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Zuletzt aktualisiert: 05.09.2012 um 19:57 UhrKommentare

Beim Verbund beginnt eine neue Ära

Ein Milliardendeal wirbelt die Strom-Branche auf: Der Verbund beendet Türkei-Engagement, kauft deutsche E.ON-Kraftwerke und ändert die Konzernstrategie.

Foto © APA

Unter strengster Geheimhaltung wurde am Mittwoch einer der größten Deals der jüngeren Industriegeschichte besiegelt: Der Energiekonzern Verbund steigt nach fünf Jahren aus dem Türkei-Geschäft wieder aus und wendet sich stattdessen noch stärker dem deutschen Energiemarkt zu. Das Milliardengeschäft bedeutet einen weitreichenden Strategiewechsel, der zahlreiche andere Bereinigungen am Energiemarkt und speziell im Verbund-Konzern nach sich ziehen wird.

Gerüchte gab es schon länger, doch erst am Mittwoch gelang bei den Verhandlungen der Durchbruch. "Die Sache ist gelaufen - noch nicht rechtlich, aber mental", sagt ein Insider zur Kleinen Zeitung. Demnach verkauft der Verbund seine Beteiligung am türkischen EnerjiSA-Joint-Venture an die deutsche E.ON und übernimmt im Gegenzug deutsche Wasserkraftwerke mit einer Jahreserzeugung von mehr als zwei Milliarden Kilowattstunden.

Das türkische Projekt, das neben Gas- und Kohlekraftwerken ein Stromnetz mit 3,5 Millionen Kunden in der Nähe von Ankara umfasst, gilt zwar als wachstumsstarkes Geschäft. Immerhin wächst der türkische Strombedarf auch künftig um acht Prozent jährlich. Doch die Währungsschwankungen der türkischen Lira sind lästig. Und mit dem türkischen Projektpartner, der Sabanci-Gruppe, gab es zunehmend Reibereien.

Streit um Stromnetz

So wurde kürzlich ein weiteres Stromnetz nicht gekauft, weil es zu teuer war und aus Verbund-Sicht die Rentabilität fehlte. Sabanci hatte höchste türkische Politiker für den Deal in Stellung gebracht, der Verbund hielt dem Druck aber stand. Danach war der Ärger groß.

Im Verbund nährte dieser Vorfall Befürchtungen, der türkische 50:50-Partner könne mit seinem besseren Draht zur Politik bald übermächtig werden. Außerdem passen Netze nicht in die neue Verbund-Strategie. Diese lautet: Erstens will man bei allen Projekten Mehrheitseigentümer sein, zweitens sieht man sich als reiner Erzeuger, nicht als Verteiler.

Die E.ON-Wasserkraftwerke passen punktgenau ins Verbund-Portfolio. Der Fokus liegt stark auf erneuerbarer Energie, erst kürzlich wurden ja Innkraftwerke und fünf deutsche Windparks mit 255 Gigawattstunden erworben. Gemeinsam mit den E.ON-Kraftwerken wird der Verbund dann 95 Prozent seiner Erzeugung aus erneuerbaren Quellen speisen.

Für E.ON ist das Geschäft ebenfalls sinnvoll, weil dem deutschen Konzern ein Wachstumsmarkt fehlt. Die Märkte Indien und Brasilien sind schwierig, in der Türkei waren die Deutschen zu spät dran. Ob freilich die deutsche Politik den "Ausverkauf" hinnimmt, bleibt abzuwarten.

Der Verbund setzt damit die Frontbegradigung zügig fort. Aus den turbulenten Frankreich-Abenteuern hat man sich fast zurückgezogen, nur zwei Gaskraftwerke sind dort noch übrig. Offen bleibt die Baustelle Italien - für den Verbund zwar ein gutes Geschäft, aber nur mit Minderheitsbeteiligung versehen.

Noch heuer abgestoßen werden Verbund-Beteiligungen an den Stadtwerken Klagenfurt (vermutlich an die Kelag) und an der steirischen Stromvertriebstochter Steweag-Steg (an die Energie Steiermark).

ERNST SITTINGER

Fakten

Der Verbund stößt seine Beteiligung am türkischen Energiemarkt an die deutsche E.ON ab. Im Gegenzug setzt er voll auf den deutschen Markt, übernimmt unter anderem die verbliebenen E.ON-Innkraftwerke. Das Verbund-Profil als "sauberer" Erzeuger wird geschärft, Probleme werden bereinigt.

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