Katalonien-Referendum"Wir zählen Verletzte, keine Wahlbeteiligung"

Katalanische Regionalregierung spricht bereits von mehr als 800 Verletzten durch die Polizei.

SPAIN-CATALONIA-POLITICS-REFERENDUM
Das von der Regionalregierung von Carles Puigdemont ausgerufene "verbindliche Referendum" wurde trotz eines Verbotes des Verfassungsgerichts und gegen den Willen der spanischen Zentralregierung in Madrid abgehalten © APA/AFP/JOSE JORDAN
 

 Albert Pujol ist empört, verärgert. Er wollte am Sonntag gerade zusammen mit seiner Frau und der kleinen Tochter in der Pau Romeva Schule in Barcelona beim katalanischen Unabhängigkeitsreferendum wählen, als die spanische Nationalpolizei kam. "Die Beamten wollten die Wahlurnen konfiszieren, wir stellten uns ihnen in den Weg, jedoch ohne irgendetwas zu machen", sagt der 34-jährige Sozialarbeiter.

Dann ging alles ganz schnell. "Sie holten ihre Schlagstöcke raus und schlugen wie Tiere einfach auf uns ein. Die rasteten total aus. Dabei waren wir in der Mehrheit Familien, ältere Menschen", versicherte Pujol der APA. Ein älterer Mann soll von einem Gummigeschoß erwischt, eine andere Frau von der Ambulanz ins Krankenhaus gebracht worden sein. Sie erlitt einen Nervenzusammenbruch.

>> Lokalaugenschein aus Barcelona: Die Ereignisse des "Bloody Sunday" zum Nachlesen

"Es sind hier doch keine Anarchisten-Gruppen, die Krawall machen. Hier geben ganz normale Bürger lediglich ihre Stimme beim Urnengang ab", sagt Pujol immer noch ganz aufgeregt. Er zeigt Twitter-Videos von den Gewaltexzessen der spanischen Polizei und eine Twitter-Nachricht von Martin Schulz, in welcher der deutsche SPD-Vorsitzende seine Sorge über die Gewaltausbrüche äußert und Madrid wie Barcelona zur sofortigen Aufnahme von Dialog und Gesprächen auffordert.

Zahl der Verletzten stieg

Nach dem gewaltsamen Vorgehen der Polizei gegen Wähler und Demonstranten in Katalonien ist die Zahl der Verletzten am späten Abend weiter gestiegen. Nach Angaben des katalanischen Gesundheitsministeriums mussten sich 844 Bürger während des Referendums über die Unabhängigkeit der Region medizinisch behandeln lassen. Die meisten Menschen wurden demnach in der Hauptstadt Barcelona verletzt.

Auch mehr als 30 Polizisten sind verletzt worden. 33 staatliche Einsatzkräfte hätten medizinisch behandelt werden müssen, twitterte das spanische Innenministerium in Madrid am Sonntagabend. Polizisten seien auch Ziel von Gewalt gewesen.

In diesem Moment schickt ihm ein Freund per WhatsApp ein neues Handy-Video. Die Aufnahmen sind erschütternd. Die katalanische Regionalpolizei Mosso d'Esquadra postiert sich in einem Wahllokal, um sie vor den Anti-Demo-Einheiten der spanischen Nationalpolizei zu schützten. Danach umarmen einige Bürger einen der Mosso, der in Tränen ausbricht.

Katalonien-Referendum: Mit dem Schlagstock gegen die Unabhängigkeit

Polizei in schwerer Ausrüstung, die auf friedliche Bürger losgeht - so etwas sieht man in Europa heutzutage selten.

(c) APA/AFP/RAYMOND ROIG (RAYMOND ROIG)

In Katalonien wurde das beängstigende Szenario Wirklichkeit. Grund: Die Bürger wollten unbedingt ein Referendum abhalten. Spanien ist im Schockzustand. Redakteurin Manuela Swoboda berichtet live aus Barcelona.

(c) APA/AFP/RAYMOND ROIG (RAYMOND ROIG)

Um neun Uhr morgens beginnt der Einsatz der "Guardia Civil". Vor mehreren Wahllokalen gehen die Beamten rabiat auf Bürger los, treten sie, reißen sie an den Haaren und schleifen sie über den Boden. Später sollen vereinzelt auch Gummigeschosse und Schlagstöcke eingesetzt worden sein ...

