"Wir essen aus der Mülltonne"
In Spanien greifen Arbeitslosigkeit und Armut um sich, betroffen sind oft junge Menschen. Die Armut hat nun auch die Mittelschicht erreicht.

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Die Vorstellung des vornehmen "Königlichen Theaters" in Spaniens Hauptstadt Madrid ist gerade zu Ende gegangen. Die elegant gekleideten Gäste schieben sich aus dem Hauptportal des Opernhauses schräg gegenüber vom Königspalast und verschwinden in der lauen Nacht. Aus einem Nebeneingang zieht ein Küchenhelfer derweil eine graue Mülltonne und lässt sie auf der Straße stehen.
In diesem Moment huscht ein Schatten aus einer Nische, ein älterer Mann, leicht gekrümmte Statur. Er klappt den Deckel der Tonne hoch, versenkt seinen rechten Arm im Müll, zieht Sandwich-Reste und anderes Essbares aus dem Behälter. Ein kurzer prüfender Blick, dann verschwinden die angebissenen Fundstücke in einer weißen Plastiktüte. Minuten später verschluckt die Dunkelheit auch diesen "Operngast". Szenen der Armut, wie man sie in Spanien neuerdings fast überall dort sieht, wo noch Verwertbares weggeworfen wird. Gleich ein Dutzend Menschen warten am Abend, nicht weit von der Oper entfernt, vor dem Lieferantenzugang eines größeren Supermarktes, wo auch die Abfallcontainer des Ladens stehen. "Das ist unser Platz", ruft einer, als sich weitere Bedürftige dazugesellen wollen. "Geht woanders hin." Auch in der Not gibt es eine Hackordnung. Die Armen hoffen, abgelaufene Frischware, die nicht mehr verkauft werden kann, kostenlos zu ergattern.
Kurz nach 22 Uhr dann der ersehnte Augenblick: Angestellte werfen Kisten mit altem Obst, Gemüse, Fleisch und Milchprodukten in die Container. Die wartende Gruppe stürzt auf die Tonnen zu, es gibt bedenkliches Gerangel, jeder greift nach irgendetwas Genießbarem. Überlebenskampf auf den Straßen Madrids. Zwei junge Männer stürzen sich gemeinsam in die Schlacht ums tägliche Essen: Einer kämpft an der Abfallfront, der andere packt die Beute ein. "Wir müssen aus der Mülltonne essen", bekennen die beiden, während sie weitersuchen. Sie wollen aber ihre Namen nicht in der Zeitung sehen. Die meisten spanischen Krisenopfer versuchen, ihre Armut so gut es geht zu verbergen.
Die Armut wächst im EU-Krisenland Spanien, das wegen seiner tiefen Wirtschaftsmisere und horrenden Verschuldung dem Staatsbankrott entgegentreibt. Inzwischen haben annähernd 25 Prozent der aktiven Bevölkerung ihre Arbeit verloren. Fast sechs Millionen Menschen stehen ohne Beschäftigung auf der Straße. In mehr als 1,5 Millionen spanischen Familien sind alle arbeitsfähigen Personen - also Vater, Mutter und erwachsene Kinder - ohne Job.
Generation ohne Zukunft
Ein Arbeitslosendrama, welches auch immer mehr Spanier aus der Mittelschicht in existenzielle Not treibt. Jede vierte spanische Familie lebt inzwischen unter der Armutsgrenze. Vor allem die junge Generation steht ohne Zukunft da: Mehr als 50 Prozent der unter 25-Jährigen sind arbeitslos. Frustpotenzial, aus dem sich Spaniens Protestbewegung ernährt, die "Empörten", die regelmäßig mit Massendemonstrationen auf sich aufmerksam machen.
Die Suppenküchen der Kirchen und sozialen Bewegungen in Madrid, Barcelona und anderen Großstädten kommen schon lange nicht mehr mit der Armenspeisung nach. Überall gibt es vor den Speisesälen lange Schlangen. Mancherorts müssen Bedürftige wochenlang auf einen freien Speiseplatz warten. "Bis ich zum Zug komme, bin ich schon verhungert", schrieb ein Essensuchender in einem Protestbrief. Deswegen formieren sich inzwischen auch Bürgerinitiativen, die abseits der offiziellen Hilfspfade Essbares organisieren: Auch sie durchforsten Müll, bitten zudem Großhändler und Gastwirte um Spenden.
In Madrid hat die Initiative "Comida Basura" (Müllessen) sogar eine mobile Küche aufgetrieben, mit der sie durch die Armenviertel zieht und Essen verteilt. "Das ist einfach notwendig, wenn es der Bevölkerung immer schlechter geht", sagt einer der Aktivisten, der sich als Luis vorstellt. Der junge Mann und seine Freunde von "Comida Basura" begehen mit ihrer Hilfsbereitschaft theoretisch eine Ordnungswidrigkeit. Denn in Madrid ist es verboten, die Mülltonnen zu durchwühlen. Doch ein Sprecher der Stadtverwaltung beruhigt: Die Armen, die in der Stadt im Abfall nach Essbarem suchen, "werden auf keinen Fall bestraft".
Auch die Zahl der Obdachlosen nimmt zu. Allein im letzten Jahr wurden rund 60.000 Menschen in Spanien von ihrer Bank aus der Wohnung geklagt, weil sie ihre Hypothek nicht mehr bezahlen konnten. Viele stehen danach buchstäblich auf der Straße. Den meisten "neuen Armen" sieht man die Not freilich nicht an. "Ich bin arm, aber wenn du mich auf der Straße triffst, kannst du dir nicht vorstellen, dass ich aus dem letzten Loch pfeife", erzählt Oscar. Es gebe viel versteckte Armut im Land. "Wir schlafen nicht alle unter der Brücke."
Die Familie als letzte Hilfe
Der 38-Jährige in Jeans und T-Shirt hat vor mehr als zwei Jahren seinen Job auf dem Bau verloren. Das Arbeitslosengeld ist ausgelaufen, er lebt jetzt von der Hand in den Mund. Er ist aus seiner Wohnung, die er nicht mehr bezahlen konnte, zurück zu seinen Eltern gezogen, die ihn mit ihrer mageren Rente mit durchschleppen. "Viele Leute überleben heute nur dank der Hilfen aus ihrer Familie", berichtet ein Sprecher des spanischen Roten Kreuzes. Zugleich gebe es "immer mehr verzweifelte Eltern, die wählen müssen, ob sie ihren Kindern etwas zu essen kaufen oder die Monatsrate für die Wohnungshypothek bezahlen".
Auch wenn das beste soziale Netz im spanischen Königreich bisher immer noch die eigene Familie war, weil vom Staat keine Hilfe zu erwarten ist: Den Familien geht langsam, aber sicher die Luft aus: Enric Morist, Rot-Kreuz-Koordinator im nordspanischen Katalonien, ist erschüttert über das neue Elend: Die Situation in Spanien sei, befindet er, mancherorts "nicht mehr weit" entfernt von jener in der Dritten Welt.













