Springe zu: Inhalt | Hauptnavigation | Seitenleiste | Fußzeile
19. Mai 2013 23:28 Uhr | Als Startseite
Neu registrieren
 
Zuletzt aktualisiert: 19.11.2011 um 05:10 UhrKommentare

"Die Jugend kann eine Welt ohne Armut erreichen"

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus über den von Missbrauch und Erschöpfung bedrohten Planeten Erde und Visionen für 2030.

Foto ©

In Ihrem Buch "Social Business – Von der Vision zur Tat" – notieren Sie Wünsche für das Jahr 2030. Eine Welt ohne Hunger, ohne vermeidbare Krankheiten, ohne Analphabetismus. 2030 wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen angewachsen sein. Trauen Sie dieser dann auch gößeren Summe an Intelligenz zu, diese globalen Probleme zu lösen?

MUHAMMAD YUNUS: Zunächst hoffe ich, dass es 2030 nicht zehn Milliarden Menschen sein werden, obwohl alles Verrückte getan wurde, dass in den letzten zwölf Jahren eine Milliarde Menschen hinzugekommen ist. Wenn nicht einmal jetzt faire Lebensqualität für die Menschen geschaffen werden kann, wie soll sie für zehn Milliarden geschaffen werden? Wenn wir alles missbrauchen, haben wir einen erschöpften, leeren Planeten. Dann müssen wir uns einen anderen Planeten suchen, aber das ist keine menschliche Logik. Nur wenn wir nachhaltig für einen sicheren und gesunden Planeten sorgen, können wir gesund auf diesem leben. Wir müssen dem Planeten mehr geben, als wir von ihm nehmen, um das Überleben zu sichern. Die menschliche Kreativität kann das schaffen, vor allem die Jugend.

Was ist die Aufgabe der Jugend?

YUNUS: Wir habe uns Millenniumsziele bis 2015 gesetzt, um die Armut zu halbieren. Es wird die Aufgabe der nächsten Generation, eine neue Zivilisation zu schaffen Die Jugend kann eine Welt ohne Armut und ohne Arbeitslosigkeit errichen. Die jungen Menschen heute sind viel stärker als junge Generationen in allen Zeitaltern zuvor und sie können diesen Neubeginn kreieren und neue Millenniumsziele setzen.

Doch ist nicht gerade die Jugend in weiten Teilen der Welt von Arbeitslosigkeit und damit Hoffnungslosigkeit heimgesucht?

YUNUS: Jugendarbeitslosigkeit ist die größte Verschwendung menschlicher Kraft. Die Jungen fragen zu Recht: Welche Gesellschaft habt ihr gemacht, dass ich meine Potenziale nicht entfalten kann? Ich bin hier mit all meiner Energie und Kreativität und warum bleibt es mir versperrt, sie anzuwenden? Die Jugend muss selbst Leadership übernehmen, um die Arbeitslosigkeit zu verbannen. Die Jungen müssen den Neubeginn zu einer anderen Zivilisation setzen.

Blicken wir nach Darfur oder Somalia auf Hunger und Gewalt – dürfen wir da nicht erst auf 2030 warten und benötigen wir nicht ganz dringend eine Task Force?

YUNUS: Ich halte nichts von einer Task Force, weil damit meist eine Talkshow von Regierungen oder internationalen Agenturen gemeint ist, wo viel geredet wird. Viel besser sind Gruppen von Aktivisten die sagen: Machen wir es! Das können wir beide sein oder viele andere. Wir brauchen nicht die ganze Welt, bevor wir selbst es tun. Eine Person kann Dinge rund um die Welt ändern, jeder hat diese Fähigkeit. Also warum nicht Social-Business-Projekte sogleich beginnen in Somalia? Wir müssen nicht gleich das Problem in ganz Somalia lösen.

Armut hat viele Dimensionen, nicht nur Hunger, Krankheit, devastierte Lebensumstände. Armut hat eine Dimension, die die ganze Persönlichkeit erfasst, das ist die Erniedrigung. Sie nennen deshalb Arme "Bonsai-Menschen".

YUNUS: Ja, sie haben die Kapazität in sich, groß zu wachsen, aber das System, die Gesellschaft, engt sie ein. Von der Zivilisation, die wir geschaffen haben, verlange ich nicht mehr, als dass sie diese inhumanen Sperren aufhebt.

Sie begannen den Kampf gegen Armut vor über 35 Jahren mit der Gründung der Grameen Bank, was übersetzt Dorfbank heißt. Von den acht Millionen Kleinkreditnehmern in Bangladesch sind 97 Prozent Frauen. Warum sind Frauen bei diesem Feldzug effizienter?

