Ein Staudamm, der alle Dämme brechen lässt
Ein österreichischer Geistlicher kämpft fast 10.000 Kilometer entfernt gegen ein Kraftwerk, an dem ausgerechnet Österreicher mitbauen wollen. Erwin Kräutler, die Geschichte eines außergewöhnlichen Bischofs.

Foto © Erhält demnächst den Alternativennobelpreis: Erwin Kräutler
Der eine Zeitpunkt ist gerade ungünstig. "Sie erreichen mich gerade auf dem Flughafen. In wenigen Minuten hebe ich in ein Gebiet ab, in dem ich dann längere Zeit absolut keinen Handyempfang habe." Der andere Zeitpunkt ist perfekt, wie er sagt. Nämlich jener Zeitpunkt, an dem Bischof Erwin Kräutler heuer der Alternative Nobelpreis verliehen wird. Am 6. Dezember darf der in Vorarlberg geborene Bischof der brasilianischen Diözese Xingu in Stockholm diese international renommierte Auszeichnung der "Right Livehood Foundation" entgegennehmen.
"Für seinen unermüdlichen Einsatz für die Rechte der indigenen Völker, Armen, Kleinbauern und die Umwelt im Amazonas-Gebiet." Der Zeitpunkt der Ehrung ist laut Kräutler deshalb perfekt, weil sie ihm nun "Rückendeckung" in seinem Kampf gegen den Bau des Belomonte-Staudamms gibt. Dieser von der brasilianischen Regierung geplante Staudamm soll der drittgrößte der Welt werden, Strom für umgerechnet 23 Millionen Haushalte liefern und eine Fläche in der Größe des Bodensees überfluten – "und bis zu 30.000 Menschen am Fluss Xingu am Oberlauf des Amazonas den Lebensraum wegnehmen." So ist das kurze Gespräch vor dem Abflug in den Dschungel auch Sinnbild für das jahrzehntelange Wirken des Bischofs, den sie Dom Erwin nennen dürfen. Der Bischof sitzt nicht am Schreibtisch, er ist dort, wo die Menschen sind. Und die brauchen Hilfe, wie er sagt.
Rückendeckung
Dass nun weltweit über seinen Einsatz gegen das Staudamm-Projekt berichtet wird, freut den 71-Jährigen, der selbst nach 45 Jahren in Brasilien seinen alemannischen Sprachkolorit nicht verloren hat, dem Anschein nach noch mehr als der Preis. Sein Mail-Account sei voll mit Glückwünschen und Interviewanfragen aus aller Welt, bei denen Kräutler immer wieder die "Rückendeckung" betont, die ihn spüren lässt: "Ich kämpfe nicht alleine gegen diesen Staudamm." Und dieser Kampf dauert schon lange: Die Pläne gibt es seit 30 Jahren, den Widerstand Kräutlers dagegen auch. Doch erst im vergangenen Jahr kam das Projekt – massiv unterstützt von der brasilianischen Regierung, die Strom für ihre extrem stark wachsende Wirtschaft braucht – in die Gänge. So weit, dass der scheidende Präsident Lula da Silva im April 2010 einem Konsortium grünes Licht für den Bau gegeben hat. "Wir wollen verhindern, dass diese Regierung in die Geschichte eingeht, als die, die am Xingu die Ausrottung der indigenen Völker anordnete", gab sich Kräutler auch damals kämpferisch.
Prominente Helfer
Jetzt hat der geborene Vorarlberger, der seit 1981 Bischof der Diözese Xingu – vier Mal so groß wie Österreich – ist, wieder ein wenig Zeit und Hoffnung dazugewonnen: Derzeit laufen nämlich noch 15 Prozesse gegen das Projekt – und dabei geht es laut Kräutler "nicht um Kleinigkeiten, sondern um die Missachtung verschiedener Verfassungsartikel". Es lohne sich also, weiterzukämpfen. Ein weiteres Problem, das neben Kräutler auch Umweltorganisationen wie Greenpeace oder ECA Watch und nunmehr auch Weltstars wie Filmproduzent James Cameron, das brasilianische Model Gisele Bündchen oder Musiker Sting aufzeigen: Wird der eine Staudamm gebaut, dann dürften alle Dämme brechen, sprich: Es würde nicht bei Belomonte allein bleiben, sondern zu einer Reihe an Folgeprojekten kommen. Weil die volle Leistung aufgrund der unterschiedlichen Wasserstände nur wenige Monate pro Jahr garantiert sei.
