbreich und Skalpell für akademische Gehirnverhinderung im Krankenhaus bei den allerjüngsten Wehrlosen, leider jeden Tag massenweise in der EU! Das 5. christliche Gebot wird mit den Füssen getreten, massenweise jeden Tag in der EU, macht bitte in Gottes Namen endlich Schluß mit der chemischen und chirurgischen Massen-Abmurkserei der allerjüngsten Menschen! Ehrfurcht vor dem LEBEN!

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hermannsteinacher
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Die meisten christlichen Kirchen haben ein anderes 5. Gebot als Katholiken und Lutheraner,

dafür haben diese beiden aus dem letzten der Zehn Gebote gleich zwei Gebote gemacht (aber unterschiedlich!).

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globali
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Frage an Arsenios Kardamakis

WER soll denn Ihrer Meinung nach die entstandenen Schulden zahlen? Oder müssen jetzt alle, bei denen Schulden gemacht wurden, darauf verzichten wieder zu bekommen, was sie verliehen haben?
Vielleicht sollte die Kirche diese ganzen Schulden übernehmen, denn, ich zitiere Sie, "die Kirche hat im Laufe der Geschichte viele Fehler gemacht und auf das Geld gesetzt."

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hermannsteinacher
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Dass Deutschlands Politik

Griechenland gegenüber eine Bestrafungspolitik (war und) ist,
wird als freie Meinungsäußerung wohl noch erlaubt sein.

Übrigens läuft auch Österreich betreffend Hypo Alpe Adria Gefahr, ähnlich negativ behandelt zu werden, Achtung!

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volldampf
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"Europas Weg ist nicht christlich"

Was hat das ganze Kramisurium mit christlich zu tun ?

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bettn
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keiner sieht das große Ganze

meine Damen & Herren, das ist doch alles völlig belanglos. Es wird gestritten, wie man Details ändert IN EINEM FINANZSYSTEM DAS PER SE NICHT FUNKTIONIEREN KANN!!
Googelt mal nach 'Fehler im Finanzsystem' oder lest euch den Plan B auf wissensmanufaktur . net durch.
Doch so lange die Mehrzahl der Leute wegen winzigen Problemen streiten und sich gegeneinander aufbringen lassen, verlieren wir weiter Boden im Krieg Arm gegen Reich ...

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hermannsteinacher
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Evangelium nach Lukas 6, 20 ...

Makarioi hoi ptochoi, hoti hymetera estin he basileia tou theou.
"Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer." (Luther-Übersetzung)

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ChihuahuaWelpe55
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Wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. Mt (Bergpredigt)

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hermannsteinacher
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Nicht aus der Bergpredigt

sondern aus Mt 23,12 -
dort aber unpassend zum Vers zuvor
23,11 "Der Größte unter euch soll euer Diener sein." (Nach dem ausdrücklichen Verbot Jesu, Titel wie 'Vater' und 'Meister' zu gebrauchen).

Man beachte aber Lukas 6,34-35
mit der Aussage Jesu
" ... Verleiht (Geld), ohne etwas zurückzuerhoffen! ..."

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HeinrichV
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"Europas Weg ist nicht christlich ?" Etwa der von Griechenland ? Wie kann man als Kleriker nur so Hirn-verbrannt sein !

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schneealpe
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der Herr Metropolit hat leider eine Kleinigkeit übersehen oder nicht erwähnenswert empfunden --- in Griechenland ist die griechisch-orthodoxe Kirche steuerbefreit!!! ein vor etwa 1 Woche in ARTE gebrachter Beitrag schätzt das Vermögen der griechischen Kirche auf mindestens 3 -4 Mrd Euro steuerfrei, im Einklang mit den Reedern!
Allein in Athen ist lt.ARTE mehr als 1/3 an Realien im Besitz der Kirche

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Konstantin71
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Ja,

aber in Griechenland gibt es keine Kirchenbeiträge ... und überhaupt schauen sie sich an was die katholische Kirche an Geld gebunkert hat ... Vatikanbank ...usw

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EdinaMonsoon
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Wo ist da der Unterschied zu den Katholen? Die greifen sogar ganz tief in den österreichischen Steuertopt und Vermögen haben sie auch. Und es gibt tatsächlich noch Menschen, die dem Grinse-Jesuiten-Papst sein scheinheiliges Gebabbel abkaufen.

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schneealpe
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@Edina ... richtig absolut kein Unterschied , der von mir zitierte Bericht war von den griechischen Gegebenheiten , daher nur diese Erwähnungen !

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alfons3
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Kleriker aller Religionen...

haltet euch zurück.
Die katholische Kirche z.B. verfügt Kirchensteuer nach völlig überzogenen weil falsch bemessenen oder geschätzten Jahreseinkommen.
Die sind für derartige Aussagen entweder zu unbedarft oder machen das absichtlich.
Man kann (jedenfalls) der katholischen Kirche nicht trauen.

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Roland222
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Roland222

Völlig recht hat der Metropolit von Griechenland
Auch wir in Austria müssen für unsere Polit Versager schwer zahlen,,merkt ja jeder beim neuen Steuer Abzock Packet unserer unfähigen Regierung ,,,
Und wer hat das Geld der Geldgeber erhalten? Die Banken,,und das vor allem die Deutsche Bank und die Franzosen,,aber beim kleinen Mann ist nichts angekommen ,,wie bei uns bei den schuftenden Bürgern,,,

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hermannsteinacher
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Danke für den sehr guten Beitrag,

A. Kardamakis brachte es auf den Punkt.

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fipsal
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Komisch

Geld von den EU Mitgliedsländern wollen andere Länder nehmen, aber nicht zurück zahlen. Die Griechen hätten längst das Steuersystem von Österreich annehmen können, nicht nur drauf schauen dass einige sich an der Wirtschaft bereichern und alle anderen nicht viel haben. In Österreich gibt es auch steigende Armut bei den Menschen und Arbeitslosigkeit. Arbeiten müssen die Menschen schon auch haben, denn kein Glaube ernährt das ganze Volk,aber Menschen sie für Kirche und Staat arbeiten inkl. Bank und Schulwesen schon. Warum sollten die Nettozahler dauerhaft ein Land finanzieren, kei8ne Schulden machen und das Land auf Vordermann bringen,statt zu jammern und nix zu tun.

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Hohenwanger
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Wie viele Irrtümer

hat es schon gegeben?
Es gibt keine Wirtschaftsordnung die von Gott kommt und so gewollt auch wird.

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