YUNUS: Zuerst wollten wir das Banksystem in Bangladesch umdrehen, bei dem nicht einmal ein Prozent der Kreditnehmer Frauen waren. Wir sahen dann, dass Geld, das über die Frauen zu den Familien kommt, viel mehr brachte. Sie sind sorgsamer mit dem Geld und schauen, dass es direkter den Kindern nützt. Und die Frauen wollen so viel wie möglich herausholen. Männer nehmen das leichter. Als die Mikrokredite den Zug um die Welt antraten, wurden sie zum Synoym für Frauenkredite.

Ist das System, dass mit einem Unternehmen Ertrag anstrebt, aber keinen Profit herauszieht, mit dem Kapitalismus kompatibel?

YUNUS: Social Business ist nicht auf die Dritte Welt beschränkt. Wir haben inzwischen sogar vier Filialen in New York. Es gibt Programme auch in Deutschland und in Österreich, zum Beispiel mit der Erste Group. Es gibt hier Arbeitslose, alleinstehende Mütter, betagte Menschen, für die jeder Social Business kreieren kann. Es geht nur darum, das soziale Problem zu erkennen.

Derzeit tröpfeln weltweit 130 Milliarden Dollar in die Entwicklungshilfe, das sind magere 0,3 Prozent der Bruttonationalprodukte der Staaten, die vom Ziel 0,7 Prozent weit entfernt sind. Sollte mehr in Social Business fließen?

YUNUS: So viel wie möglich! Aber schrittwiese. Gibt man zehn Prozent davon von jedem Land in Social Business Fonds und nutzt sie, kreative Geschäfte zu finanzieren, löst man Probleme. Das ist viel besser, als wenn man Regierungen einen Entwicklungshilfescheck in die Hand drückt, wo es oft viel Korruption gibt.

Manche Großprojekte mit europäischen Firmen wie dem Joghurterzeuger Danone oder Adidas stießen auf Probleme in der Abwicklung oder erlitten Aufschub.

YUNUS: Jedes der Projekte ist aufregend und schwierig, manche sind verrückt und absurd. Aber wenn es funktioniert, öffnen wir neue Türen. Als wir mit Grameen Phone begannen, gaben wir in jedem Dorf einer Frau ein Telefon, mit dem alle telefonieren konnten. Heute hat jeder in Bangladesch ein Telefon. Mit BASF machen wir ein Projekt zur Bekämpfung von Malaria, mit Violia für sauberes Wasser. Social Business dient auch der Gesundheit.

Wie hat der Friedensnobelpreis, der Ihnen und der Grameen Bank 2006 verliehen wurde, das Bewussstein für Social Business gestärkt?

YUNUS: Der Friedensobelpreis bringt Glaubwürdigkeit und globale Aufmerksamkeit. Das Gleiche, was man vorher sagte, klingt noch weiser. Ich kann es jetzt leichter promoten. Als Sie danach andeuteten in die Politik zu gehen, wurden Sie von Premierminister Shaik Asina als Chef der Grameen Bank entlassen – mit dem Argument, dass Sie schon 70 sind, aber in Bangladesch 60 die Pensionsgrenze ist.

Fürchten Sie nun um Ihr Lebenswerk?

YUNUS: Es passierte nicht sehr freundlich und die Art, wie man verfuhr, erzeugte Probleme. Die Frage ist, was passiert nun mit der Grameen Bank. Es ist die einzige Bank, die armen Leuten gehört, genauer, armen Frauen vom Land. Diese Institution darf nicht vom Staat angegriffen werden.


Fakten

Muhammad Yunus studierte in den USA und lehrte als Professor für Ökonomie in seinem Heimatland Bangladesch. Die Hungersnot 1974 veranlasste ihn, seinen Beruf als Hochschullehrer aufzugeben und er begann mit Mikrokrediten den Ärmsten Chancen zu geben. Er gründete die Grameen Bank, die 2006 mit ihm den Friedensnobelpreis erhielt.

VIS!ON November 2011

 

VIS!ON September 2011

Aktuell und hintergründig präsentiert sich das Kleine Zeitung-Wirtschaftsmagazin "VIS!ON". Die Top-Themen im September: Wie sicher ist der Euro? Großes High-Tech-Special. Und: Bio-Kosmetik als Wachstumsmarkt.



VIS!ON März 2011

 

VIS!ON von Oktober 2010 durchblättern

 

VIS!ON von Juni 2010 durchblättern

 

VIS!ON von März 2010 durchblättern

KK
 

KLEINE.tv

Tourismus: Kärnten will Wertschöpfung erhöhen

Die Tourismusverantwortlichen in Kärnten ziehen eine positive Bilanz des...Bewertet mit 4 Sternen

 

Wirtschaftsblog

Roman Huber - Foto: Jürgen Fuchs

Kommentiert: Trends und News aus Wirtschaft und Hochfinanz.

 


Seitenübersicht

Zum Seitenanfang