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Zuletzt aktualisiert: 20.09.2012 um 05:08 UhrKommentare

"Wir sind mit grünen Produkten auf Kurs"

Siemens-Vorstand Peter Löscher meint, befragt zum Siemens-Sparpaket: "Es steht im Oktober, die Folgen in Österreich sind offen. Interview von Adolf Winkler. Außerdem eröffnete Siemens mit "The Crystal" das nachhaltigste Gebäude der Welt in London.

Peter Löscher

Foto © APA/Peter KneffelPeter Löscher

Wir befinden uns hier in einem der grünsten Gebäude der Welt. Was würden Sie sich davon für den privaten Hausbau auf jeden Fall abschauen?

PETER LÖSCHER: Ganz einfach: Energieeffizienz rechnet sich und zahlt sich aus! Die günstigste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird - das gilt auch für den privaten Hausbau.

The Crystal ist Auslage und Denkfabrik für u Grüne Städte. Nennen Sie uns eine Vorbildstadt, die diesen Titel schon verdient?

LÖSCHER: Es geht den Städten fast immer um folgende Themen: Verbesserung der Mobilität, Sicherheit, Wasserversorgung, saubere Luft, weniger und effizientere Nutzung von Energie. Um das in den Griff zu bekommen, bedarf es weitsichtiger Planung. Singapur hat den Prozess der Stadtplanung systematisch und analytisch vorangetrieben. Das ist weltweit wirklich ein Vorbild. Ein Stadtstaat hat natürlich ein anderes politisches Rahmenwerk, aber wenn es um die reinen planerischen Aufgaben geht, dann ist es exzellent. Aber auch andere Städte denken fortschrittlich und probieren neue Möglichkeiten. Ein Beispiel ist die Smart Grids Region Salzburg.

Was bedeutet für Sie Nachhaltigkeit in einem gewinnorientierten Unternehmen wie Siemens?

LÖSCHER: Nachhaltigkeit ist Teil unserer Unternehmensstrategie. Für uns ist Nachhaltigkeit kein Lippenbekenntnis. Die drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung - Ökonomie, Ökologie und Soziales - bestimmen unser Handeln.

Ist der Euro nachhaltig?

LÖSCHER: Ich glaube fest an den Euro und beteilige mich nicht an den Spekulationen über dieses oder jenes Szenario.

Bringt die Bevölkerungsexplosion der Städte das Wachstum der Zukunft?

LÖSCHER: Das Tempo des weltweiten Städtewachstums ist atemberaubend: Schon heute lebt mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten, 2050 sollen es 70 Prozent sein. Das bringt gewaltige Herausforderungen mit sich. Die Stadtmanager müssen ihre Infrastrukturen kräftig ausbauen. Gleichzeitig sollen die Städte ihren Energiebedarf und CO2-Ausstoß reduzieren. Da eröffnen sich ohne Zweifel gute Marktchancen für umweltschonende Infrastrukturlösungen. Aber es gibt natürlich weitere Wachstumsfelder auf die wir setzen, nämlich die Bereiche, in denen wir tätig sind: Gesundheitswesen, Energieerzeugung und -versorgung sowie Industrielösungen.

The Crystal steht für Ihre neue Industriesparte Städte und Infrastruktur. Hoffen Sie, mit dieser Sparte den weiten Umsatzsprung von derzeit 72 Milliarden auf die 100 Milliarden Euro, die Sie zum Ziel gesetzt haben, zu schaffen?

LÖSCHER: Unsere Strategie für profitables Wachstum Richtung 100 Milliarden Euro steht. Dazu sollen alle vier Sektoren von Siemens beitragen.

The Crystal steht auch für die Energiewende, mit der Siemens aber in der Solarsparte und bei nicht ans Netz gebrachten Offshore-Windkraftwerken 500 Millionen Euro abschreiben musste. Wie justieren Sie den grünen Kurs?

LÖSCHER: Wir sind mit unseren grünen Produkten auf Kurs. Richtig ist, dass sich die Solarindustrie insgesamt nicht so entwickelt hat, wie man das erwartete. Die Probleme mit der Netzanbindung der Offshore-Windparks haben wir erkannt und arbeiten an den Lösungen. Aber noch mal: unser grünes Portfolio entwickelt sich erfolgreich. Wir haben im letzten Jahr bereits 30 Milliarden Umsatz damit gemacht.

Die Eurokrise schlägt sich in rückläufigen Industrieaufträgen nieder, die auch Siemens spürt. Wo trifft es Sie besonders und wo halten Sie dagegen?

LÖSCHER: Das Marktumfeld war im dritten Quartal ungünstiger, insbesondere für die kurzzyklischen Industriegeschäfte. Alle Sektoren erzielten im dritten Quartal ein Umsatzwachstum. Healthcare wuchs auf breiter Basis. Bei Energy unterstützte die Abarbeitung des hohen Auftragsbestands das Wachstum. Infrastructure and Cities sowie Industry erwirtschafteten moderate Zuwächse.

Das Gewinnziel von 5,2 Milliarden Euro für das laufende Geschäftsjahr haben Sie als schwer erreichbar bezeichnet. Ist es noch realistisch, wenn die Auftragseingänge um ein Drittel zurückgehen?

LÖSCHER: Angesichts des verschlechterten Umfelds hatten wir nach unserem dritten Quartal erläutert, dass es ambitionierter geworden sei, unsere Prognose zu erreichen. Die Ergebnisse für das Geschäftsjahr werden dann Anfang November vorliegen.

Welche Maßnahmen sind im angekündigten Sparpaket, bei dem angeblich 10.000 Mitarbeiter abgebaut werden sollen, vorgesehen?

LÖSCHER: Derzeit wird das Programm intern ausgearbeitet. Wir werden auf der jährlichen weltweiten Führungskräfte-Tagung Anfang Oktober die grundsätzliche Struktur vorstellen und im November das gesamte Programm.

Wie trifft der Sparkurs Siemens Österreich mit 7500 Mitarbeitern?

LÖSCHER: Wie gesagt, es ist noch zu früh, um über Details zu sprechen.

Welche Potenziale hat Siemens Österreich bei Nachhaltigkeit?

LÖSCHER: In Österreich sehen die Ausbaupläne eine Verzehnfachung bei Photovoltaik und eine Verdreifachung bei Wind bis 2020 vor. Doch die Netze mit ihrem jetzigen Aufbau sind weder für den steigenden Strombedarf noch für den zunehmenden Anteil stark schwankender Stromerzeugung ausgelegt. In der jetzigen Netzarchitektur ist auch keine Erfassung von privat erzeugtem Strom, etwa durch eine Photovoltaikanlage am Dach, der in das Stromnetz eingespeist wird, vorgesehen. Besonders das Verteilnetz muss zu einem Smart Grid - also einem intelligenten Netz - ausgebaut werden.

In Deutschland ist die Energiewende, die Sie als Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel vertreten, ins Stocken geraten.

LÖSCHER: Die Energiewende in Deutschland ist eine Mammutaufgabe und ein Jahrhundertprojekt. In nur zehn Jahren soll die komplette deutsche Energieversorgung umgebaut werden. Ich bin davon überzeugt, dass dies grundsätzlich machbar ist, aber die Ziele sind sehr ehrgeizig und wir sind erst am Beginn.

ADOLF WINKLER, LONDON


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