Sie kennen Istanbul so gut, wie Sie Athen kennen, Sie sind dort aufgewachsen und immer wieder dort: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?


Petros Markaris: Ich bin sehr pessimistisch. Meine türkischen Freunde sagen mir: „Petros, wir wissen nicht, ob wir morgen noch nach Hause gehen können oder eingesperrt werden.“


Seit dem Putschversuch herrscht Ausnahmezustand, Präsident Erdogan kann per Dekret regieren, wie er will. Ist die Türkei ein Willkür-Staat?


MARKARIS: Die Türkei ist momentan ein Staat, in dem nur der Wille eines Einzigen gilt, jener des Staatschefs. Dazu kommt, dass es keine echte Opposition gibt.


Haben Sie ein Unbehagen, wenn Sie durch die Straßen von Istanbul gehen?


MARKARIS: Nein, das habe ich nicht. Die Straßen sind ruhig. Die einfachen Leute in der Türkei, jene Menschen, die mit der Politik nichts zu tun haben, die haben auch keine Angst.


Aus Fatalismus?


MARKARIS: Abgesehen von einer kleinen Minderheit, ist das Demokratieverständnis, auch das Gefühl für Menschenrechte, nicht wirklich im Bewusstsein der türkischen Bevölkerung verankert. Das darf man nicht übersehen. Natürlich gibt es aber eine Minderheit, die sich gegen die Willkür Erdogans wehren möchte. Doch außer in Istanbul, Ankara oder Izmir ist die Mehrheit der Türken, und nicht nur in Anatolien, sehr einverstanden mit Erdogan.


Wie schätzen Sie das mögliche Einfrieren der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei ein?


MARKARIS: Es gibt keine einfache Antwort darauf. Ich kann Straßburg verstehen, wenn die Parlamentarier dort sagen: Jetzt ist es genug, wir ziehen einen Strich! Andererseits: Wenn Europa jetzt die Tür zumacht, dann lässt man jene Türken im Stich, die sich gegen Erdogans Regime stellen. Ich habe in Griechenland die Jahre der Militärdiktatur erlebt: Ich kann mich noch gut erinnern, dass es damals viele internationale Autoren gab, die Protest einlegen wollten, indem sie Griechenland fernblieben. Aber für uns, die wir gegen die Junta waren, war das schlimm. Wir waren alleingelassen, hätten aber viel Unterstützung gebraucht.


Sie haben den weiten Blick eines Menschen, der viel gesehen hat, und nicht nur Schönes: Wie ist Ihre Einschätzung über den Zustand der Welt, nicht zuletzt nach der Wahl von Trump?


MARKARIS: Ich habe eine Riesenangst. Ich fürchte, wir werden noch in finsteren Zeiten leben. Ich werde in zwei Monaten 80 und ich muss sagen, ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich die Welt in einer so prekären Lage noch einmal erleben würde. Was sich noch in Amerika abspielen wird, was Europa noch bevorsteht! Das ist nicht nur besorgniserregend, das ist erschreckend.

Wer oder was ist schuld?


MARKARIS: Wir haben es selbst verschuldet, dass es soweit gekommen ist, weil wir die negativen Seiten der Globalisierung nie in Betracht gezogen haben. Wir sind darüber hinweggegangen, dass es einem großen Teil der Menschen nicht gut geht. Und diese Menschen warten nur darauf, eine Stimme zu bekommen. Für jene Amerikaner, die draußen vor der Tür stehen, ist das Donald Trump. Für Menschen in Anatolien ist es Erdogan.


Aber wieso driften die Menschen so oft nach rechts, wenn sie protestieren wollen?


MARKARIS: Was wir erleben, ist der Zusammenbruch der Systemparteien in Europa. Sie haben versagt und liegen auf dem Boden. Die Favoriten sind die Anti-System-Parteien. Nicht nur die Rechten. Beppe Grillos Partei in Italien ist nicht rechts, aber sie ist gegen das System. Und jetzt wollen sich die Menschen rächen. Es geht nicht um Vernunft, es geht um Rache. Und das ist das Schlimmste, was passieren kann.


Gibt es nichts, was Sie optimistisch stimmt?


MARKARIS: Ich weiß aus Erfahrung, dass der Mensch irgendwann sagt: Das darf aber nicht sein! So ist es immer gewesen in der Geschichte der Menschheit, so wird es auch diesmal sein. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen diese Kraft und den Mut nicht verloren haben. Aber momentan sind sie verloren und suchen ihr Heil im Populismus - und sie wissen nicht, in welches Elend, in welches Leid der Populismus führt.