"Man muss Griechenland eine Atempause gönnen"
Der Ökonom Stephan Schulmeister über die möglichen Folgen der griechischen Parlamentswahlen.

Foto © APStephan Schulmeister
Was passiert, wenn sich in Griechenland abermals keine Regierungsmehrheit findet?
STEPHAN SCHULMEISTER: Ich war erst unlängst wieder in Griechenland, es schien mir so zu sein, dass in der Frage Pest oder Cholera die Angst vor dem Verlust des Euro größer ist als jene vor der schmerzhaften Sparpolitik. Ich glaube aber auch, dass die EU vorsichtig ein Brückchen für Griechenland baut, schon aus eigenem Interesse.
Wie sieht dieses Brückchen aus?
SCHULMEISTER: In einer schweren Finanzkrise ist nicht der Schuldner, sondern der Gläubiger der größte Verlierer. Aus meiner Sicht darf Griechenland den Euro auf keinen Fall verlassen. Vor allem im Interesse der Deutschen, die beginnen, das auch langsam zu verstehen.
Man müsste Griechenland also entgegenkommen?
SCHULMEISTER: Jeder Ökonom weiß mittlerweile, dass die Depression in Griechenland inzwischen so unglaubliche Dimensionen angenommen hat, dass das Beharren auf den Sparmaßnahmen eigentlich eine fast sinnlose und sadomasochistische Angelegenheit ist. Man muss Griechenland eine Atempause gönnen und sollte den Zeitplan strecken.
Es gibt aber den Vorwurf, dass Griechenland bei den Reformen säumig ist, etwa bei der Einhebung von Steuern.
SCHULMEISTER: Es ist ja bekannt: Wenn in Griechenland nur die Hälfte der gesetzlich geforderten Steuern abgeführt werden würde, hätten sie kein Budgetdefizit mehr. Aber an diesem Thema sind sie schon dran. Nur die Früchte erntet man in dem Fall nicht innerhalb von 12 oder 24 Monaten. Griechenland hat auch das Defizit massiv gesenkt.
Welche Konsequenzen hätte ein Euro-Austritt Griechenlands?
SCHULMEISTER: Es wäre nicht zu verhindern, dass die Menschen in Portugal, Spanien oder Italien ihre Sparguthaben von den Banken abziehen. Dieser Prozess hat ja schon begonnen.
Wie reagieren die Finanzmärkte? Sie haben sich wiederholt für gemeinsame europäische Anleihen ausgesprochen.
SCHULMEISTER: In den letzten Wochen hat sich die Spaltung Europas auf der Zinsfront ganz markant vertieft. Die Zinsen, die Italien und Spanien bezahlen müssen, sind unfinanzierbar, das ist der Weg in den Staatsbankrott. Alle konventionellen Pulver wurden schon verschossen. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Man versucht jetzt, gemeinsame europäische Anleihen so zu verpacken, um sie den Deutschen doch noch schmackhaft zu machen.














