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Zuletzt aktualisiert: 07.08.2012 um 20:38 UhrKommentare

Italien macht Urlaub daheim

Einst eine Schande für jeden Mailänder oder Römer: die Ferien auf Balkonien. Wegen der Rezession bleiben viele Städter lieber in den eigenen Wänden und gehen Shoppen statt zum Strand.

"Mangels Urlaub geschlossen" heißt es an Italiens Stränden - "Wegen Krise geöffnet" heißt es dafür in den Städten

Foto © APA"Mangels Urlaub geschlossen" heißt es an Italiens Stränden - "Wegen Krise geöffnet" heißt es dafür in den Städten

Vor Jahren noch galt es als Blamage, wenn nicht gar als Schande. Wer in Italien etwas auf sich hielt, verbrachte den August auf keinen Fall daheim in Rom, Mailand oder Neapel, sondern am Meer. Geschäfte waren wochenlang geschlossen, Apotheken verriegelt, Ärzte lagen am Strand. Seit sich Italien im Würgegriff der Rezession befindet, hat sich das geändert. Trotz Sonnenscheins, Temperaturen über 35 Grad und schweißtreibender Schwüle sind die Metropolen belebt wie im Winter.

Statt "wegen Urlaubs geschlossen" heißt es in zahlreichen Geschäften "wegen Krise geöffnet". "Die Einnahmen sind bei uns stark zurückgegangen und ich muss mein Lokal auch im August offen halten. Im vergangenen Jahr hatte ich mir noch einen zehntägigen Urlaub gegönnt, dieses Jahr muss ich unbedingt arbeiten", berichtete die Inhaberin eines Zeitungskiosks auf der Piazza Vittorio in Rom. In der italienischen Hauptstadt sind 70 Prozent der Geschäfte geöffnet. Die Massenflucht aus den heißen Großstädten an Strände und ins Gebirge hat sich abgeschwächt.

In den Polizei-Notrufzentralen in Rom will nicht die übliche August-Ruhe einkehren. "Es ist nicht mehr zu tun als im Winter, aber auch nicht weniger", stellt eine Mitarbeiterin fest. Meist gehe es in den heißen Tagen um Streitigkeiten zwischen Eheleuten, Handgreiflichkeiten zwischen Nachbarn oder Beschwerden wegen Lärmbelästigung.

Im wichtigsten Ferienmonat August wird nahezu ein Drittel Italiener weniger als im Vorjahr in den Urlaub fahren, teilte der nationale Hotelverband Federalberghi in Rom mit. 51,6 Prozent der Italiener, die nicht verreisen, machen Geldmangel für ihren Verzicht verantwortlich. 76,6 Prozent der Italiener, die sich trotzdem Ferien gönnen, urlauben innerhalb der nationalen Grenzen. Nur 18,5 Prozent reisen ins Ausland, im Vorjahr waren es noch 21,4 Prozent, geht aus einer Federalberghi-Erhebung hervor.

Rabattschlacht

Waren Inseln wie Elba, Capri und Ischia im August voll ausgebucht, so kann man heuer problemlos noch Hotelzimmer und Ferienwohnungen mit Rabatten bekommen. Im Internet florieren Billigangebote. "Das war vor kurzer Zeit noch unvorstellbar", klagen Hotelinhaber in Marciana Marina, einem der exklusivsten Ortschaften auf der Insel Elba.

"Das Signal ist eindeutig. Die Krise belastet vor allem Arbeitnehmer und Angestellte. Es wird für Tourismus weniger ausgegeben, die Reisen werden kürzer", sagt Federalberghi-Chef Bernabo Bocca. Auf den Autobahnen wurde im Zeitraum der vergangenen Woche ein Rückgang von 4,7 Prozent in der Zahl der von den Autos gefahrenen Kilometer gemeldet.

Italiener verreisen nicht mehr scharenweise - und entdecken die Vor- und Nachsaison. "Die Krise hat die Vernunft beflügelt", behaupten Soziologen. Wegen der hohen Spritpreise werden zudem große Distanzen vermieden. Viele Römer machen es sich deshalb auf ihrem Balkon gemütlich.


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