Doch der jahrzehntelange Widerstand von Erwin Kräutler ist nicht die einzige "Beteiligung" Österreichs am gigantischen Belomonte-Projekt, das nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China und dem Itaipu-Werk an der Grenze Brasiliens zu Paraguay das drittgrößte Wasserkraftwerk sein würde. Auf der anderen Seite ist es der in Graz ansässige Anlagenbauer Andritz, der im Gespräch mit "Vision" sein Interesse bekräftigte, sich am Bieterprozess zu beteiligen. Andritz will über die Wasserkraft-Tochter VA Hydro Know-how und Teile nach Brasilien exportieren. "Da sieht man nur das Geschäft. Und das will offenbar niemand auslassen", kritisierte Kräutler jüngst die Andritz AG in der "Kirchenzeitung". Mittlerweile erhebt denn auch Österreichs Kirchenführung die Stimme gegen Belomonte und stärkt Kräutler den Rücken. So wandte sich Kardinal Christoph Schönborn an Außenminister Michael Spindelegger, "alles Mögliche seitens der Republik und der EU zu tun, um Brasiliens Regierung von dem Vorhaben abzubringen".
Brasilien-Boom
Apropos Regierung: Am 31. Oktober stimmen die Brasilianer über die Nachfolge Lula da Silvas ab. Doch beide Stichwahl-Kandidaten, sowohl Lulas Wunschnachfolgerin Dilma Rousseff als auch der Konservative Jose Serra, gelten als wirtschaftsliberal. Dass sie das Projekt Belomonte abbrechen, daran glaubt niemand. Zu sehr brauche man den Strom für Aluminiumwerke & Co., zu stark sei die Wirtschaft in den letzten Jahren gewachsen, wird betont. Allein für heuer wurde ein Wachstum von sieben Prozent prognostiziert. Und im Hinblick auf zwei Großereignisse im Land, die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Sommerspiele 2016, erlebt Brasilien einen Boom chinesischen Ausmaßes. 14 Milliarden Euro werden zurzeit in den Bau einer Hochgeschwindigkeitsbahn zwischen Rio de Janeiro und Sao Paolo gesteckt. Auch ist Brasilien mittlerweile zu einem der weltweit wichtigsten Agrarländer aufgestiegen: Das Land ist der größte Exporteur von Kaffee, Orangensaft, Zucker, Geflügel und Rindfleisch. Bloß: Der Großteil der 400.000 Menschen in der Diözese von Erwin Kräutler hat davon nicht viel. "Im Gegenteil", wie er sagt. Tausende Kleinbauern werden seit Jahrzehnten durch Großkonzerne verdrängt, kritisiert Kräutler. "Plünderung der Menschen und ihrer Mitwelt", nennt dies der Bischof.
"Der verprügelte Bischof"
Derartige Aussagen gegen das Establishment und der ungebrochene Kämpfergeist Kräutlers stoßen bei den Mächtigen naturgemäß auf wenig Gegenliebe. Seit 1983 nennt man ihn "den verprügelten Bischof" – damals wurde er wegen seiner Teilnahme an einer Solidaritätsaktion festgenommen und misshandelt. 1987 wurde er bei einem Mordanschlag schwer verletzt. Ein Lkw hatte frontal sein Auto gerammt. Und seit der Ermordung von "Schwester Dorothy", einer Ordensfrau, die jahrzehntelang mit Kräutler gegen Unterdrückung kämpfte, steht Kräutler nun seit vier Jahren ständig unter Polizeischutz. Ein Leben in ständiger Angst? "Ich vertraue dem lieben Gott", sagt Dom Erwin. Außerdem: Der Alternative Nobelpreis würde seinen Schutz erhöhen, glaubt er, weil seine Person und seine Anliegen nun auf der ganzen Welt bekannter seien. So gesehen kommt der Preis wirklich zum perfekten Zeitpunkt.
Features
Staudamm-Fakten
11.000 Megawatt Strom sollen in diesem Kraftwerk erzeugt werden.
23.000.000 Haushalte (in Worten: dreiundzwanzig Millionen) sollen durch den Kraftwerksbau mit Strom versorgt werden.
7,5 Milliarden Euro will Brasilien für das Kraftwerk, das nach ersten Plänen schon 2015 eröffnet werden soll, investieren.
Zur Person
Erwin Kräutler wurde am 12. Juli 1939 in Knoblach, Vorarlberg, geboren. Von der Theologie der Befreiung geprägt. Kräutler trat nach der Matura in die Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut ein. Priesterweihe am 3. Juli 1965. Im selben Jahr ging Kräutler als Missionar ins brasilianische Amazonas-Gebiet. 1981 wurde Kräutler zum Bischof geweiht und trat in der brasilianischen Diözese Xingu die Nachfolge seines Onkels Erich Kräutler an. Im September 2010 wurde bekannt, dass Kräutler für seinen Einsatz für Menschen und Umwelt im Amazonas-Gebiet den Alternativen Nobelpreis erhält.
















