Interview: "Begegnung statt Tischleichen"
Microsoft Österreich-Chefin Petra Jenner über die neue Welt der Arbeit, IT-fähige Schulen und die ehrgeizigen Ziele des Unternehmens von Smartphones bis Cloudcomputing

Foto © APAPetra Jenner, Microsoft Österreich
In Ihrer Heimat Deutschland erwägen Bundesländer den Schulunterricht für Schreibschrift abzuschaffen. Raten Sie Unterrichtsministerin Claudia Schmied, dass auch in Österreich nur noch die Computertastatur gelehrt wird?
PETRA JENNER: In Zeiten, in denen der Computer jeden permanent begleitet, ist es gut, wenn man das Zehn-Finger-System kann. Ich schlage aber eine gute Mixtur mit der Schreibschrift vor. Man braucht beides.
Muss man für die neuen Kulturtechniken, die uns Bill Gates & Co. beschert haben, alte Kulturtechniken über Bord werfen?
JENNER: Nein, die Jugend sollte auf alles vorbereitet sein. Es nützt auch das Zehn-Finger-System gar nichts, wenn man mit Touchscreens arbeitet. Bill Gates sagt: "Die wichtigte Institution für die Gesellschaft ist neben der Familie die Schule."
Ist sie auf die rasenden Innovationen bei elektronischen Geräten gerüstet?
JENNER: Nein, überhaupt nicht. Wie heute Lehrinhalte vermittelt werden, entspricht vielfach dem Niveau von vor vielen Jahren. Wir brauchen neue Lehrmethoden. Wir haben bei Microsoft Programme, mit denen wir weltweit Lehrer über Best Practices informieren.
Wir brauchen auch neue Lehrer?
JENNER: Nein, allerdings muss die technische Ausstattung an den Schulen optimiert werden. Da haben viele Nachholbedarf. Was mich wirklich tangiert, ist mitanzusehen, dass das Bildungsministerium nachwievor so viel Geld für Lehrbücher ausgibt, was man sehr viel preiswerter digital haben könnte – auch im Sinne der Update-Fähigkeit. Das ist nicht zeitgemäß. Eine Kulturtechnik unserer Zeit ist das Bedienen von Smartphones.
Ihr neues Windows Phone 7 kommt als Betriebssystem in Handys wie dem HTC7 Mozart daher – mit Kulturmascherl?
JENNER: Nein. Wir wollen mit allen Herstellern kooperieren, um unser System einer Vielfalt von Modellen zur Verfügung zu stellen – mit normaler Tastatur ebenso wie mit Touchscreen. Analysten sagen, es geht in Richtung Touch, ich sehe viele Businessleute, die lieber den Blackberry haben.
Welchen Erfolg mit Windows 7 Phones wünschen Sie sich heuer zum 20-Jahr-Jubiläum Microsofts in Österreich?
JENNER: Die Kooperation mit Nokia wird dazu beitragen, dass wir unsere Marktanteile von derzeit vier bis sechs Prozent in Österreich in den nächsten 18 Monaten verdoppeln können. Dabei ist Österreich ein hart umkämpfter Markt, es hat die höchste Smartphone-Dichte Europas.
Wo Leute wie Karl-Heinz Grasser mit acht SIM-Karten telefonieren, ist das kein Wunder. Woran liegt es noch?
JENNER: Ich denke, es existiert hier eine gewisse technologische Affinität. Von neu verkauften Mobiltelefonen in Österreich sind 50 Prozent Smartphones.
Wann will Microsoft Nokia ganz übernehmen?
JENNER: Mir ist kein Plan bekannt, dass das beabsichtigt wäre. Für uns ist es eine extrem wertvolle Kooperation für die Mobilephone-Vielfalt. Ende 2011/Anfang 2012 werden wir die Produkte mit den Diensten auch in Österreich haben.
Wie schnell kann Ihr künftiges Betriebssystem Windows 8 einmal Windows XP ablösen?