(c) APA/AFP/RAYMOND ROIG (RAYMOND ROIG)

... alles, um das von der Justiz und von der Zentralregierung in Madrid verbotene Unabhängigkeitsreferendum in der aufmüpfigen Region zu blockieren.

(c) APA/AFP/PAU BARRENA (PAU BARRENA)

Das Spiel FC Barcelona gegen Las Palmas findet ohne Zuschauer statt. Das gab der katalanische Club wenige Minuten vor dem Anpfiff um 16.15 Uhr bekannt. Gleichzeitig verurteilte der Tabellenführer der spanischen Liga, dass Menschen in Katalonien an ihrem demokratischen Recht auf freie Meinungsäußerung gehindert wurden. Zuerst hatte es geheißen, dass alle Spiele in Katalonien abgesagt werden.

(c) APA/AFP/JOSE JORDAN (JOSE JORDAN)

Die Regierung Kataloniens führt am heutigen Sonntag ein "verbindliches Referendum" über die Abspaltung der Region von Spanien durch.

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Die Menschen gehen zu Hunderttausenden auf die Straßen - unabhängig davon, ob die Wahllokale geöffnet werden oder nicht, denn die spanische Zentralregierung in Madrid versucht, die Abstimmung mit allen Mitteln zu verhindern.

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Am frühen Morgen hatten sich in mehreren Städten bereits hunderte Menschen vor den Wahllokalen versammelt, um der Polizei den Zutritt zu versperren.

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Jede Stimmabgabe wird gefeiert.

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Die Befürworter des Referendums rechnen mit der Beteiligung Zehntausender, obwohl die Polizei die Abstimmung unterbinden soll.

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Rund 760 Verletzte soll es nach Angaben der separatistischen Regionalregierung bereits geben. Kataloniens Ministerpräsident Carles Puigdemont hat gegen den Willen und entgegen des Verbots des spanischen Verfassungsgerichts das illegale Unabhängigkeitsreferendum durchführen lassen. Madrid schickte 10.000 Polizeibeamte aus ganz Spanien in die Region, um die Durchführung des illegalen Referendums notfalls mit Polizeieinsätzen zu verhindern, nachdem klar wurde, dass die Regionalpolizei nicht mit Vehemenz gegen die Wähler vorgehen werde.

Dass es so ausarten würde, hätte aber niemand gedacht, versichert Albert Pujol: "Wir befinden uns hier doch nicht in irgendeiner Bananenrepublik oder einer Militärdiktatur, sondern in einem EU-Mitgliedsstaat. Eigentlich berichten die Medien hier bei einem Wahltag über Wahlbeteiligung und abgegebene Stimmen. Doch heute berichten sie nur über die Zahl der Verletzten".

Erinnerungen an Diktatur Francos werden wach

Raquel und Juan, ein junges Pärchen aus dem Stadtviertel Sants, ist beunruhigt. "Auch wir haben natürlich die Bilder aus anderen Wahllokalen gesehen und machen uns Sorgen, dass man auch uns zusammenschlagen könnten, sollte hier jetzt die Nationalpolizei vorbeikommen", sagt Raquel. Das Pärchen gab am Sonntag seine Stimme in der Les Corts-Schule neben dem Camp Nou Stadion des FC Barcelona ab, wo das Liga-Spiel gegen Las Palmas "aus Protest" auf die Polizeigewalt ohne Zuschauer stattfand.

In der Schule Escola Industrial kam die Polizei noch nicht vorbei. "Aber wir rechnen damit, dass sie dies später tun wird, um eventuell die Wahlurnen zu konfiszieren", meint Lara, eine 25-jährige Studentin. Fast 500 Schüler und Studenten sitzen auf dem Schulhof und jubeln denjenigen zu, die nach der Wahl wieder aus dem Gebäude kommen. Pedro Gomez, ein älterer Herr im Rollstuhl, bricht in Tränen aus. "Jahrzehnte musste ich auf diesen Moment warten. Endlich konnte ich abstimmen". Erst ist aber auch betrübt. "Was hier heute passiert, erinnert mich stark daran, wie damals Diktator Franco gegen uns Katalanen vorgegangen ist".

Kommentare (1)

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hermannsteinacher
0
6
Lesenswert?

Auch der König ...

... scheint zu versagen.

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