Lendvai: "Krise ist Wasser auf den Mühlen der Extremisten"
Paul Lendvai analysiert die politischen Folgen der Wirtschaftskrise und die Situation der neuen USA.

Foto © APA/ORF Paul Lendvai
Ungarn segelt mit seinem Staatshaushalt derzeit am Abgrund entlang, manche befürchten gar den Staatsbankrott. Haben Sie große Angst um Ihr Geburtsland?
PAUL LENDVAI: Nein, Ungarn hat schon soviel durchgemacht, dass es das wahrscheinlich auch überstehen wird. Ich würde größere Angst um Österreich haben, weil meine Existenz hier in Österreich ist. Meine Erinnerungen sind in Ungarn.
Warum hat die Finanzkrise ausgerechnet den einstigen Musterschüler Ungarn so getroffen?
LENDVAI: Die Krise ist in erster Linie hausgemacht. Die Ungarn haben über ihre Verhältnisse gelebt. Zwischen 2001 und 2005 erhöhten sich die Realverdienste um 33 Prozent und die wirtschaftliche Leistung nur um 18 Prozent. Großzügig wurden Sozialleistungen verteilt. Alle Regierungen - die jetzige wie auch frühere - sind daran schuld.
Erwarten Sie, dass außer Ungarn noch andere Länder Osteuropas durch die Finanzkrise stärker erschüttert werden?
LENDVAI: In der Ukraine ist die Situation genauso schlimm, es gibt unglaubliche Probleme in Bulgarien und Rumänien, mit einer gewissen Verzögerung kommt das auch in die Slowakei und nach Tschechien. Der Unterschied ist, dass man im Ausland diese Probleme von Ungarn nicht gewohnt war. Aber es wäre ein großer Fehler, wenn man diese Länder abschreiben würde. Die Wirtschaftsleistung und die Produktion sind in den letzten Jahren in viel höherem Ausmaß gewachsen als in den westeuropäischen Staaten. Die österreichischen Exporte in diese Länder haben sich verachtfacht.
Wie wird sich die Wirtschaftskrise auf die globalen Machtverhältnisse auswirken? Wird ein finanziell so schwer getroffenes Land wie die USA nicht auch in seiner Rolle als politische Führungsmacht geschwächt?
LENDVAI: Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass Amerika unglaubliche Reserven hat. Russland dagegen ist noch immer ein gigantisches Dorf, von Korruption zerfressen. Am Krankenbett des Kapitalismus sitzen auch die Chinesen. Doch die Dinge entwickeln und verändern sich derzeit rasant. Ich bewundere die Leute, die immer alles wissen und voraussagen. Vor kurzem hatten wir noch eine Höllenangst vor den explodierenden Ölpreisen und vor dem aufstrebenden Russland. Und jetzt sind auf einmal die Russen in größten Schwierigkeiten. Sie haben das Geld aus dem Ölgeschäft nur verwendet, um Palais an der Riviera, Yachten und Fußballmannschaften zu kaufen und nicht für die Modernisierung ihrer Wirtschaft.
Wer werden die Gewinner, wer die Verlierer der Krise sein?
LENDVAI: Es ist eine globale Krise und es gibt nur globale Verlierer. Eine über mehrere Jahre dauernde Wirtschaftskrise oder Rezession, wenn die Zahl der Arbeitslosen steigt, ist Wasser auf den Mühlen der Extremisten, links wie rechts. Wir werden das bewältigen. Aber ich glaube, es ist sehr schlecht für die Schwellenländer, für die Balkanländer, für die Entwicklungsländer und Flüchtlinge. Es wird viel, viel schwieriger sein, humane Werte zu verteidigen, auch Ökologie.
Ist Barack Obama der richtige Mann, um die Probleme zu lösen?
LENDVAI: Ich wäre glücklicher, wenn Hillary Clinton Präsidentin geworden wäre, weil sie mehr Erfahrung hat. Doch trotz aller Nachteile ist es phantastisch, dass er gewonnen hat. So etwas ist nur in Amerika möglich. Ich hoffe nur, dass ihm nichts passiert.