JENNER: Zu Windows 8 wird es demnächst interessante Ankündigungen geben. Derzeit hat Windows 7 nach Windows XP einen extrem guten Verkaufserfolg. Die Zukunft zielt darauf ab, dass die Nutzer ein durchgängiges Erscheinungsbild haben, egal ob sie ein Notebook, Tablet oder Smartphone benutzen. Windows 8 wird den Anwender unabhängig machen vom Device (Gerät) sowie neue Devices ermöglichen, die heute vielleicht noch gar nicht angedacht sind.
Wie lange kaufe ich Software noch im Geschäft in einer Schachtel wie ein Frühstücksmüsli?
JENNER: Solange die Anwender das haben wollen. Sie können sich die Software aber auch herunterladen.
Hat Microsoft diesen Markt, im Vergleich zum AppStore, verschlafen?
JENNER: Nein, das ist ein anderes Konzept. Wir haben unseren eigenen Market Place, da können auch unsere Kunden eigene Apps kostenlos hineinstellen. Sie können Musik, Spiele herunterladen. Vielleicht haben wir es nicht so elegant vermarktet.
Statt Festplatte kommt Cloudcomputing. Wie läuft da Ihr Projekt gemeinsam mit A1?
JENNER: Cloudcomputing ist eine der wichtigsten strategischen Ausrichtungen von Microsoft für die nächsten Jahre. Wir investieren dort 70 Prozent unserer Entwicklungskapazitäten. Die Cloud ist wichtig für dezentrale und kleine oder mittlere Unternehmen, die IT-Kosten gering halten wollen. Die Finanzbuchhaltung möchte man vielleicht nicht aus der Cloud beziehen, viele andere Dienste, die weniger vertraulich sind, schon. Wir gehen davon aus, dass 40 bis 50 Prozent unserer Zukunftseinnahmen durch die Cloud kommen. Das kann zwei Jahre dauern oder auch fünf, aber der Bedarf ist da. Viele E-Mail-Systeme sind heute schon lauter Cloud-Dienste.
In Österreich suchen Sie verzweifelt IT-Leute. Ihr Appell an den neuen Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle?
JENNER: Man muss Informatik forcieren, auch für Frauen. Wir haben nicht genügend Informatik- Studenten, die vielleicht auch ein, zwei Jahre Berufserfahrung mitbringen. Wirtschaft und Wissenschaft müssen stärker verlinkt werden.
Dabei müssten Sie massiven Zulauf haben. Microsoft wurde heuer "bester Arbeitgeber Österreichs".
JENNER: Wir achten seit vielen Jahren darauf, ein Umfeld zu schaffen, in dem man gerne arbeitet, mit Karrierechancen, flexiblen Zeiten. Das ist Chefsache.
Vier Millionen Euro investieren Sie in ein neues Headquarter für eine neue Welt der Arbeit. Wie ist die?
JENNER: Die Mitarbeiter entwickelten das Konzept selbst. Wir hatten Tischleichen, die Mitarbeiter saßen in der Kantine. Jetzt haben wir 50 Prozent mehr Meetingräume, die inspirierend sind, auch für unsere Kunden. Es sind Stätten der Begegnung.
Bill Gates sagte: "Die größte Gefahr für unser Geschäft ist, dass ein Tüftler etwas erfindet, das die Regeln in unserer Branche völlig verändert." So ein Tüftler könnte auch aus Österreich kommen.
JENNER: Ja, warum nicht? Es gibt hier sehr viel Entwicklungsexzellenz. Wir haben zum Beispiel in Graz Vexcel aquiriert, diese Technologie wird jetzt global eingesetzt und in Graz weiterentwickelt. Mein Traum ist: Was die Franzosen mit dem Technologiepark Sophia Antipolis geschaffen haben, auch in Österreich zu etablieren. Das sollten sich die Politiker einmal anschauen.
















