Michelangelos Marmor in der Tube
In der Antike war er noch der begehrteste Baustoff, heute wird Zahnpasta aus ihm hergestellt: Marmor aus Carrara. Von Julius Müller-Meiningen

Foto © Fotolia / mnoveloMarmor aus Carrara
Die Gipfel wirken wie mit Zuckerguss bedeckt. Oder als seien sie tief verschneit. Doch nicht Schnee, sondern der weltberühmte Carrara-Marmor glänzt von den Gipfeln.
Michelangelo hat aus diesem Stein die Pietà geschaffen, die jährlich von Millionen Besuchern im Petersdom in Rom bewundert wird. Oder seinen David, die bekannteste Skulptur der Kunstgeschichte. Das Pantheon in Rom wurde teilweise mit Carrara-Marmor verkleidet, ebenso die Kathedralen in Siena und Florenz. Einst war er das große Kapital dieser Gegend. Heute behaupten immer mehr Menschen, der Marmor sei Carrara zum Verhängnis geworden.
Elia Pegollo steht in 1200 Meter Höhe und blickt in das Colonnata-Tal über Carrara in der Toskana. Die Luft ist trübe, doch die Hänge glänzen hell. Zickzackwege führen über den ganzen Hang oder über das, was noch von ihm übrig geblieben ist. Denn was von unten im Tal wie eine natürliche Schönheit wirkt, stellt sich aus der Nähe als einzigartige Zerstörung dar.
Der natürliche Verlauf des Berges ist durch große Einschnitte brüsk unterbrochen. Fast überall auf dem Gebiet der Gemeinden Carrara und Massa sieht es so aus wie in einem Kiefer, in dem ein Zahnarzt gewütet hat. Die Massive sind ausgehöhlt, entkernt, abtransportiert. "Der Berg wird aufgeschnitten, als sei er Butter", sagt Pegollo und schüttelt traurig den Kopf. Der Umweltaktivist wurde vor 74 Jahren in dieser Gegend geboren, sein Vater arbeitete 63 Jahre lang als "capocava", als Vorarbeiter im Marmorbruch.
Abfallprodukt
Pegollo gehört zu dem Verbund von Naturschützern und Vereinen, die sich unter dem Namen "Salviamo le Apuane" zusammengeschlossen haben, insgesamt sind über 5000 Menschen in diesem Netzwerk organisiert, die sich für einen sanften Abbau des Marmors einsetzen. Vor 100 Jahren wurden 120.000 Tonnen Marmor jährlich abgebaut. Heute sind es fünf Millionen Tonnen im Jahr. "Damit könnte man eine zwei Zentimeter dicke Straße von Florenz nach Stockholm pflastern", sagt Pegollo. Von den fünf Millionen Tonnen erreicht nur eine Million als Marmorblöcke ihr Ziel. Der überwiegende Rest, beinahe 80 Prozent der abgebauten Masse, wird zu Staub.
Seit den 90er-Jahren konzentriert sich der Abbau weniger auf die schweren Marmorblöcke, die für den Bau oder früher für die Bildhauerei verwendet wurden.
Das viel größere Geschäft ist inzwischen der Handel mit den Abfallprodukten, die beim Abbau anfallen. Die Marmorsplitter werden in Mühlen zu feinem Pulver zermahlen, das als Kalziumkarbonat in verschiedenen Industrien begehrt ist. Kalziumkarbonat ist nicht nur ein Bleichmittel, sondern wird auch zur Herstellung von Lacken und Farben verwendet. Außerdem dient es als Ersatz für Holzstoff im Papier und Füllstoff in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie. In vielen Semmeln steckt Kalziumkarbonat ebenso wie in der Zahnpasta.
So hat die Nutzung des weltberühmten Marmors von Carrara eine seltsame Entwicklung hingelegt: In der Antike war er der begehrteste Baustoff überhaupt, in der Renaissance diente er den größten Künstlern als Rohmaterial für ihre Skulpturen. Heute werden mit ihm Zahnpastatuben gefüllt. Dafür wird eine 53 Kilometer lange Bergkette zerstört. "Es ist ein Desaster", sagt Pegollo.














